Kultur in der Pandemie

„Im permanenten Krisenmodus“. Ein Text von Gudrun Walther. Und Erik Prochnow redet mit Stefan Stoppok über die Zeit im Lockdown.

26. Juli 2022

Lesezeit: 7 Minute(n)

Sie lebt noch. Zwar muss sie noch beatmet werden. Aber längst steht die deutsche Folk-, Liedermacher- und Weltmusikszene wieder auf eigenen Beinen und trägt ihre Stimme in die Welt hinaus. Die freie Zeit der Lockdownphasen war für viele eine inspirierende Quelle für Kreativität. Erstklassige Musik wurde komponiert und getextet. Neue Projekte wurden entwickelt. Und ganz neue Gesichter bereichern mit ihren herausragenden Qualitäten das Gesamtbild.

Lange sah es nicht danach aus. Die Coronapandemie hatte der deutschen Kulturlandschaft die Luft genommen. Laut einer aktuellen vom Deutschen Musikrat und dem Zentrum für Kulturforschung durchgeführten Studie unter knapp dreitausend Befragten erlitten Künstlerinnen und Künstler im Schnitt Einkommenseinbußen in Höhe von 44 Prozent. Ein Fünftel verlor sogar hundert Prozent. In Berlin gab ein Drittel der Musikerinnen und Musiker an, den Beruf wechseln zu wollen oder es bereits getan zu haben. Viele mussten ihre finanziellen Rücklagen angreifen, weil sie die Voraussetzungen für die Unterstützungsgelder der Regierung nicht erfüllten. Und diejenigen, die Geld erhielten, zittern aus Angst, sie vielleicht zurückzahlen zu müssen. Wer in diesen schwierigen Zeiten nicht aufgibt, schaut zudem in eine unsichere Auftrittszukunft. „Aufgrund der unterschiedlichen Coronaregeln in den Bundesländern haben viele ihre Tourneen und Konzerte still und heimlich abgesagt“, berichtet Jens Michow, Chef des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft.

Doch trotz all dieser Unwägbarkeiten geht es auch anders. Etablierte Musikerinnen und Musiker wie Gudrun Walther oder Stefan Stoppok etwa haben ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen. Auch wenn es manchmal an die Grenzen ihrer Kräfte ging, haben sie während des Lockdowns nach anderen Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks gesucht oder neue Musik geschrieben. Auch lassen sie sich nicht von der Diskussion um 2G oder 3G abschrecken. Sie gehen dennoch auf Tour und passen sich den unterschiedlichen Bedingungen an. Exklusiv für den folker berichten sie von ihren Erfahrungen in der Pandemie und sagen, welche Veränderungen sie von den Verantwortlichen für Kulturschaffende generell erwarten.

Im permanenten Krisenmodus


Text: Gudrun Walther

„Ich bin mit viel Glück und Eigeninitiative durch diese Zeit gekommen.“

Gudrun Walther

Musikerin

Mein Grundzustand dieser Tage lässt sich am besten mit „erschöpft“ umschreiben, deswegen kann ich nicht aus ganzem Herzen in den „Chor der Erleichterten“ einstimmen, dass es wieder losgeht. Aber warum fühle ich mich überhaupt erschöpft, wo wir Künstler doch quasi von März bis Juni 2020 und von November 2020 bis Juni 2021 „nichts zu tun“ hatten?

Ich habe am Anfang sofort in den Krisenmodus geschaltet und im März 2020 zusammen mit Sabrina Palm und weiteren engagierten Mitstreiterinnen und -streitern die #Aktionticketbehalten ins Leben gerufen. Um ein Zeichen der Solidarität zu setzen, aber auch, um auf die politischen Missstände hinzuweisen. Parallel dazu habe ich Konzerte verschoben, mich in Sachen Soforthilfe informiert, Anträge gestellt und das erste Konzert im Streamingformat vor leerem Saal gespielt. Im Mai 2020 habe ich Konzerte verschoben und begonnen, ein Onlinefestival zu planen. Mit dem Team von #Aktionticketbehalten plus einer Abordnung vom folker, den Programmchefs von Rudolstadt und Bardentreffen sowie Profolk entstand das Sang und Klang Festival, welches im Juli über die Bühne ging. Dabei habe ich noch mal verstanden, was Menschen, die gemeinsam an einem Strang ziehen, auf die Beine stellen können.

