Country. Da denkt man gleich an Nashville. Tennessee. Texas. Und klar: Das stimmt auch. Aber wenn wir unseren Blick auf diese Orte beschränken, verpassen wir doch so einiges. Denn nördlich der US-Grenze erwartet uns eine ganz eigene Countryszene, die größer und älter ist, als die meisten ahnen.
Text: Ralf Grabuschnig
Country kommt aus den USA. Punkt. So zumindest die verbreitete Vorstellung. Und ja, natürlich stimmt das auch irgendwie. Die Geburtsstätten des Genres liegen nun mal in den Appalachen und im Süden der USA. Nashville ist nach wie vor das Epizentrum der Industrie. Aber wer bei Country nur an diese Orte denkt, verpasst auch etwas.
Denn die Countrymusik hat auch anderswo tiefe Wurzeln geschlagen. In Australien etwa, wo sie eine ganz eigene Tradition entwickelt hat. Oder in – ja, wirklich – Deutschland, wo zumindest Truck Stop seit den Siebzigern beweisen, dass man auch auf Deutsch vom einfachen Leben singen kann.
Dann ist da aber noch ein Land, das geografisch so nah an den USA liegt, dass wir es gerne übersehen: Kanada. Kanadas Countryszene ist dabei älter, als die meisten denken. Schon in den 1930er-Jahren ging die Entwicklung dort los, und das vor allem in einer Provinz, die wie geschaffen scheint für dieses Genre: Alberta.
Alberta ist so etwas wie Kanadas Version von Texas und Montana in einem. Riesige Rinderfarmen, endlose Prärien, die Rocky Mountains im Westen. Eine Provinz, in der das Rodeo bis heute Volkssport ist und der Cowboy nicht nur Klischee, sondern für lange Zeit Lebensrealität war.
Kein Wunder also, dass hier Kanadas wichtigster Country-Radiosender entstand (CFCW, seit 1954) und jedes Jahr die Canadian Country Music Association Awards stattfinden. Ganz zu schweigen vom Mega-Rodeo-Event der Calgary Stampede.
Kurz: Die Provinz und ganz Kanada haben eine Musikszene hervorgebracht, die der weiter südlich mehr als nur das Wasser reichen kann. Höchste Zeit für einen kleinen Überblick.
Ian Tyson – „Four Strong Winds“
Man kann nicht über kanadischen Country sprechen, ohne über Ian Tyson zu sprechen. Dieser Mann hat mit „Four Strong Winds“ nämlich den kanadischen Countrysong geschrieben. So sehen es jedenfalls viele in Kanada selbst, die ihn sogar mal zum besten Song ihres Landes gewählt haben.
Der Song handelt vom Abschiednehmen und vom Weiterziehen. Themen so alt wie die Countrymusik selbst. Tyson schrieb ihn 1963 als Teil des Folkduos Ian & Sylvia, und seitdem haben ihn alle gecovert – absolut nicht nur in Kanada. Beispiele sind Johnny Cash, Neil Young oder Bob Dylan.
Tyson selbst wandelte sich später vom Folksänger zum ganz realen Cowboypoeten. Er lebte auf seiner Ranch in Alberta und besang weiter das Leben im Westen, bis er vor drei Jahren im Alter von 89 Jahren starb.
Paul Brandt – „Alberta Bound“
Wenn Ian Tyson der Poet ist, dann ist Paul Brandt der Entertainer. Der gebürtige Calgarian ist der meistausgezeichnete männliche Countrykünstler Kanadas (an Shania Twain kommt freilich niemand ran – sie war allerdings in Nashville aktiv), und er hat vor allem einen Song geschrieben, der in Alberta praktisch als inoffizielle Hymne gilt.
„Alberta Bound“ ist dabei alles andere als eine subtile Angelegenheit. Es ist ein stolzes, unironisches Loblied auf die Heimat. Schwarze fruchtbare Erde, großer blauer Himmel, Unabhängigkeit in den Adern. Der Song beginnt mit einer Fahrt über die Grenze von Montana nach Kanada, während im Radio – natürlich – Ian Tyson läuft.
„I’m Alberta bound, this piece of heaven that I’ve found.“
Eine Stadionhymne. Direkt, unkompliziert, gemacht zum Mitsingen für alle.
Colter Wall – „Sleeping On The Blacktop“
Colter Wall, Album 'Imaginary Appalachia' mit 'Sleeping On The Blacktop'_© 2015 Black Hole Music, Inc., under exclusive license to La Honda Records-RCA Records
Auf der ganz anderen Seite ist da dann dieser Dreißigjährige aus Saskatchewan … Colter Walls Stimme klingt, als hätte er ein (deutlich längeres) Leben lang Whisky getrunken und Zigaretten geraucht. Und er ist in vielen Dingen das Gegenteil von Paul Brandt.
Kein Stadioncountry, sondern das, was manche „Outlaw“ nennen, obwohl Wall selbst eher von „Western“ spricht. Seine Musik klingt jedenfalls, als käme sie direkt aus den 1960ern. Oder den 1860ern. Authentisch bis zur Schmerzgrenze, ohne einen Hauch von Nashville-Politur.
Der Song „Sleeping On The Blacktop“ war dabei sein Durchbruch. Er fand in mehreren erfolgreichen Filmen Verwendung, und plötzlich fand sich dieser kanadische Indiekünstler als aufstrebender Star im Americana-Underground wieder.
Drei Künstler, drei Generationen, drei Ansätze. Der Folkpoet, der Mainstreamstar, der junge Traditionalist. Sie alle zeigen: Kanadischer Country ist mehr als eine Fußnote zur US-amerikanischen Variante der Musik. Er ist eine eigenständige Tradition mit eigener Identität. Und die Weiten des kanadischen Westens, ganz besonders Albertas – die sind sein Herz.
Aufmacherfoto: Highway, Alberta, Canada © David Thompson
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