Die vergessenen Stimmen des Country

Country ist so amerikanisch wie vielleicht keine andere Musikrichtung.

26. Februar 2026

Lesezeit: 3 Minute(n)

Die ältesten amerikanischen Einflüsse auf das Genre werden dabei aber auch heutzutage noch oft vergessen. Ein Blick in die Welt des Indigenous Country.

Text: Ralf Grabuschnig

Countrymusik bildet neben Jazz und Blues eine der drei großen amerikanischen Musikgenres. Und als einzige der drei gilt Country dabei vor allem als Musik der Weißen, ganz besonders der weißen Arbeiterklasse. Das stimmt zu guten Teilen auch. Und doch ist diese Erzählung unvollständig.

Denn lange bevor von Country überhaupt die Rede sein konnte, hatten indigene Völker in Nordamerika bereits ihre eigenen musikalischen Traditionen. Als Country im frühen zwanzigsten Jahrhundert dann langsam als neues Genre Form annahm, waren auch Native Americans von Anfang an Teil der Bewegung. Nur wurden sie selten gehört.

Das ändert sich gerade – langsam. Eine neue Generation indigener Künstlerinnen und Künstler macht Countrymusik, und sie machen es auf ihre Art. Neben den klassischen Countrythemen singen sie auch über das Leben in Reservaten, über Identität und Enteignung. Über das, was es heißt, in einer Musikindustrie zu arbeiten, die historisch zu oft auf Kosten ihrer Vorfahren romantisiert wurde. Zeit, hinzuhören.

Crystal Shawanda – „My Roots Are Showing“ (2008)

Crystal Shawanda, Dawn Of A New Day © 2008 BMG Music

 

Crystal Shawanda stammt aus dem Wikwemikong Reserve im kanadischen Ontario und gehört den Ojibwe und Potawatomi an. 2008 schrieb sie Musikgeschichte. Als erste indigene Frau erreichte sie die Top Twenty der amerikanischen Billboard Country Charts. Ihr Debütalbum Dawn Of A New Day – der Titel bedeutet in ihrer Sprache dasselbe wie ihr Nachname – landete dort auf Platz 16, darauf auch der Song „My Roots Are Showing“, in dem sie den Stolz auf ihre Herkunft zum Ausdruck bringt.

Durch diesen einmaligen Erfolg wurde sie kurz darauf auch zur ersten indigenen Frau, die in der berühmten Grand Ole Opry in Nashville auftrat, und auch wenn sie heute hauptsächlich Blues spielt: Ihr Durchbruch hat Pfade eröffnet, auf denen ihr bald weitere Kreativschaffende folgen sollten.

William Prince – „Breathless“ (2015)

William Prince, Earthly Days © 2015 William Prince Inc.

 

Bleiben wir dafür erst noch in Kanada. William Prince entstammt der Peguis First Nation in Manitoba und gehört zur Nation der Saulteaux. Sein Vater war Prediger und ebenfalls Musiker. Prince wuchs also mit Gospel und Country auf und spielte schon als Kind kleinere Konzerte.

Mit dem Song „Breathless“ vom Album Earthly Days erreichte er 2018 Platz 22 der Billboard Adult Contemporary Charts, und auch er gab vor drei Jahren dann sein Debüt in der Grand Ole Opry. Prince macht zwar keine explizit politische Musik, aber allein seine Präsenz und sein Erfolg sind ein mächtiges Statement.

Vincent Neil Emerson – „The Ballad Of The Choctaw-Apache“ (2021)

Vincent Neil Emerson, Vincent Neil Emerson © 2021 La Honda Records

 

Kommen wir in die USA. Vincent Neil Emerson ist Choctaw-Apache aus Ost-Texas und machte daraus auch nie einen Hehl. Er spielte zwar einerseits Honky-Tonk und Texas Country, sang über Bars und gebrochene Herzen – Texas Country eben. In „The Ballad Of The Choctaw-Apache“ singt er aber eben auch über die Vertreibung der Choctaw-Apachen aus ihrer Heimat an der Grenze zwischen Texas und Louisiana, als dort Ende der 1960er ein Damm gebaut wurde. Ein durchdringender, bewegender Song.

Country war nie so weiß, wie Nashville es gerne gehabt hätte. Das Genre hatte immer auch andere Stimmen, und neben schwarzen Musikschaffenden sind auch indigene Künstlerinnen und Künstler ein Teil dieser Geschichte. Gerade schreiben sie ein neues Kapitel.

Aufmacherfoto: William Prince © Joey Senft

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