Dann gab es auf einmal wieder Livekonzerte bis Ende Oktober. Ab November habe ich Konzerte verschoben, Überbrückungshilfe beantragt und mich wegen selbiger mit dem Steuerberater überworfen. Wobei die Überbrückungshilfe für mich trotz aller Widrigkeiten bei der Antragsstellung ein Segen war, weil das Land Baden-Württemberg einen Fixbetrag von 1.000 Euro bewilligte, den man auch für Lebenshaltungskosten verwenden durfte. Ab Januar 2021 brachten mein Mann Jürgen Treyz und ich dann ein Projekt an den Start, bei dem wir jeden Montag eine Onlinesession via Zoom veranstalteten. Diese „Tunes From Home“ (die inzwischen fortgesetzt werden) sicherten uns zusammen mit der Überbrückungshilfe den Lebensunterhalt und waren auch für die Szene etwas, das zusammenrücken ließ. Mit viel Stop-and-go haben wir während all dem dann noch unser neues Cara-Album Grounded aufgenommen, welches am 15. Oktober erschienen ist – da bestanden die Schwierigkeiten allein schon darin, dass zwei unserer Bandmitglieder in Schottland und Irland leben. Zusammenfassend kann ich aber sagen, dass ich mit viel Glück und Eigeninitiative wirtschaftlich gut durch diese Zeit gekommen bin. Trotzdem hätte ich mir zum Beispiel so etwas wie ein Kurzarbeitergeld für Selbständige gewünscht, das über die Finanzämter ausgezahlt worden wäre, einfach ein prozentualer Anteil des gemeldeten Einkommens – das hätte einiges an psychologischer Belastung gemindert.

Zum jetzigen Zeitpunkt spricht gar nichts dagegen, durch Projektförderung oder Stipendien gezielt kreative Lösungen für die Zukunft zu etablieren. Vieles funktioniert inzwischen auch gut, am Anfang wären jedoch andere Signale wichtig gewesen, die nicht oder nur zögerlich erfolgten. Und meine Bewertung fällt auch nur deswegen so positiv aus, weil ich in Baden-Württemberg lebe, wo es eine bessere Absicherung für Künstlerinnen und Künstler gab als in anderen Bundesländern. Der permanente Druck, sich zu informieren, die Angst, eine Deadline im Antragsdschungel zu verpassen, war unterschwellig immer da und hat dafür gesorgt, dass ich nie aus dem Krisenmodus herausgekommen bin. Gegen diesen inneren Stress ist immer noch Musik die beste Medizin, weshalb wir inzwischen wieder mit Begeisterung auf Tournee sind. Denn wenn uns diese Pandemie etwas gelehrt hat, dann, dass Konzerte vor Publikum wirklich etwas Besonderes und den ganzen Aufwand wert sind!

 

Die Cara-CD-Release-Tour läuft seit Oktober und wird im Dezember sowie 2022 fortgesetzt. Tourdaten siehe folkerkalender.de.
3
„Ohne Kultur bricht die Gesellschaft zusammen“

Interview: Erik Prochnow
Er ist seit Jahrzehnten eine der führenden Stimmen der deutschen Lied- und Rockszene. Die Folgen der Pandemie haben ihn deshalb nicht ganz so hart getroffen wie andere. Dennoch muss auch er umdenken. Der Hamburger Musiker Stefan Stoppok im Gespräch mit dem folker über die Zeit im Lockdown, die Herausforderung, wieder live aufzutreten, und die Notwendigkeit, Kulturschaffende zu schützen.

„Wenn die Leute von Diktatur in Deutschland reden, werde ich wirklich sauer.“

Du kannst endlich wieder auf Tour gehen. Wie ist es dir in der Zeit der Coronapandemie ergangen?

Vielleicht klingt das merkwürdig, aber ich habe das Jahr 2020 ohne Auftritte wirklich genossen.

 Wenn man viele deiner Kolleginnen und Kollegen hört, klingt das in der Tat überraschend.

Ich bin seit fast vierzig Jahren ununterbrochen auf Tour, und da tat so eine Auszeit einfach unglaublich gut. Für mich war es wunderbar, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Das hat uns alle einander nähergebracht. Aber ich konnte auch Kleinigkeiten wie dem Reparieren des Rasenmähers Positives abgewinnen. Und vor allem habe ich megaviel geschrieben. Das reicht für die nächsten zwei Alben.

Kannst du das so empfinden, weil du als Musiker durch deine Erfolge in einer privilegierten Position bis?

Das stimmt, ich bin privilegiert. Aber auch ich habe nicht so viel auf der hohen Kante, dass ich drei Jahre nichts machen könnte. Und ich habe eine Verantwortung für mein Netzwerk. Der Pandemieanfang war schon hart, als wir die Tour zum Album Jubel abbrechen mussten. Unser Schlagzeuger Wally Ingram, der in Los Angeles lebt, musste in die USA, weil er Angst hatte, dass Trump ihn nicht mehr ins Land lässt. Und ich hatte viele Kosten am Bein. Das war nicht lustig.

Was hast du dann gemacht?

Das, was ich in so einer Situation immer mache. Ich habe mich hingesetzt und mich gefragt, ob das wirklich ein riesiges Problem sei. Die Pandemie ist zwar scheiße, aber es ist nichts, was uns umbringt. Ich habe den Stress rausgenommen und überlegt, wie sich unser Team gegenseitig unterstützen kann. Denn unsere Leute, die sich um die Technik, den Transport, den Verkauf oder das Buchen der Konzerte kümmern, standen vor einem großen finanziellen Loch.

