Stille Tränen

Payadora Tango Ensemble, Silent Tears – The Last Yiddish Tango (Six Degrees)

4. Juni 2023

Lesezeit: 2 Minute(n)

Die Musik von „Stille Tränen“ basiert auf Gedichten, Zeugnissen und Schriften von Frauen, die während des Holocausts Opfer von sexueller Gewalt und Folter waren. Einige der Lieder stammen aus einem Projekt unter der Leitung von Dr. Paula David, einer Sozialarbeiterin in einem jüdischen Pflegeheim in Toronto, die in der Regel verwaisten Überlebenden half, ihre Traumata durch das Verfassen kollektiver Gedichte zu verarbeiten – meist bereits der Demenz Verfallene, deren Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktionierte, deren kaum beschreibbare Kindheitserlebnisse dafür umso stärker nachwirkten. Andere stammen von Molly Applebaum, einer in Toronto lebenden Autorin, die als Jugendliche während des Krieges in einer kleinen Holzkiste in einer Scheune in Polen in den Boden vergraben wurde. Sie führte ein Tagebuch über ihre Tortur im Untergrund, in dem sie den Schmutz, den Hunger, den Durst, die Kälte, die Läuse und andere Ungeziefer, die Langeweile und letztlich den sexuellen Missbrauch festhielt.

Das 2013 gegründete Ensemble Payadora spannt einen weiten Bogen von den Höhepunkten der Tangotradition von Buenos Aires bis zu einer Reihe von Eigenkompositionen. Insbesondere in der Zwischenkriegszeit (1918-1939) galt Warschau mit 370.000 Juden (rund 30 Prozent der Bevölkerung) als die europäische Hauptstadt des Tangos. Robert Horvath (p), Drew Jurecka (v, bandoneon), Joseph Phillips (g, b) und Rebekah Wolkstein (v) bilden das musikalische Gerüst dieses Albums mit meist in jiddischer, zum Teil in polnischer Sprache gesungenen Liedern. Die Gesangsparts übernehmen in musikalischer Kooperation die Sängerinnen Aviva Chernick, Lenka Lichtenberg, Olga Avigail Mieleszczuk und Marta Kosiorek, Sergiu Popa steuert Akkordeonklänge bei. Produziert hat Dan Rosenberg. Vier der insgesamt neun Titel sind von Wolkstein komponiert, weitere vier von Artur Gold (1897-1943). Der Violinist Gold leitete in Warschau eine der bekanntesten Tanzkapellen. Ab 1940 trat er im Warschauer Ghetto im Nowoczesna-Restaurant auf, während er ab1942 für das Häftlingsorchester im Vernichtungslager Treblinka verantwortlich war, in dem er ein Jahr später ermordet wurde. Es ist bedauerlich, dass die Texte im Begleitheft nur in englischer Übersetzung vorliegen.

Matti Goldschmidt

Foto oben: Peter Yuan

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