Als wir in der Redaktion beschlossen, die Musik Italiens ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen, ahnten wir nicht, wie viel Neues wir entdecken würden. Sicher, Italien ist eine Nation mit einer großen Musikgeschichte. Neben der berühmten klassischen Tradition mit romantischer Oper und barocken Konzerten war es das italienische Lied mit seiner jahrhundertealten Überlieferung, das den Ruf des Landes prägte.
Text: Redaktion
Lange vor der Achtundsechziger-Bewegung sangen Geschichtenerzählerinnen und -erzähler über das Schicksal ihrer armen Landsleute. Einige der späteren Cantastorie – wie Fabrizio De André – gehören mehr denn je zu den wichtigsten Vorbildern und Inspirationsquellen aktueller Liedschaffender. Für die weiblichen Stimmen war es schwieriger, sich Gehör zu verschaffen – die Ikone sizilianischer Folkmusik Rosa Balistreri war eine der ersten, der das gelang. Unter dem Motto „Arrivederci Schmachtfetzen“ gehört sie zu denen, die Martin Steiner in seinem Überblick über alte und neue Cantautori und Cantautrici Italiens porträtiert. Aber auch im Beitrag Katrin Pfeiffers über die Musik Siziliens findet sie neben weiteren Stimmen Erwähnung – das Hauptinteresse der Autorin gilt jedoch der einzigartigen Maultrommeltradition Siziliens.
Viele Beispiele dieser alten und neuen Traditionen haben ihren Ursprung auffallend oft im Süden Italiens. Das kann es doch aber nicht gewesen sein, dachten wir, und fanden in Ciro De Rosa, dem Mitherausgeber des italienischen Onlinefolkmagazins Blogfoolk, einen Autor, der uns kenntnisreich auf eine Reise durch die nördlichen Provinzen Italiens mitnimmt. Mehrere Generationen von Musikschaffenden haben dort folkloristische Stereotype abgetragen, Tradition neu interpretiert oder weiterentwickelt. Wie zum Beispiel auch die aus dem Piemont stammenden Brüder Simone und Nicolò Bottasso. In ihrem jüngsten Projekt, Postcards From Italy, versehen sie entstaubtes Stummfilmmaterial mit einem magischen Soundtrack, der Türen zwischen Heute und Gestern öffnet.
Als junger Akkordeonist besuchte Simone Bottasso Workshops bei einem der Großen der italienischen Akkordeonszene, Riccardo Tesi. Seit fast fünfzig Jahren prägt der Mann aus dem toskanischen Pistoia wie kaum ein anderer die Geschichte des Organettos, des diatonischen Knopfakkordeons. Sein musikalisches Spektrum reicht vom traditionellen Folk der Toskana bis zum Jazz und mündet häufig in die Zusammenarbeit mit italienischen Liedschaffenden. So steht Ende März eine Australientournee mit der Sängerin und Gitarristin Guia an. Im Juli 2026 kann Tesi dann seinen siebzigsten Geburtstag feiern.
Das Trio Brigan aus Kampanien im Süden Italiens greift auf seinem neuen Album schwierige Themen auf: eine Selbsttötung aus enttäuschter Liebe, einen Hexenprozess, Begräbnisriten, die Geschichte eines Priesters, der seinen Kampf gegen die Mafia mit dem Leben bezahlt. Über ihre Musik sagen sie: „Wir machen, was wir wollen, und kümmern uns nicht um Etiketten oder Trends.“
Zwei weitere spannende Porträts gelten der aus Neapel stammenden Sängerin Flo und Maria Mazzotta. Die ausgebildete Opernsängerin und Theaterschauspielerin Flo arbeitete unter anderem mit dem Großmeister der dramatischen Musikperformance, dem neapolitanischen Sänger Peppe Barra zusammen. Und Maria Mazzotta aus dem apulischen Lecce verrät im Interview, was nach fünfzehn Jahren als Sängerin des süditalienischen Ensembles Canzoniere Grecanico Salentino ihre vor gut zehn Jahren begonnene Solokarriere ausmacht, in der sie immer wieder mit Musikschaffenden anderer Kulturen und Länder arbeitet.
Albumrezensionen aktueller Produktionen mit italienischem Bezug ergänzen schließlich den Schwerpunkt, und damit: Buona lettura!













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