Liebe Fans der lateinamerikanischen Musik.
In meinen 60. Latin Music News vom Dezember 2024 hatte ich geschrieben, die Kolumne einstellen zu wollen, bis vielleicht mal auf einen Jahresrückblick. Als Podcaster bin ich inzwischen mit verschiedenen musikalischen Themen tätig (https://www.mixcloud.com/lost-in-latin-music/). Ich hatte mich aber entschlossen, hier auch gelegentlich Podcasts zu Latin Music zu machen, wenn genügend erwähnenswerte Alben zusammenkommen. Also sprach nichts dagegen, die Kolumne manchmal etwas aufleben zu lassen. Die grundsätzliche Situation ist jedoch unverändert: Die Promotion zu lateinamerikanischen Alben ist im deutschen Raum kaum noch existent und wenn, dann kommen Informationen meist nur zu brasilianischer Musik. Die Musik mag inzwischen andere Wege zum Publikum finden (Bandcamp, Spotify, Social Media), zweifelsohne ist der Fan südamerikanischer Musik jedoch mehr denn je gefragt, nach ihr suchen zu müssen. Dazu muss er natürlich auch erstmal von ihr wissen. Lateinamerikanern (die bei uns leben) dürfte dies nicht schwer fallen, anders bei deutschen Konsumenten. Zu den diesmal vorgestellten Alben gibt es bisher so gut wie keine deutschsprachigen Rezensionen und wenn, tauchen sie auch nur in allgemeinen Magazinen auf. Spezielle Kolumnen für Latin Music scheinen ausgestorben zu sein. Insofern kann man die Latin Music News als temporäres Angebot bezeichnen, über den musikalischen Tellerrand zu schauen bzw. zu hören, in dem Fall nach Lateinamerika.
AIRTO MOREIRA & RICARDO BACELAR
Maracanós
Jasmin Music
Brasilien / MPB, Jazz
Mit ein Anlass für die neue Ausgabe dieser Kolumne ist dieses Album. Nicht allein deswegen, weil man vom Großmeister der Perkussion Airto überhaupt noch einmal etwas zu hören bekommt, sondern weil es dazu auch eine interessante Hintergrundgeschichte gibt. Maracanósist ein Album zweier brasilianischer Worldmusic Jazzer und klingt speziell für Airto deshalb anders als von ihm gewohnt. Man kann es als Verbeugung Bacelars vor Airto sehen, gleichzeitig jedoch ist es dessen Wiedererweckung und zugleich eine Kooperation für einen zukünftigen Dokumentarfilm über Airto und dessen Frau Flora Purim, die beim Track „Voo da Tarde“, auch mitsingt. Ricardo Bacelar dürfte bei uns wenig bekannt sein. Er kommt aus der brasilianischen Fusionjazzszene, stilistisch irgendwo zwischen MPB und Smooth Jazz á la Jeff Lorber u. ä. anzusiedeln. Mit seinen jazzorientierten Alben ist er in den USA recht erfolgreich, ein versierter Arrangeur und Pianist, spielt auf seinen Aufnahmen oft alle Instrumente selbst und singt auch zunehmend, wobei ihm jedoch die vokale Intensität der bekannten Stars fehlt. Ähnlich wie Sergio Mendes versteht er, sich aber immer wieder mit anderen MusikerInnen zusammenzutun, was seine Produktionen attraktiv macht. So kooperierte er z. B. mit Toninho Horta oder Leila Pinheiro. Außerdem widmete er in den letzten Jahren seine Alben der Musik berühmter brasilianischer Legenden wie Gilberto Gil oder João Donato.
Die Stücke auf Maracanós haben einen dichten wie sanften Flow. Wer also Airtos Perkussionsorgien, Mouthperkussion oder Ohrwürmer erwartet, wird hier nicht befriedigt. Nun hat Airto zwar einen unverkennbaren Sound in den Siebzigern entwickelt, aber auch immer wieder für ihn untypische Alben eingespielt. Schon auf seinem vorletzten Album Eu Canto Assim von 2021 wechselte er in die Rolle des balladesken Jazzsängers.Auf Maracanós ist er am ehesten im Stück “Pau Rolou” wiederzuerkennen. Mit eingängigem textlosen Gesang, geheimnisvollen Sounds und einem Berimbau-Rhythmus geht es hier in die für ihn typische Richtung.
