Lata Donga

Mittsommernachtsträume in Lettland

5. Juli 2019

Lesezeit: 5 Minute(n)

Sie graben nach Schätzen in den Tiefen lettischer Folktradition. Sie sind ausgerüstet mit Kokle-Zithern, orientalischer Percussion und den schönsten Stimmen des Baltikums. Sie haben ein feines Gespür für das Weibliche und das Göttliche. Und polieren jahrtausendealte Lebensweisheiten auf Hochglanz. Mutter Aīda Rancāne, Vater Andris Kapusts und die beiden Töchter Asnate und Aurēlija Rancāne sind Lata Donga – ein Familienensemble wie aus dem Märchen. Gerade ist in Deutschland ihr neues Album Variācijas erschienen.
Interview: Babette Michel

Auf einem der Fotos im Booklet schaut ihr sehr konzentriert in eine Richtung. Was seht ihr?

Den Sonnenaufgang am Horizont. Die Sonne ist in Lettland das Zentrum der Lebensweisheit. Wir folgen ihrem Licht ein Leben lang. Und wir singen zu ihr.

Ihr habt euch am Meer fotografieren lassen.

In der Mythologie ist das Meer der Ort, an dem die Welt geboren wurde. Wahrscheinlich hat uns das Unterbewusstsein dorthin gelenkt. Mit Lata Donga wollen wir ja auch eine neue musikalische Welt schaffen.

Was bedeutet Lata Donga?

Der Bandname besteht aus Wörtern aus zwei uralten indoeuropäischen Sprachen: aus dem Sanskrit und aus dem Lettgallischen. Wir kommen aus der historischen Landschaft Lettgallen im Osten Lettlands. Lata bezeichnet im Sanskrit eine rankende Pflanze, eine Blume. Gleichzeitig steht es für ein Mädchen, das so rank und schlank wie ein Zweig ist. Auch der weibliche Teil im tantrischen Kult heißt Lata. Donga ist im Lettgallischen das Wort für eine Stelle im Raum, wo sich die Geister und Götter aufhalten. In Lata Donga verbinden wir nun beide Bedeutungen – das Weibliche und das Sakrale.

Wie lasst ihr diese spirituellen Aspekte und das Spiel mit den weiblichen und männlichen Kräften in die Musik einfließen?

Diese Kräfte treffen in den Liedern und Ritualen aufeinander, die es bei den über die Jahreszeiten verteilten Festen gibt: Sommersonnenwende, Ostern, Tagundnachtgleiche im Frühjahr, Weihnachten, Wintersonnenwende, Familienfeste, Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen. Und diese Lieder singen wir.

Lata Donga

Foto: Sandra Jascherica

Ihr seid ein Familienunternehmen. Welche musikalischen Hintergründe habt ihr vier?

Andris hat an einer der besten Musikschulen Lettlands studiert. In seiner Jugend war er begeistert von östlicher Philosophie – bis er entdeckte, dass die Volkslieder und die Lebensweise der Menschen in Lettland die gleiche Weisheit enthalten. Viele Jahre hat er für eine Regierungsorganisation die Aktivitäten von Folkbands in Lettland koordiniert. Vor mehr als dreißig Jahren gründete er mit seiner Frau Aīda die Folkband Grodi, deren Leiter er bis heute ist. Aīda wurde in einem entlegenen lettgallischen Dorf geboren und hat die Tradition dieser Gegend im Blut. In der Musikschule lernte sie Akkordeon und beschäftigte sich autodidaktisch mit dem Spiel auf der Geige. Sie hat viele Bücher über traditionelle Kultur geschrieben und das Soloalbum Rudzubalssveröffentlicht. Aurēlija studiert visuelle Kommunikation an der Lettischen Kunstakademie. In ihrer Freizeit singt sie in verschiedenen Folkmusikprojekten. Das Geigenspiel hat sie in der Musikschule gelernt, beim Singen hingegen hat sie sich von traditionellen Sängerinnen und Sängern inspirieren lassen. Asnate ist Musikethnologin, traditionelle Musikerin und hat auch Chorleitung studiert. Sie leitet das Folkmusikstudio Garataka und das Ethnoensemble Tautumeitas. Sie hat als Geigerin ihren eigenen Stil entwickelt.

Welche Vor- und Nachteile hat das Musikmachen im Rahmen der Familie?

