Mànran

Musik wie guter Whisky

4. September 2019

Lesezeit: 5 Minute(n)

Tønder 2016 war’s, Zelt 1. Sechs Herren auf der Bühne, stampfender Rhythmus von Bass und Drums, der Sound eindeutig keltisch, die Menge vor der Bühne bewegte sich enthusiastisch auf und ab und schwang begeistert Schottlandfahnen. Runrig in voller Aktion? Mitnichten, so haben auch Mànran ihr Publikum im Griff.
Text: Mike Kamp

Runrig live sind Geschichte, Mànran live sind ausgesprochen aktuell, gerade hier in Deutschland, wo sie im Oktober/November als Headliner des Irish Folk Festivals ausgiebig unterwegs sein werden. Mànran, Skerryvore, Tide Lines, Skipinnish – Bewerber um die Spitzenposition des schottischen Folkrocks, die Runrig jahrzehntelang konkurrenzlos innehatten, gibt es genügend. Aber Gary Innes, Akkordeonist und Sprecher von Mànran, gefallen solche Vergleiche nicht sonderlich. „Runrig haben in der Tat den Weg geebnet für uns und die Bands, die du genannt hast. In ihrer ganzen Geschichte haben Runrig eine Szene und eine Fanbasis geschaffen, von denen wir ein wenig profitieren. Heutzutage gibt es Dutzende von Bands, die einen ähnlichen Sound wie Runrig haben, aber um auf den Punkt zu kommen: Nein, ich denke niemand von uns wird je so groß sein wie Runrig, und ganz sicher werden wir nicht den gleichen kulturellen und globalen Einfluss haben.“ Okay, das musste vielleicht tatsächlich mal so deutlich gesagt werden, um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen. Mànran sind seit nunmehr fast einem Jahrzehnt einfach nur Mànran, und das auch ziemlich erfolgreich. „Wir sind glücklicherweise so gut beschäftigt, dass wir sagen können, Mànran ist unser Hauptprojekt, und daher ist es relativ einfach, die Termine der einzelnen Gruppenmitglieder zu koordinieren.“

Wenn es um die Geschichte der Band geht, sitzt mit Gary Innes auch gleich der Hauptschuldige am Tisch. Er hatte die musikalische Grundidee, auf der die Bandphilosophie immer noch basiert. „Ich habe Ewen Henderson 2010 angesprochen, weil ich eine Gruppe gründen wollte, die einen einzigartigen Sound hat. Zu dieser Zeit gab es in Schottland nämlich noch keine Band, in der die Uilleann Pipes gleichberechtigt neben den Highland Bagpipes gespielt wurden. Wir haben uns dann die Musiker ausgesucht, die in dieses Konzept passen.“ Neben Innes und dem Fiddler, Highland Bagpiper und Sänger Henderson aus der gleichnamigen Musikerdynastie in Fort William sind das aktuell der irische Uilleann Piper und Flötist Ryan Murphy (bis 2014 in Deutschland bei Cara aktiv), Gitarrist Craig Irving, Bassist Ross Saunders sowie Drummer Mark Scobbie. Ach so, und wo wir gerade bei der Gruppengrundlagenforschung sind, was hat es mit dem Namen Mànran auf sich, der in etwa mit „Melodie“ übersetzt werden kann? „Wir haben diesen Namen gewählt, weil er in Gälisch und Englisch gleich ausgesprochen wird. Etliche Leute geraten wegen des Akzents auf dem ersten ‚a‘ in Panik, weil sie denken, sie müssten den Namen daher anders betonen. Nicht nötig, es ist einfach geradeaus Mànran.“

„Singles sind eine tolle Möglichkeit, die Fans mit deiner Musik zu versorgen.“

Ganz am Anfang der Bandgeschichte stand ein ziemlich genialer Schachzug. Der vom damaligen Sänger Norrie MacIver geschriebene Ohrwurm „Latha Math“ wurde als Single veröffentlicht, und zwar mit durchschlagendem Erfolg. „Das war definitiv ein Segen für uns. Es gab uns gerade seit sechs Monaten und die Single stieg bis auf Platz 29 der UK-Charts. Das hat uns enorm geholfen, unseren Namen sofort in der UK-Festivalszene zu etablieren.“ Es fällt auf, dass Mànran generell gerne Singles veröffentlichen, wenn sie auch nicht mehr ganz so weit oben in den Charts zu finden sind. Ein Novum innerhalb der doch eher albumorientierten Folkszene, oder? Gary Innes sieht darin schlicht und ergreifend eine Entwicklung. „Die gesamte Musikszene hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch verändert. Anspruchsvolle Werke wie ein komplettes Album oder CDs überhaupt sind auf dem Rückzug. Da sind Singles eine tolle Möglichkeit, die Fans oder solche, die es werden könnten, mit deiner Musik zu versorgen.“ Das heißt allerdings nicht, dass sich Mànran von dem Medium CD völlig verabschiedet haben. 2020 feiert die Band ihr Zehnjähriges. Da muss natürlich ein neues Album her, und einige Auszüge daraus wurden bereits als Singles veröffentlicht, so etwa „Thugainn“ Anfang Juli 2019. „Das Feedback der Fans ist ermutigend. Natürlich haben wir einen bestimmten und bekannten Sound, den man auch auf dem neuen Album hören wird, aber unsere Musik ist wie guter Whisky, der sich entwickelt und reift.“

