Wortakrobat und Mundwerker

Melvin Haack

20. März 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Fragt man nach Künstlern mit besonders skurrilem Liedgut, fallen einem unter anderem Bodo Wartke, Willy Astor oder das Duo Sonnenschirm ein. Inzwischen sollte auch Melvin Haack dazuzählen. Der gebürtige Braunschweiger, der seit 2014 in Berlin lebt, bezeichnet sich selbst als „Feinschmecker der gesungenen Buchstabensuppe“, andere Begriffe, die er verwendet, sind „Verbalgalopp“ oder „Salto Wortale“. Doch Haack, der sich in Anlehnung an einen berühmten Rock-’n’-Roll-Star auch „Melvis“ nennt, ist nicht nur als witziger Liedermacher bekannt, sondern ebenso als erfolgreicher Moderator, Hörspielsprecher, Kinderbuchautor, Songslammer und Podcaster.

Text: Reinhard „Pfeffi“ Ständer

Geboren nebst Zwillingsbruder Adrian in den frühen Achtzigern in der Zeit der Neuen Deutschen Welle, studierte er Lehramt für Mathematik und Englisch. Nach seinem Bachelorabschluss ging Melvin Haack für ein Jahr in die USA an die Emory University in Atlanta, Georgia. Fasziniert von den sprachlichen Gepflogenheiten der Südstaaten, widmete er sich nach der Rückkehr dem Studium der linguistischen Humortheorie und verfasste seine Abschlussarbeit über Redneck-Jokes. Das Gitarrenspiel brachte er sich selbst bei, und er war in einer Schulband aktiv, in der er seine ersten Texte schrieb. Musikalische Einflüsse kamen von Heinz Rudolf Kunze, Funny van Dannen und der Metalband Manowar. Als besonders prägend aber bezeichnet Haack seine Zeit an Christof Stählins Liedermacherschule SAGO und an der Celler Schule für Textschaffende in der Unterhaltungsmusik.

„Ich bin schon ziemlich berühmt, aber das weiß halt fast keiner.“

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2010 lernte er in Hildesheim die Gruppe Schnaps im Silbersee kennen – Gleichgesinnte, denen er sich mit seinem Musikerkollegen Jerg Burchard alias „der Jerg“ gern anschloss. Und dann dauerte es nicht lange bis zum ersten Erfolg: 2013 gewannen die Silberschnäpse den Publikumspreis des Liederfestes Hoyschrecke. Es folgten mehrere Alben der Band mit Titeln wie Jede Welt ist die echte, Synapsensilvester oder Krisenherz. Parallel dazu wurde Melvin Haack für mehrere Jahre wichtiger Mitarbeiter des Freizeitparks Kulturinsel Einsiedel nahe der polnischen Grenze bei Görlitz, der sich insbesondere durch sein Festival Folklorum einen Namen in der Folkszene erworben hat. Dort führte er beispielsweise mehrere Jahre Regie bei der Dinnershow „Krönum“ und war das Maskottchen Sekreturius der Turisedischen Festspiele in der „Geheimen Welt von Turisede“, wie sich der Freizeitpark heute nennt.

Melvin Haack bei Adriakustik

Foto: RattenscharfePhotos

Melvin Haacks Lebenslauf – selbstbetitelt „Melvita“ – ist stationenreich, und es kommen immer mehr Stationen dazu. Da ist zum Beispiel Sebastian Krämer, Haack zufolge der „komplexeste Gedankenjongleur im Chansonbereich“. In dessen Club „Genie und Wahnsinn“ wurde er 2017 aufgenommen. Gründungsmitglied war er auch in der früheren Berliner Liederbühne „Lied & Greet“, gewann den Tübinger Songslam und den im Badehaus Berlin. Apropos Badehaus: Besonderen Spaß bereitet es Haack, in heißen Saunen aufzutreten. So moderierte er die deutsche Aufgussmeisterschaft und wird 2026 im brandenburgischen Wendisch Rietz sogar Moderator der Aufgussweltmeisterschaft! Als Autor veröffentlichte er zwei Kinderbücher, zudem war er Sprecher in Hörspielen, und er macht einen Podcast für Kinder. In der Zeit der Pandemie drehte Alina Noack ein Video zum Schnaps-im-Silbersee-Song „Wohlstandsquarantäne“. Wiederholt tauchten Lieder von ihm mit und ohne die Silberschnäpse in der Shortlist des Rio Reiser Songpreises, in der Jahresliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik und in der Liederbestenliste auf.