Maracanós ist weitgehend ein Laid-Back-Album geworden. Einige Stücke sind mit Streichern eingespielt, Instrumentals, die eher wie Filmmusik wirken. Dies hat wohl damit zu tun, dass Maracanós im Rahmen des erwähnten Dokumentarfilms entstanden ist, den Bacelar gemeinsam mit dem Regisseur Jom Tobi Azulay produziert hat und der 2027 erscheinen soll. In vielen Momenten entstand die Musik direkt aus kollektiven Improvisationen im Studio. Bacelar betont: „Es bestand die klare Absicht, kein nostalgisches Album zu schaffen. Wir wollten lebendige und zeitgenössische Musik machen – Musik, in der brasilianische Elemente, Improvisation, Kammermusik, Elektronik und cineastische Atmosphären frei nebeneinander existieren können.“ Auch früher hat Airto schon Filmmusik eingespielt wie zu „Apocalypse Now“. Er war also immer für neue Ideen aufgeschlossen. Den soundscapeartigen Ansatz des Albums hört man am ehesten im Track “3 Minutos Do Paz”.
Dass es überhaupt zu diesem Album kam, grenzt an ein Wunder, denn Airto erkrankte 2022 an einer Lungenentzündung und nicht nur das. Die Folgen seiner Erkrankung waren so schwer, dass er nicht mehr auftreten konnte und der inzwischen 84-jährige sogar zum Pflegefall wurde. Dies führte bei ihm zu finanziellen Schwierigkeiten. Flora Purim suchte eine Pflegeversorgung in Brasilien, doch übernahm die Krankenversicherung dort für den Jahrzehnte in den USA lebenden Musiker zunächst nicht gleich die Kosten. Dies brachte Fans sogar dazu, ihm durch eine Crowd Funding Aktion zu helfen. Mit Unterstützung seiner Familie gelang es, dass er wie auch seine Frau Flora Purim inzwischen in dem über 100 Jahre alten Wohnheim für verdiente Künstler „Retiro dos Artistas“ bei Rio de Janeiro lebt. Dort gibt es ein Theater, medizinische Versorgung, Unterhaltungsmöglichkeiten, alles, wovon man im letzten Lebensabschnitt träumen kann. Netflix hat dort sogar ein Synchronisations- und Overdub-Studio eröffnet, um den Künstlern kreative Möglichkeiten zu geben. Da kann sich Deutschland mal eine Scheibe davon abschneiden. Auch der bekannte Drummer Robertinho Silva lebt z. B. dort.
Airto hat sich auf Maracanós vor allem konzeptionell und mit rhythmischen Ideen eingebracht. Natürlich ist er nicht mehr der Rhythmusteufel von früher, aber trotzdem bricht er mit diesem Album wieder einmal zu neuen Wegen auf.
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MOYSES DOS SANTOS
Maria
Far Out Recordings
Brasilien / Jazz, Funk
Der brasilianische E-Bassist und Komponist Moyses Dos Santos führt auf seinem Debutalbum Maria brasilianische Musiktraditionen durch Smooth Jazz und fetzigen Bläser-Funk, Soul und Disco. Dabei sticht Saxophonist Nick Ferraro hervor, er erinnert im Sound etwas an den berühmten Gato Barbieri. Das zumeist tanzbare Album hat einen sanften Groove, dazu kommen sphäriger Backgroundgesang von Dos Santos selbst und manchmal Streicher. Kein Geniestreich, jedoch ein angenehmes, gut produziertes Album, das kaum Soli hat, dafür aber einen stimmigen Ensemblesound. Ausgerechnet die Stücke mit den Gästen, darunter der legendäre brasilianische Arrangeur Arthur Verocai und die US-Trompetensensation Theo Croker, wirken jedoch etwas zu gefällig.
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AGUSTIN PEREYRA LUCENA
Ese Dia Va A Llegar
Far Out Recordings
Brasilien / Gitarrenmusik, Bossa Nova, Jazz
Der 2019 verstorbene Akustikgitarrist Agustin Pereyra Lucena war Argentinier, ließ sich aber stark von brasilianischen Gitarrenmeistern inspirieren. In letzter Zeit wird er wiederentdeckt. Sein Album Ese Dia Va A Llegar wurde ursprünglich 1975 unter dem Namen Brasiliana veröffentlicht und enthält eigenwillige Interpretationen von Klassikern von Lucenas persönlichem Helden Baden Powell, von Vinicius de Moraes, João Donato oder Antonio Carlos Jobim. So ist „Chica De Ipanema“, Lucenas Version des „Girl from Ipanema“, eine etwas holprige, mit verschiedenen wechselnden Rhythmen gespielte Version, aber für Jazzfans ein Hinhörer. Wer auf den für Brasilien typischen textlosen Gesang steht, der ist mit den Titeln „Amazonas“ und „Mujer Latina“ gut bedient, es gibt aber auch düster wirkende Tracks wie „Ultimo Llamado“, eine Art Trauermarsch mit dumpfen Schritten und einer traurigen Melodie, oder „Maritima“, das durch seinen Kontrast zwischen dramatischen tiefen Saiten und einer nachdenklichen Melodie auf den hohen Saiten geprägt ist. Ese Dia Va A Llegar ist im Vergleich zu Lucenas anderen Alben einen Stern weniger wert, steht aber manchen Klassikern der brasilianischen Gitarrenmusik in nichts nach.
