folker präsentiert: Dieter-Wasilke-Folk-Förderpreis 2025
Walzer, Mazurka, Schottisch oder Fröhlicher Kreis, das Trad Quartett hat sich dem Tanz verschrieben und spielt Balfolk, wann und wo immer möglich, zum Beispiel auf dem Nord Folk Festival Ende September in Hamburg. Die Band besteht aus Melf Torge Nonn (Windinstrumente), Ursula Suchanek (fünfsaitige Geige Quinton), Alexander „Elvis“ Peters (Gitarre) und Pay Bandik Nonn (Kontrabass), die jeweils jahrelange musikalische Erfahrung aus verschiedenen Regionen Deutschlands mitbringen. Ihr Ziel ist es, die vielfältige Tradition deutscher Volks- und Tanzmusik nicht nur im Inland, sondern auch international lebendig zu halten. Dafür sind sie im Mai beim diesjährigen Venner Folk Frühling mit dem Dieter-Wasilke-Folk-Förderpreis ausgezeichnet worden. Torge Nonn und Alex „Elvis“ Peters haben sich mit folker– Reporterin Petra Rieß in Hamburg zum Interview getroffen.
Text: Petra Rieß
Als Teenager habe er tatsächlich Elvis-Songs gespielt, verrät Alex Peters, zum Beispiel auf Schulfesten in dem Dorf bei Hannover, aus dem er kommt. Eine gewisse optische Ähnlichkeit mit der dunkelhaarigen Rock-’n’-Roll-Legende ist durchaus vorhanden, und auch Peters ist mit handfestem Blues und Rock ’n’ Roll aufgewachsen. Nach einem Besuch beim ersten Windros-Festival in Schwerin allerdings war klar, dass die Zukunft des Gitarristen eindeutig dem Folk gehört.
Vor vier Jahren begegnete er dem Flensburger Torge Nonn auf dem folkBALTICA-Festival. „Wir waren mit meiner Band Folk My Life! da. Wir wollten eine gute Zeit haben, sind einfach hingefahren mit einem Wohnmobil und einem Kasten Wein und dachten, es wird ein nettes Wochenende. Wir sind da dann nachts bei der Session gewesen, und da wart ihr auch“, erinnert sich Peters und grinst Richtung Nonn. Der nickt: „Genau. Ich glaube ein, zwei Jahre vorher waren mein Bruder und ich schon am Festival involviert, und wir waren eben auch bei dieser Session dort an dem Samstagabend.“
Es sind vor allem diese Veranstaltungen, zu denen sich die Folkcommunity trifft. „Das macht das Ganze auf eine Art familiär und zu einer echt schönen Gemeinschaft“, findet Nonn, dessen Instrumente Klarinette, Sopransaxofon und Irish Flute sind. Zu dieser Gemeinschaft gehört auch die Geigerin beziehungsweise Quintonspielerin Ursula Suchanek, die mit Bandik Nonn am Kontrabass das Trad Quartett vervollständigt. Suchanek ist unter anderem von ihren Projekten TradTöchter und Kontraschock bekannt, die beiden Nonn-Zwillingsbrüder von der Band Hepta Polka und dem Duo Pabameto.
„Wir haben alle vier Lust, dieses Kulturerbe zu feiern.“
Beim Trad Quartett geht es um deutsche und internationale Folktanztraditionen sowie das gemeinsame Erleben, erklärt Alex Peters. „Wir verstehen uns nicht nur sehr gut, wir hören uns auch gegenseitig gerne spielen! Und wir haben alle vier Lust, dieses Kulturerbe zu feiern im Bewusstsein dafür, dass das wirklich eine feiernswerte Sache ist.“ Sein Studium der Kulturwissenschaften und Kulturvermittlung in Hildesheim schafft dafür eine gute Grundlage. Die beiden Nonn-Brüder wiederum studierten in Lübeck und Hamburg Musik und Musikpädagogik. Mittlerweile sind Alex Peters und Torge Nonn aber nicht nur musikalische Partner im Trad Quartett, sondern – wenn es um die neue deutsche Folkszene geht – auch Macher, Organisatoren, Projektmanager, Teambuilder und Kommunikatoren. Gemeinsam organisieren sie das Hamburger Folk Jamstival sowie das Nord Folk Festival, das Ende September ebenfalls in Hamburg seine Premiere feierte.
Peters und Nonn wollen das Kulturerbe feiern und Menschen im Balfolk zusammenbringen – deshalb stehen keine Stühle vor der Bühne. Torge Nonn: „Es ist einfach eine tolle Sache! Ich persönlich habe es in Dänemark so richtig kennengelernt, wie mit Folkmusik wildeste Partys entstehen. Und es macht einen solchen Spaß! Leute kommen zusammen, und es ist ein ganz besonderes Gefühl, Musik live zum Tanz zu spielen, die eben eine Art Kulturerbe ist. Ob es nun traditionelle Stücke sind oder vielleicht auch einige moderne dazwischen, tut am Ende nicht so viel zur Sache. Darauf hatten wir einfach große Lust und darauf, das Liedgut eben auch weiterzupflegen.“ Ob Paar- oder Kreistänze, das Publikum kennt die Formen und Schritte, und wer es nicht tut, lernt es in kürzester Zeit.
