Frank Baier

* 12.2.1943 bei Braunschweig
† 9.4.2022 Duisburg

23. Mai 2022

Lesezeit: 3 Minute(n)

Frank Baier hörte ich zum ersten Mal in der Küche meiner Eltern im Duisburger Norden. Es war Sonntagvormittag, ich war fünfzehn und spielte seit einem Jahr Gitarre. Er trat in der Matinee der Liedersänger auf, einer der legendären Radiosendungen jener Tage. „Wie würdest du beschreiben, was du machst“, fragte der Moderator. Und Frank antwortete: „Lieder vom Alltag im Ruhrgebiet, von den Menschen, die hier leben, und von denen, mit denen wir uns tagtäglich rumärgern müssen.“ Und dann „prizzelte“ er los, wie er es nannte, mit Ukulele und Mundharmonika: „Vonne Maloche direkt nach Haus …“

Einige Lieder weiter die „Karriere der Marion S.“. Auch heute, wo ich viele Jahre später das Konzert von Konserve noch einmal höre, berührt mich diese Geschichte aus der Sicht einer Sechzehnjährigen, die Frank deutlich vor Wir Kinder vom Bahnhof Zoo veröffentlichte. Ganz ohne Reime wird der Abstieg einer Jugendlichen beschrieben, nah dran an ihrem Alltag, mit harten Worten von Prostitution und Drogen und dem zornigen Refrain: „Schenk mir deine Wut, ich kann sie gebrauchen.“

Frank hatte eine besondere Art von Timing beim Singen, ab und an setzte er die Silben vor die „Eins“, einen Tick zu früh vor dem eigentlichen Beginn des Taktes, man wusste nie ganz genau wann und wo, es gab seinem Vortrag etwas Improvisiertes, Unmittelbares, als würde der Song gerade im Augenblick entstehen.

Und er hatte ein sicheres Gespür für die Themen, die die Menschen um ihn herum bewegten. Auch da war er in vielem beeindruckend früh. Er sang schon vor fünfzig Jahren für bezahlbares Wohnen und gegen Spekulanten, half ein Atomkraftwerk in Kalkar zu verhindern und spielte lange vor den Morden in Mölln und Solingen deutsch-türkische Lieder gemeinsam mit Mesut Çobancaoğlu.

1979 half er mit seinen Liedern, die Duisburger Rheinpreußen-Siedlung vor dem Abriss zu retten und in eine Genossenschaft zu überführen.

Die Fotos vom Solidaritätskonzert mit den Hungerstreikenden aus der Siedlung vor dem Duisburger Rathaus, wohin er kurzfristig seine Geburtstagsfeier verlegt hatte, zeigen ihn im Kreise von Helge Schneider, Fasia Jansen und vielen anderen. „Bloß kein großes Büffet mitbringen, die hungern!“, hatte er seine Gäste auf der Einladung noch ermahnt.

Frank war aber weitaus mehr als ein „Protestsänger“ aus dem Ruhrgebiet. Sein kleines Häuschen in Duisburg-Homberg, das nun wieder zurückgeht an die von ihm mitbegründete Genossenschaft, diente ihm als Wohnraum, Werkstatt, Tonstudio und Archiv. Bis unter die Decke stapelte er Hunderte von Tonbändern, VHS- und Musikkassetten mit Konzertmitschnitten, Interviews mit ehemaligen Bergarbeitern, deren Lieder er sammelte, auf Schallplatten aufnahm und in Liederbüchern veröffentlichte. Daneben unzählige Fotos, Programmhefte und handgeschriebene Reisetagebücher, in denen er akribisch seine Eindrücke von Begegnungen auf Sardinien, in Griechenland und vielen anderen Ländern in Wort und Bild festhielt, manche davon Kunstwerke an sich, nicht zuletzt ein halber Regalmeter von der Madagaskartournee 1983.

Frank philosophierte gern und dachte über das Erlebte nach. Angst hatte er vor allem vor Erstarrung, er war ständig in Bewegung und „am Machen“. Gerechtigkeit war sein großes Thema und der Missbrauch von Macht. Und dennoch bleibt viel weniger seine Wut als sein Lachen in Erinnerung. Frank strahlte, er fand das Leben großartig. Er starb, glücklich verheiratet, mitten im Schaffen in seinem achtzigsten Lebensjahr.

Michael Zachcial

Nachtrag

Zuletzt schrieb Frank Baier anhand seiner Lieder an einer Autobiografie und plante ein großes Fest zu seinem Geburtstag im nächsten Februar. Bis dahin sollen auch weiterhin alle seine Lieder auf seiner Website frank-baier.de stehen. Das Archiv geht, wie von ihm gewünscht, nach Freiburg ins Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ehemaliges Deutsches Volksliedarchiv).

Foto: Thomas Range

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