Mit ihr verliert die irische Musik eine der prägnantesten Stimmen ihres Revivals. Dolores Keane kam aus einer überaus musikalischen Familie. Ihre Tanten, Rita und Sarah Keane, bei denen sie aufwuchs, waren die Sorte traditionelle Sängerinnen, zu denen junge Musikschaffende pilgerten, um Lieder und Gesangsstile zu lernen, die in Vergessenheit zu geraten drohten. Auch die kleine Dolores lernte von ihnen und hatte ihren ersten öffentlichen Auftritt im irischen Rundfunk schon mit fünf Jahren.
Als erste Sängerin der legendären De Danann gelangte sie in den Siebzigern zu internationalem Ruhm. Sie blieb jedoch nicht lange bei der Band, sondern bildete ein Duo mit ihrem späteren Ehemann John Faulkner – in Deutschland waren die beiden 1978 und 1988 beim Irish Folk Festival zu hören. Nebenbei forschte Keane, zum Beispiel für eine BBC-Dokumentation über die Lieder von Prince Edward Island in Kanada.
Ihr Gesangsstil war klar beeinflusst vom irischen Sean-nós-Gesang, und was sie auch sang war immer in ihrem eigenen, unverwechselbaren Stil. Nachdem sie durch ihre Mitwirkung an dem Album A Woman’s Heart (1992), auf dem sich die damalige Creme irischer Künstlerinnen ein Stelldichein gab, endgültig Weltruhm erlangt hatte, versuchte sie sich auch außerhalb der traditionellen Musik und überzeugte mit Interpretationen von Liedern so verschiedener Komponisten und Texter wie Steve Winwood oder Guy Clark. Dass sie nebenbei auch hervorragend Irish Flute und Tin Whistle spielte, wird über die Begeisterung für ihre Stimme oft vergessen.
Sie war auch eine der Ersten, die offen über die Probleme von Musikerinnen in einer männerdominierten Szene sprach, kritisierte das Machoverhalten von Kollegen und bahnte den Weg für die nächste Generation irischer Sängerinnen. Ebenso offen ging sie mit ihren privaten Problemen um – etwa in Bezug auf ihren aus der Ehe mit Faulkner hervorgegangenen und mit dem Bardet-Biedl-Syndrom geborenen Sohn, die traumatische Trennung von ihrem Mann, ihren Alkoholismus oder ihre Krebserkrankung, der ihre markanten roten Haare zum Opfer fielen.
Ihr Tod kam für die Öffentlichkeit überraschend. Eine Todesursache wurde nicht bekanntgegeben; ihr Bruder Seán Keane – selbst ein berühmter Fiddlespieler – teilte lediglich mit, sie sei friedlich im Schlaf gestorben. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof von Donaghpatrick bei Headford im County Galway.
Gabriele Haefs
Foto: Dolores Keane 1985_Tony 1212, Wikimedia CC BY-SA 4.0 sw




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