„Das ist ein Prozess irgendwo zwischen Archäologie und Emergency Room – Wiederbelebung!“
Die Pflege dieses Kulturerbes verlangt auch nach kritischer Auseinandersetzung. Alex Peters ist für die Dahlhoff-Gesellschaft beim DeutschFolk-Festival 2024 tätig, doch wer sich auf deutschem Folkgelände in deutschen Folktraditionen bewegt, bewegt sich mitunter auf fragilem Boden, erläutert Torge Nonn. „Da gibt es mehrere Begriffe, mit denen man nicht nur vorsichtig sein muss, sondern die manchmal einfach definitorisch nicht passen. Tradition bezieht sich schnell darauf, dass es eine ungebrochene Tradition gäbe. Doch das Material, das wir jetzt hier bearbeiten, ist aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, und Kontinuität weist das leider gar nicht auf. Das ist eigentlich ein archäologischer Prozess, den wir da anwenden. Irgendwo zwischen Archäologie und Emergency Room – Wiederbelebung!“
Teil dieser Wiederbelebung ist eine umsichtige Kommunikation, findet Nonn. „Ich habe mit Leuten außerhalb der Folkszene oft die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich das Wort ‚Deutschfolk‘ benutzt habe, die Assoziationen einfach in diverseste Richtungen gingen, die mit der Sache selbst aber nichts zu tun hatten. Das Stichwort „deutsch“ als erster Teil in diesem Begriff irritiert einfach und lenkt den Fokus auf irgendwelche nationalen Gedanken, welcher Art auch immer. Und in unserer heutigen Zeit ist das eine Assoziationsrichtung, in die ich nicht unbedingt gehen möchte. So wichtig und wertvoll dieser Begriff für unsere Musik und unsere Musikszene auch ist, so bin ich mir immer bewusst darüber, wann und wo ich ihn verwende. Vor allen Dingen gegenüber Menschen, die nicht schon wissen, worum es sich handelt.“ Vor allem im gesungenen Liedgut fänden sich eine Menge nationalverherrlichende, vaterlandsliebende oder frauenfeindliche Texte, mit denen die Musikschaffenden heute nichts mehr zu tun haben wollten, sagt Peters. Manche würden um- oder ganz neu getextet. Womit das Trad Quartett allerdings erst einmal nichts zu tun hat, ihr Balfolk ist rein instrumental.
Die vier sind auf einer Mission. Sie spielen ausschließlich traditionell überliefertes Repertoire aus verschiedenen Quellen und bringen es zeitgemäß und in attraktiven Arrangements auf die Bühne – immer in hoher musikalischer Qualität. Dafür trifft sich die Band zu intensiven Probenwochenenden, an denen an neuen Stücken und Arrangements gearbeitet wird. Für das Repertoire ist die auch im folker bereits oft zitierte Dahlhoff-Sammlung eine Art „Bibel“, so Peters. Diese Tanzsammlung in zehn Heften aus dem späten achtzehnten Jahrhundert mit rund achthundert Melodien befindet sich im Besitz der Staatsbibliothek zu Berlin, wo sie nach einem über zweihundert Jahre langen Dornröschenschlaf durch den österreichischen Musiker und Forscher Simon Wascher wiederentdeckt wurden. Seit 2012 sind die eintausendvierhundert Seiten digital öffentlich zugänglich (siehe auch Beitrag dazu in folker #1.23).
Das Folkrevival der Siebzigerjahre hatte andere Voraussetzungen und, so Alex Peters, einen Mangel an Material und Strukturen. Für ihn und Torge Nonn ist dies ein Stück Folkgeschichte früherer Generationen. Heute stelle sich die Quellenlage zwar besser dar als damals, doch verglichen mit den rund zwanzigtausend Titeln etwa auf dem irischen Portal thesession.org immer noch dürftig. Selbst in Deutschland tauchen aber immer mehr Manuskripte auf, die laut Peters ein „fantastisches Bild“ zeichnen von dem, was an kulturellem Erbe gespielt und praktiziert wurde, in Norddeutschland, aber auch mit Querverweisen in andere europäische Regionen.
Torge Nonn liebt solchen Forscheraustausch. „Ich bin immer ganz beseelt, wenn ich auf Festivals so nebenbei Gespräche der am stärksten vorwärtsdenkenden und forschenden Köpfe mitbekomme, die mit Herzblut neue Quellen auftun.“ Der Flensburger Multiinstrumentalist ist sich sicher, dass ein Studiengang für Folkmusik in Deutschland eine sehr gute Idee wäre. „Auf jeden Fall! Ich würde das absolut befürworten. Der Effekt, den so etwas auf lange Sicht auf eine Folkszene haben kann, lässt sich ganz gut beobachten, wenn man mal nach links und rechts in andere Länder schaut, wo ein Studium der Folkmusik möglich ist. Weil ich mich da ganz gut auskenne, nehme ich als Beispiel mal die skandinavischen Länder. Dort gibt es viele junge Leute, die topp spielen können und auch Toppkenntnisse über das Material, über Ursprung und Herkunft haben. Da hat sich einfach viel getan, und es ist eine ganz belebte Folkszene dadurch, die auch immer wieder jung bleibt.“
Dasselbe, da sind sich Torge Nonn und Alex Peters einig, gilt für die Verleihung von Folkpreisen. Davon sollte es mehr geben, finden beide, denn solche Auszeichnungen sorgen für Sichtbarkeit und offene Türen.











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