Das Trio Brigan aus Kampanien im Süden Italiens wirft auf seinem aktuellen Konzeptalbum ein flackerndes Licht auf verschiedene Arten von Dunkelheit – die Tiefe der Nacht ebenso wie die Tiefen des menschlichen Geistes. Und das nächste außergewöhnliche Projekt ist bereits in Arbeit.
Text: Guido Diesing
Es sind alles andere als leichte Themen, die das neue Album Brigans prägen: eine Selbsttötung aus enttäuschter Liebe, ein Hexenprozess, Begräbnisriten, ein Priester, der seinen Kampf gegen die Mafia mit dem Leben bezahlt. Die überwiegend selbst komponierten Stücke handeln von Dingen, die einen engen Bezug zur Geschichte und Gegenwart der Heimatregion der Musiker haben, die zwischen Neapel und Caserta leben. „Wir haben beschlossen, über dieses Land zu singen und seine Geschichten und Volkslieder, seine Symbole und die Figuren unserer lokalen Legenden zu erforschen. Wir haben uns also mit unseren Wurzeln auseinandergesetzt, aber unsere Arbeit ist auch offen für Begegnungen mit anderen Kulturen“, erklärt Andrea Laudante, der bei Brigan seit etwa sechs Jahren für Electronics, Keyboards und E-Gitarre zuständig ist.
„Ein Museum für traditionelle Musik interessiert uns nicht.“
Luna, Cera E Vino („Mond, Wachs und Wein“), ein Konzeptalbum über die Dunkelheit, das konsequenterweise größtenteils in nächtlichen Aufnahmesessions entstanden ist, führt den Weg fort, den die Gruppe 2023 mit dem Vorgängeralbum Liburia Trip eingeschlagen hat: Saiten- und Percussioninstrumente, traditionelle Flöten verschiedener Herkunft werden durch Elektronik, Drones und Loops verdüstert und in dichten Klängen voller geheimnisvoller Details aufgeschichtet. Mit dramaturgischem Gespür übersetzen die Musiker traditionelle Elemente in den Folktronica-Bereich, Erinnerungen und Träume prallen auf die Realität der Gegenwart.
Brigan als Band, die ihren Fokus auf regionale Themen legt und sich durch musikalische Experimente auszeichnet – das war nicht immer so. 2009, bei der Gründung der Gruppe durch Sänger Francesco Di Cristofaro lag der Schwerpunkt noch auf keltischer Musik. Nach dem Debüt Irish Roots schlugen sich in der Musik intensive Kontakte und Reisen nach Galicien nieder, bis bald darauf immer deutlicher auch heimische Einflüsse aus der Musik Süditaliens hörbar wurden. Höhepunkt und Abschluss dieser Entwicklung war das Album Rúa San Giacomo von 2018, über das Andrea Laudante sagt: „Darin wird die Idee, verschiedene Kulturen zu verbinden, am besten verwirklicht. Das Image war zu diesem Zeitpunkt immer noch das einer akustischen Band mit Wurzeln in der keltischen Musik, aber man hört schon eine stärkere Verbindung zu unserer eigenen Tradition.“
Mit der darauf folgenden Neuorientierung, zeitgleich mit Laudantes Einstieg als neues Bandmitglied, wurde aus einer sehr guten eine außergewöhnliche und individuell wiedererkennbare Band, die nicht nur die Traditionen unterschiedlicher Kulturen kombiniert, sondern sich zwischen akustischer und elektronischer Musik positioniert. „Das hat sich nach Rúa San Giacomo einfach so entwickelt“, erinnert sich Laudante, der sich nach einem traditionellen Kompositionsstudium zu diesem Zeitpunkt der elektroakustischen Musik zugewandt hatte. „Ich kannte Francesco schon lange und arbeitete mit ihm an Projekten für experimentelle Musik. Diese Arbeit entwickelte sich ganz natürlich weiter, und wir begannen, diesen Ansatz auch bei Brigan einzubringen.“
Dass diese Wandlung nicht allen im Publikum gefiel, war für die Musiker bedauerlich, aber nicht zu verhindern. „Wir wollen einfach nur das tun, was wir mögen, und zwar mit voller Überzeugung. Dadurch haben wir vielleicht einige alte Fans verloren, aber gleichzeitig andere hinzugewonnen, die aus ganz anderen Musikrichtungen kommen, sei es aus der elektronischen Musik, aus der experimentellen Musik oder was auch immer. Wir haben einfach vielfältige Interessen und lassen uns nicht gern in eine Schublade stecken. Wir sind keine Folkmusiker, wir sind keine Elektronikmusiker, wir machen, was wir wollen, und kümmern uns nicht um Etiketten oder Trends. Wir betrachten Tradition nicht als etwas Unveränderliches und verfolgen unsere eigene Vision von zeitgenössischer Musik, die mit unserer Tradition verbunden ist. Tradition ist für uns also etwas Lebendiges. Ein Museum für traditionelle Musik interessiert uns nicht“, so Laudante.
In anderer Hinsicht agieren sie jedoch ganz altmodisch und erteilen der in Zeiten von Streaming gängigen Häppchenkultur eine klare Absage. „Wir betrachten einen Song nie als einzelnes Werk, sondern denken an eine größere Geschichte, wie in einem Film, entwickeln ein Szenario und denken dann über Geschichten, Charaktere oder Legenden nach. Wir entwerfen also zuerst das gesamte Werk und arbeiten erst dann an den einzelnen Stücken.“ Dass diese Herangehensweise etwas aus der Zeit gefallen ist, ist ihnen bewusst, wie Laudante lachend einräumt. „Es ist nicht für TikTok oder Instagram. Es ist für jemanden, der ein Album hören möchte, egal ob als CD, Vinyl oder auch MP3, der sich hinsetzt und sich vierzig Minuten Zeit nimmt. Alles andere interessiert uns nicht.“
Brigans nächstes Projekt verspricht Einzigartiges. Im Januar 2025 reisten die Musiker im Rahmen einer von EU und Goethe-Institut geförderten Künstlerresidenz ins nordnorwegische Gamvik zum Slettnes fyr, dem nördlichsten Festlandleuchtturm der Welt, um darin mit dem Sámi-Musiker Torgeir Vassvik zusammenzuarbeiten. Unter dem Titel Voci Di Mare E Di Vento („Stimmen von Meer und Wind“) ging es darum, wie Menschen in verschiedenen Kulturen mit diesen Naturelementen umgehen. Ein unvergessliches Erlebnis, wie Andrea Laudante sagt. „Es war zwei Wochen lang stockdunkel, dazu Schnee, Sturm und eisige Kälte. Wir haben Aufnahmen gemacht, an denen wir jetzt arbeiten. Es hat uns wieder einmal gezeigt, dass Begegnung, Neugier und Entdeckungsfreude die Grundlage jeder Form von Schöpfung sind.“ Auf die Ergebnisse kann man sich schon jetzt freuen.
Aufmacher:
Aktuelles Album:
Luna, Cera E Vino (Liburia Records, 2025)










0 Kommentare