Mànran

Foto: Sam Hurt

Auch bei dem neuen Werk sind Mànran ihre eigenen Produzenten, eine Entscheidung, die nicht unbedingt für alle Künstler richtig ist. Ein guter Produzent garantiert den analytischen Blick von außen und hilft, subjektive Fehler zu vermeiden. Innes ist da nicht ganz der gleichen Meinung. „Es kommt immer auf die Band selbst an und darauf, in welche Richtung sie sich bewegen will. Wir haben in der Vergangenheit erfolgreich mit Produzenten zusammengearbeitet, aber heutzutage fühlen wir uns wohler, wenn wir selbst arrangieren und produzieren können.“

Wer sich mit Gary Innes unterhält und das Thema Shinty anschneidet, wird in den Genuss tiefer und kompetenter Analysen kommen. Shinty? Was ist das? Nun, Shinty ist ein durch und durch schottisch-gälischer Sport und als solcher fester Bestandteil der Kultur der Highlands. Es ist ganz grob mit Feldhockey vergleichbar und doch ganz anders, ähnlich jedoch dem irisch-gälischen Hurling. Spannend und schnell mit Länderspielen gegen Irland, aber alles auf striktem Amateurlevel. Innes ist als Altinternationaler, mehrfacher Meister mit Fort William und BBC-Radiokommentator so was Ähnliches wie der Franz Beckenbauer des Shinty, jedoch über jeden Schmiergeldverdacht erhaben. Vielleicht kann er erklären, weshalb es bei meinem Lieblingsteam Skye Camanachd momentan nicht so rundläuft? „Shinty entwickelt sich wie jeder Sport in Zyklen. Das Skye-Team der späten Achtziger, frühen Neunziger war sagenhaft, und es war ein Traum für das Team und die Insel, als sie den Cup gewannen. Aber die Welt hat sich verändert und speziell das Leben auf Skye. Die jungen Menschen haben heute mehr denn je die Möglichkeit, auf dem Festland zu studieren und zu arbeiten, und das betrifft dann oft auch die besten Shinty-Talente. Aber ich denke trotzdem, dass Skye irgendwann zurückkommen und noch mal den Cup gewinnen kann. Eine Meisterschaft allerdings ist ziemlich unwahrscheinlich.“

Die Ähnlichkeit von Shinty und Hurling ist nur ein weiterer Beweis für die unglaublich enge kulturelle Verwandtschaft zwischen Schottland und Irland, und dennoch stutzt man ein wenig, wenn schottische Folkrocker als Headliner beim ehrwürdigen Irish Folk Festival fungieren. „Ach, das ist dann schon unsere dritte Deutschlandtour quasi unter irischer Flagge. Die musikalischen Verbindungen zwischen Schottland und Irland sind so eng, dass es da nie eine Beschwerde gab, und wir sind für diese Verbindung ja prädestiniert mit den schottischen und irischen Pipes nebeneinander.“

2020 wird dann als offizielles Zehnjähriges ein ganz besonders Jahr werden. Mànran wollen erstmals in China touren und nach einiger Zeit auch die USA wieder besuchen. Intensive Euopatourneen stehen ebenso an wie ein paar spektakuläre Heimspiele, die sich noch im Planungsstadium befinden. „Wir lieben, was wir machen, und sind auf der Bühne am glücklichsten, wenn wir das Publikum begeistern können. Das würden wir gerne mindestens noch eine weitere Dekade so praktizieren.“ Mit absoluter Sicherheit wird es da von Fanseite keinerlei Widerspruch geben!

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manran.co.uk

Aktuelles Album:
An Dà Là – The Two Days (Eigenverlag, 2017)

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Aufmacher-Foto:

Mànran

Foto: Morten Fog, Tønder Festival

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