Einerseits verstehen wir uns perfekt. Wir kennen unsere Qualitäten und Fähigkeiten. Andererseits sind wir manchmal so kreativ, dass wir kein Ende finden. Dann beherrscht das Musikmachen unser Wohnzimmer, unsere Küche, und die Alltagsbedürfnisse einer Familie geraten ins Hintertreffen.

Wie war das bei euren Eltern/Großeltern? Konnten sie lettische Volksmusik in der Sowjetunion überhaupt ausleben?

In der Sowjetunion wurde Volksmusik als ideologisches Mittel benutzt: bei Veranstaltungen, im Fernsehen, im Radio. Die traditionelle Kultur bekam einen aufgesetzten Showcharakter, das tiefe Wissen um das Leben blieb verborgen. Es war verboten, zu Weihnachten beziehungsweise zur Wintersonnenwende das Wort dievs („Gott“) zu benutzen. Ebenso war es untersagt, das beliebte Sommersonnenwendfest Jāņi zu feiern. Aīdas Vater spielte noch ein wenig Geige in einer Dorfband und sang in einem Chor. Doch die lokalen Traditionen begannen bald zu verschwinden. In den Siebzigerjahren entwickelte sich allerdings eine neue Folkbewegung, die die lokalen Traditionen und das Ursprüngliche darin wiederbelebte. Unsere ganze Familie war Teil dieser Bewegung.

„Folkmusik und lokale Traditionen gehören nicht ins Museum.“

Wie habt ihr die alten Lieder und Melodien wiederentdeckt?

Es gibt Lieder, die von Generation zu Generation überliefert worden sind. Wir betreiben Feldforschung in allen Regionen Lettlands und nehmen dort Lieder auf. Uns interessieren vor allem die Stücke, in denen Lebensweisheiten, philosophische Ideen und altes Wissen enthalten sind.

Lasst ihr auch moderne Einflüsse zu?

Wir lassen uns schon von aktueller Musik beeinflussen, die wir im Radio, Fernsehen und auf Alben hören. Wir interessieren uns sehr für die Musik aus aller Welt und die Möglichkeiten, sie mit dem typisch Lettischen zu verbinden.

Wie alt ist das „typisch Lettische“?

Musikethnologen glauben, dass lettische Musik mehrere tausend Jahre alt ist. Sie belegen das anhand der Melodien. Aber auch die Texte geben Hinweise auf Mythen über die Schöpfung der Welt, über Götter, astronomische Ereignisse, Kalenderdaten.

Lata Donga

Foto: Sandra Jascherica

Wie unterscheidet sich das Musikmaterial von Region zu Region?

In Kurzeme, im Westen Lettlands, ist die Musik robuster, breiter, heroischer. In Lettgallen ist sie seelenvoller, raffinierter, ornamentiert, melismatisch, polyfon. Wir haben bewusst Lieder aus verschiedenen lettischen Regionen auf unser Album Variācijasaufgenommen. Es zeigt dadurch viele musikalische Varianten.

Welche Rolle spielen Stimmen und Vokaltechniken im lettischen Folk?

Der Gesang dominiert, sei es in harmonischer Polyfonie, unisono oder als Bordun. Einzigartig ist der Sprechgesang, ein Rezitativ, bei dem der erste Sänger oder die erste Sängerin den Text mehr spricht als singt. Weit verbreitet ist es auch, dass die Vorsänger beziehungsweise der Vorsänger das Thema vorsingt und die anderen es dann wiederholen.

Ihr kombiniert euren Gesang mit Percussion und Saxofon, mit Klavier, Gitarre und Kontrabass, mit der lettischen Zither Kokle und dem nordindischen Saiteninstrument Sarod. Warum so viele Instrumente?

Unser Album heißt Variācijas– „Variationen“. Das bezieht sich auf Melodien innerhalb eines Stücks und auf die Arrangements. Wir hören in manchen Melodien Intonationen, Stimmungen und Ähnlichkeiten mit anderen Musikkulturen. Diese möchten wir hervorheben.

Wo holt ihr euch neue Ideen?

Immer und immer wieder aus der Folkmusik. Und aus der Schönheit und dem Variantenreichtum der Natur. Natürlich inspirieren uns alle Dinge, die wir erleben, und alle Menschen, die wir treffen. Für uns ist wichtig: Folkmusik und lokale Traditionen gehören nicht ins Museum. Sie spielen auch heute eine große, nützliche Rolle und haben uns viel zu geben.

Cover Variacijas

cpl-music.de/kuenstler/lata-donga

Aktuelles Album:

Variācijas

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