Wer Maria Mazzotta auf Schallplatte hört oder sie auf der Bühne erlebt, wird direkt von der expressiven Emotionalität ihres stimmlichen Ausdrucks gefesselt. Rund fünfzehn Jahre lang war die aus dem apulischen Lecce kommende Sängerin die weibliche Stimme des süditalienischen Ensembles Canzoniere Grecanico Salentino, das seit 1975 die Musik des Salento höchst erfolgreich in die Welt trägt. Dann begann Mazzotta, die auch Percussioninstrumente spielt, eine erstaunliche Solokarriere. Zunächst mit dem albanischen Cellisten Redi Hasa, dann mit Begleitung des aus Madagaskar stammenden Akkordeonisten Bruno Galeone auf dem Album Amoreamaro (2020). Nach einer Produktion mit dem rockigen französischen Quartett Pulcinella veröffentlichte Mazzotta 2024 die Platte Onde, auf der sie von Schlagzeug, Electronics und E-Gitarre begleitet wird. Das Album landet in der Jahreswertung 2024 der World Music Charts Europe auf Platz fünf und wird in Italien im gleichen Jahr mit dem Premio Nazionale Città di Loano per la Musica Tradizionale Italiana ausgezeichnet. Das Canzoniere Grecanico Salentino verließ Maria Mazzotta, weil die Gruppe oft lange Tourneen spielte, was ihr keine Zeit für andere Projekte ließ. Zudem ist das Ensemble auf die Musik des Salento fokussiert. „Ich jedoch hatte das Bedürfnis, mich auch durch andere Kulturen, Sprachen und Klangwelten auszudrücken“, sagt Mazzotta im Interview, das ihre Lust auf musikalische Experimente beweist.
Interview: Willi Klopottek; Übers. aus dem Italienischen: Thérèse Gorza
Dein erstes Soloalbum hast du mit Redi Hasa aufgenommen. Was bedeutete es für dich, nur von einem Cellisten begleitet zu werden?
2014 habe ich zusammen mit Redi Hasa das erste Album Ura veröffentlicht, 2017 folgte Novilunio. Ein Projekt nur mit Stimme und Violoncello hätte ich nie für möglich gehalten – außer mit Redi Hasa, der für mich viel mehr ist als nur ein Cellist. Er ist als Musiker so vielseitig, dass er es fertigbringt, das Cello wie eine Gitarre, wie einen Kontrabass oder wie ein Orchester klingen zu lassen.
„Ich hatte das Bedürfnis, mich auch durch andere Kulturen, Sprachen und Klangwelten auszudrücken.“
Auf diesen Alben verarbeitest du viele Lieder vom Balkan. Was hat dich dazu gebracht?
Meine Begeisterung für die Musik des Balkans stammt aus den Neunzigerjahren, als ich die Gelegenheit hatte, Musikschaffenden aus Rumänien und Bulgarien zu begegnen, die mir ihre Musik vorspielten. Wenig später lernte ich Redi Hasa und andere unglaubliche Künstler und Künstlerinnen kennen, die glücklicherweise nach Salento gezogen waren, weshalb ich ihre wunderbare Musik kennenlernen konnte. Wie ich oft in meinen Konzerten betone, sind wir der orientalischste Teil Italiens. Griechenland und Albanien sind uns näher als Rom. Außerdem gibt es im Salento Gemeinden – auch Grecìa Salentina genannt –, wo man Griko beziehungsweise Grecanico spricht, eine Minderheitensprache, die Zeugnis ablegt von Völkern aus Griechenland, die sich im Süden Italiens niederließen, so wie es in der Antike Gruppen aus dem jetzigen Albanien machten, die die heute Arbëreshë genannte Gemeinschaft hervorbrachten. Die Musik aus dem Balkan bringt meine Saiten zum Schwingen, sie berührt mich, und ich fühle, dass sie in gewisser Weise zu mir gehört – oder vielleicht dass ich zu ihr gehöre –, und ich glaube, sie wird immer eine Rolle in meiner Art zu singen spielen. In meinem letzten Projekt, Onde, gibt es ein rumänisches Lied, das wir oft als Zugabe spielen, und auf dem neuen Album, das bald erscheint, habe ich ein zypriotisches Lied eingefügt. Also ja, die Musik des Balkans spielt noch immer eine starke Rolle in meiner Musik.
