Gertrude Degenhardt

* 1.10.1940 New York, USA
† 12.11.2025 Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern

14. Februar 2026

Lesezeit: 2 Minute(n)

Schon das Haus, in dem die Familie Degenhardt in Mainz-Gonsenheim lebte, wirkte wie ein Sujet aus der Kunstwelt Gertrude Degenhardts. Ein in die Jahre gekommener Altbau, der völlig zu zerfallen drohte. Auf jeder Ebene des Zweigeschossers gab es kleine Zimmer, die über eine schmale Treppe erreicht werden konnten. Es scheint fast, als hätte die Lithografin und Zeichnerin ihre humorvolle Kunst aus diesem Setting heraus entwickelt.

Den Weg zu einem breiteren Publikum fanden sie vor allem durch Plattencover. Viele davon für ihren Schwager Franz Josef Degenhardt, aber auch für befreundete Musiker wie die Folk Friends oder Zupfgeigenhansel. Ikonen der Siebziger wie Werner Lämmerhirt oder Hannes Wader gehörten ebenfalls zum Freundeskreis Gertrude Degenhardts und gingen bei ihr ein und aus.

Viel Zeit wurde auch in einem Haus in der Nähe von Galway in Irland verbracht, und es scheint, als finde sich eine spezifisch irische Lebensweise in ihrem grafischen Werk wieder, wie diese in den Werken Liam O’Flahertys beschrieben wurde, zu dessen deutscher Herausgabe des Kurzgeschichtenbands Der Stromer Degenhardt grafische Arbeiten beisteuerte. Dazu gesellten sich weitere für Buchausgaben der Werke François Villons.

Die trunkenen, überdrehten Musikschaffenden und vagabundierenden Fahrensleute ihrer Werke scheinen vor dem Hintergrund der irischen Landschaft entstanden zu sein. Zudem geht die eigenwillige Stilistik ihres künstlerischen Striches über das hinaus, was grafische Kunst an sich ist: Ihr Schaffen lag näher am Künstlerischen. Die von ihr gestalteten Plattencover erinnerten an mittelalterliche Musik oder an etwas, das mit Till Eulenspiegel zu tun hatte. Die Kritik des Bürgerlichen, die es auf diesen Platten zu hören gab, lag der Lebens- und Kunstwelt Degenhardts näher, auch wenn in ihren Arbeiten bürgerliche Typen kaum eine Rolle spielen.

Anerkennung erhielt Gertrude Degenhardt für ihr Werk auch außerhalb der Musikwelt, wobei es immer wieder zu größeren Ausstellungen und Auszeichnungen für ihre Arbeiten kam. Ihr künstlerischer Traum von der großen Anarchie, die sich in ein reiches, einfaches Leben verwandelt, ist nun ausgeträumt.

Michael Freerix

Foto: privat

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