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BRUNO BERLE
Sem Fronteiras
Far Out Recordings
Brasilien / MPB
Schon wieder ein Album des inzwischen wohl bekanntesten Sängers einer neuen Singer/Songwriter-Bewegung aus dem Nordosten Brasiliens, die zwar keinen Namen hat, die aber mit „Die neuen Sanftmütigen“ bezeichnet werden könnte. Berles Landsleute Nyron Higor und Phylipe Nunes Araújo zählen zu dieser Künstlergemeinschaft, die mittlerweile zwar in São Paulo beheimatet ist, deren Wurzeln jedoch vornehmlich in nordöstlichen Bundesstaaten wie Alagoas und Pernambuco liegen. Ähnlich wie einst die berühmte „Clube da Esquina“-Bewegung, die in den 1970er Jahren in Minas Gerais um Milton Nascimento entstand, arbeiten sie eng zusammen und spielen gegenseitig auf ihren Alben mit. Im Song „Você Já Sabe Que Eu Te Amo“ hört man wieder diesen speziellen Sound, eine unaufgeregte Stimme, die fast wie durchs Telefon gesungen klingt, die Gitarre vor sich hin geklimpert, ein paar warme E-Piano-Akkorde, dann wird das Stück mit Streicherklängen dichter. Aber es bleibt ein Gefühl von Verlorenheit oder sakraler Atmosphäre. Berle kann zudem auch anders: „Amor Inteiro“ ist temporeich und tanzbar, afrikanisch wirkend, „Ideas Magicas“ ist ein Beispiel, wie man den Autotune-Effekt akzeptabel einsetzt. Das klingt hier nicht nach Gejaule für den Supermarkt, sondern bleibt melancholisch. Dazwischen mit „Vim Dizer“ ein einfacher Song mit Stimme und akustischer Gitarre, schnell dahingezaubert, „Tô Assim“ dagegen ist eine kurze instrumentale Skizze. Wer macht heute sowas noch? Das Album Sem Fronteiras besteht aus kleinen Songs, die wie Entwürfe wirken, aber Pop-Perlen voller Einfachheit, Sanftmut und Ruhe sind. Sie machen den Eindruck, als würde es hier eine Art musikalische Dogma-Regel geben: Lass deine Stimmung heraus, aber möglichst schnell und frickele nicht ewig dran herum. Vielleicht muss man so klingen, wenn man angesagten Moden gegensteuern und stattdessen selbst einen Trend setzen will.
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SYSTEMA SOLAR
Futurx Primitivx 20|25
Sambumbia Publishing
Kolumbien / Cumbia, Dancefloor
Das kolumbianische Soundkollektiv Systema Solar mischt traditionelle kolumbianische afro-karibische Rhythmen wie Cumbia, Fandango, Champeta und Bullerengue mit moderner elektronischer Tanzmusik wie Hip-Hop, Techno, Breakbeats und Scratching. Ihre Themen und Texte sind sozialkritisch und behandeln den Alltag der Menschen in Kolumbien. Im Unterschied zu vielen MusikerInnen aus Lateinamerika, die in Deutschland bisher für ein aufgeschlossenes Kulturpublikum promotet wurden, ist Systema Solar ein Beispiel dessen, was in Südamerika wirklich angesagt ist. Ihr letztes Album FuturxPrimitivx 20|25 ist etwas einfacher und gleichmäßiger geraten als ihre Vorgänger, straighter, mehr auf den Dancefloor gerichtet, es gibt weniger Klangeffekte und klingt kommerzieller, ist aber dennoch voller Power. Im Sommer 2026 auch bei uns unterwegs.
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SEU JORGE
Baile à la Baiana
Cafuné / Black Service
Brasilien / MPB, Funk
Brasiliens Topstar Seu Jorge setzt hier auf knackigen Funk aus den späten 70er und frühen 80er Jahren und ist ein echter Dancefloorfeger. Mit dabei sind Kollegen wie Peu Meurray. Ein starkes Album, das man durchaus in Konkurrenz zur Tanzmucke von Carlinhos Brown sehen kann, der aber insgesamt mit Melodik und Soundideen noch etwas variabler ist.
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