Maria Mazzotta mit (v. l.) Cristiano Della Monica (Percussion) und Ernesto Nobili (GItarre)
Foto: Ilenia Tesoro
Onde überrascht mit E-Gitarre und elektronischen Klängen …
In meiner künstlerischen Laufbahn fühle ich ein starkes Bedürfnis, mich immer wieder neu zu erfinden und neue Wege zu gehen. Die traditionelle Musik ist die Frucht einer kontinuierlichen Veränderung. Über Jahrhunderte wurde sie mündlich weitergegeben und durch die Interpretation Kulturschaffender werden Melodie und Text nach jeweiligem persönlichem Gefühl verändert. So versuche auch ich, diese Musik gemäß meinem persönlichen Empfinden umzugestalten. Das Projekt Amoreamaro mit Akkordeon war der Versuch, das Wesen der Vokalität und ihrer vielseitigen Emotionen zum Vorschein zu bringen. Mit dem französischen Ensemble Pulcinella gab es dann eine Änderung in den musikalischen Ideen und Visionen. Als ich für diese Zusammenarbeit kontaktiert wurde, war mir nicht klar, was daraus entstehen sollte. Als wir uns dann kennenlernten, wurde deutlich, dass durch die richtige Mischung unserer künstlerischen Persönlichkeiten ein energischer und mächtiger Sound geschaffen werden konnte. Bei Onde habe ich am Anfang gedacht, dass es verrückt wäre, die traditionelle Musik mit Post-Rock-Klängen vereinen zu wollen. In meiner zwanzigjährigen Karriere hätte ich nie gedacht, dass ich in meine Diskografie den Sound einfügen könnte, der meine Jugend prägte. Aber es war dann doch ganz natürlich, und ich bin stolz und zufrieden mit dem Ergebnis, das ich mit Cristiano Della Monica und Ernesto Nobili erreicht habe.
Was sind deine weiteren Pläne?
Künftige Projekte? Gibt es jede Menge! Wenn dieses Interview publiziert wird, wird San Paolo Di Galatina erschienen sein – Veröffentlichungsdatum für dieses neue Album in Kooperation mit Raül Refree war der 30. Januar. Diesen katalanischen Musiker und Produzenten habe ich durch Giuseppe Bortone von der Agentur Zero Nove Nove kennen und schätzen gelernt. Er hat das Zustandekommen dieses wunderschönen Duoprojekts initiiert und dessen Fertigstellung vorangetrieben. Darüber hinaus habe ich gerade ein anderes Album aufgenommen, das Ende 2026 erscheinen wird. Seit einigen Jahren wünschte ich mir sehnlichst, salentinische Musik mit Klavierbegleitung aufzunehmen, aber ich fand nicht den richtigen Musiker für dieses Projekt. Ebenfalls durch Giuseppe Bortone lernte ich dann Antonio Fresa kennen, einen sehr poetischen und emotionalen Pianisten, der perfekt zu diesem Projekt passt. In diesem Fall war die Herausforderung, die beiden scheinbar verschiedenen Welten der Volksmusik und der „kultivierten“ neoklassischen Musik zusammenzuführen. Dieses Projekt zu realisieren, war für uns sehr aufregend, und wir hoffen, dass es nun auch beim Publikum ankommt.
Aufmacher:
Aktuelle Alben:
Onde (Zero Nove Nove, 2024)
San Paolo Di Galatina (mit Raül Refree; Galileo MC, 2026)










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