Haben die Überbrückungszahlungen der Regierung nicht geholfen?

Doch, sicher, das war eine große Erleichterung. Bis heute ist aber überhaupt nicht geklärt, was davon zurückgezahlt werden muss. Wir haben deshalb die Dinge in die eigene Hand genommen. Für mich sind das Netzwerk und der Zusammenhalt das Wichtigste, um gemeinsam Erfolg zu haben.

Wie habt ihr euch unterstützt?

Ich habe zum Beispiel Streamingkonzerte veranstaltet und die Einnahmen an die anderen weitergegeben. Aber ich beteilige mich auch an Livemusikaktionen wie dem Hamburger Projekt #AllHandsOnDeck, das weiterhin für existenzgefährdete Kulturschaffende Geld sammelt.

Wie empfindet ihr die aktuelle Situation mit den Konzertauflagen?

Die Situation ist konfus und nervt. Unser geplantes Konzert in der Hamburger Fabrik wurde immer wieder verschoben. Wir sind dann in einigen anderen Hamburger Locations aufgetreten, aber die alten Tickets konnten nicht eingelöst werden. Jetzt hätten wir eine Chance, es endlich mit 2G in der Fabrik nachzuholen. Die Veranstalter wollen allerdings bis Dezember warten.

Weshalb dieses Zögern?

Weil sie Angst vor einem Shitstorm im Netz haben. In der Musichall in Worpswede können bereits Konzerte mit 2G durchgeführt werden. Die Organisatoren kriegen seitdem jedoch viele negative Kommentare. Auch meine Kollegin Sarah Lesch erhielt viele heftige Anfeindungen, als sie zum Impfen aufrief.

Wie stehst du zu dem Thema?

Ich habe mich aus der öffentlichen Diskussion bislang rausgehalten und diskutiere das gerne nur persönlich. Der Shitstorm auf meine Songantwort zum Flüchtlingsthema „Lass sie rein“ steckt mir noch in den Knochen.

Aber du hast doch nur die Fakten aufgegriffen?

Richtig. Aber die Leute wollen sich einfach nicht damit auseinandersetzen. Die Kommentare sind lächerlich. Statt über die wirklich drängenden Themen wie Migration zu diskutieren, kämpft man gegen Masken oder Impfen. Und wenn die Leute von Diktatur in Deutschland reden, werde ich wirklich sauer.

Was erwiderst du dann?

Ich habe Künstlerfreunde in Belarus, die sitzen im Gefängnis, weil sie sich kritisch äußern. Sie werden gefoltert, ihnen werden die Finger gebrochen. Das Regime ist eine Diktatur. Auch bei uns gibt es durchaus viele Dinge, die man kritisieren kann. Aber diese unterschwellige oder auch offensichtliche Aggressivität ist grausam.

Hat die Coronapandemie noch andere Auswirkungen auf deine Konzerte?

Wir beobachten, dass weniger Besucher zu den Auftritten kommen. Einige bleiben vielleicht aus Angst weg. Andere haben sich in der Pandemie komfortabel zu Hause eingerichtet und schauen alles auf Youtube an. Was das Programm betrifft, bin ich vorsichtiger geworden. Bestimmte Songs wie etwa „Ganz egal, was auf der Fahne steht …“ oder „Viel zu schön“ kann ich zurzeit nicht singen.

Was ist der Grund?

Die Texte wurden wegen ihrer kritischen Haltung von der Querdenker-Bewegung, von der ich mich distanziere, instrumentalisiert, und man hat mich in diese Ecke gesteckt. Ich muss deshalb anders damit umgehen.

Belastet dich das?

Nein. Wir Kreative müssen immer umdenken und uns wandeln. Das ist unser Beruf. Dennoch bleiben meine Grundaussagen immer gleich. Dass ich damit nach so langer Zeit immer noch junge Leute begeistern kann, ist Luxus pur.

Gibt es irgendetwas, das du im Umgang mit der Pandemie kritisierst?

Die Diskussion, ob Kultur systemrelevant sei, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Kultur ist etwas Heiliges. Sie führt die Menschen zusammen, und wenn das weg ist, bricht die Gesellschaft zusammen.

In Frankreich wurden Kulturschaffende schon vor Corona umfassend unterstützt, etwa mit einer Art Grundeinkommen, wenn sie keine Aufträge haben. Was wünschst du dir von deutschen Politikern?

Sie müssen endlich langfristig denken und sich nicht immer nur um ihre eigene Machterhaltung kümmern. Insofern wäre eine finanzielle Grundabsicherung jetzt absolut notwendig. Aus meiner Sicht brauchen wir zudem eine Quote für deutschsprachige Musik. Auch da zeigt der Blick nach Frankreich, wie gut das funktioniert. Der Markt kann das einfach nicht regeln. Auf alle Fälle brauchen wir endlich Klarheit, dass wir dauerhaft sicher auf die Bühne können.

stoppok.de

3

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Weitere Beiträge dieser Rubrik …