Aber Melvin Haack möchte nicht nur mit ulkigen Liedern und Reimen auf der Bühne stehen. Zum zwanzigsten Todestag Gerhard Gundermanns 2018 entstand ein enger Kontakt zu Gundis Witwe Conny und Tochter Linda, der bis heute anhält. Früher hörte Haack gern die Lieder des Lausitzer Songpoeten, über die Jahre wuchs er in dessen Gedankenwelt und die lyrische Kraft seiner Lieder hinein. So wurde er Mitglied der Band der Tochter, Linda und die lauten Bräute, sowie später auch der Liedgefährten um Conny Gundermann und einstige Wegbegleiter und -begleiterinnen des 1998 verstorbenen Liedermachers. Spätestens da bewies er, nicht nur für witzige Wortakrobatik zu stehen.

Melvin Haack alias Sekreturius Evil

Foto: RattenscharfePhotos

Mittlerweile kann Melvin Haack als Berufskünstler ganz gut von seinem Schaffen leben. Trotzdem sagt er mit seinem typisch schelmischen Humor: „Ich bin schon ziemlich berühmt, aber das weiß halt fast keiner.“ Treffend auch seine Antwort auf die Frage nach seinen Wortspielen: „Ich habe als Kind nicht gut gehört, manches nicht richtig verstanden. Darum musste ich einige Worte einfach erfinden.“ Sein aktuelles Soloalbum heißt Das letzte Einhirn. Im Titelsong über Kommerzstrategien heißt es über das glitzernde Einhorn ironisch: „Bist auf dem Softeis drauf und im Müsli drin und im Arschgeweih der Kassierer*in.“ Schwarzhumorig mit tiefem Hintersinn singt er in „Kohlenstoff“: „Ob stinkend reich oder chronisch bankrott, am Ende werden wir alle wieder Kohlenstoff.“ Haack ist immer auf der Suche nach absurden Themen wie etwa den „Löwenklöten“ bei Skulpturen in Parks. In „Wampenwarnung“ heißt es: „Warum sind auf Bier denn keine Wampen drauf?“ (Haack ist Initiator der Aktion „WAMPIFA – Bierbäuche gegen Rechts!“). Auf dem Album sind aber auch poetische Lieder zu hören wie „Wildgänsehaut“ oder das hintergründige „Klarkommen“ zur Überforderung im Alltag durch das ständige Unter-Starkstrom-Stehen. Zu richtigen Ohrwürmern haben sich „Sag morgens nie (dass du abends kein Bier trinkst)“ und „Noch lang nicht genug“ entwickelt.

Haack spielte mit Schnaps im Silbersee beim Bardentreffen in Nürnberg, beim Herzberg Festival und in Ingelheim beim Eurofolkfestival. Später trat er eher solo auf, auch als Support auf einer Götz-Widmann-Tour, wo er reichlich Erfahrungen sammeln konnte. Mit einem offiziellen Auftritt beim Rudolstadt-Festival hingegen hat es bisher noch nicht geklappt – das sollte doch irgendwann möglich sein? Beim Liederfest Hoyschrecke moderiert Melvin Haack seit Jahren die offene Bühne am Freitagabend, deren Titel „Hoyte Show“ vom ihm stammt. Bekannt ist er dort dafür, für alle Teilnehmenden den treffenden Limerick parat zu haben. 2025 nahm er selbst als Solist im Wettbewerb teil und belegte den zweiten Platz der Jurywertung.

Nach seinem ersten Soloprogramm „Das letzte Einhirn“ tourt er 2026 mit „Enthält lästige Spuren von Kleinkunst“ durch die Lande und verrät augenzwinkernd: „Das hat mal ein Ballermann-Produzent über mein großes Trinklied gesagt, und mir war sofort klar: Das muss der Titel für mein neues Programm werden.“ Hinzu kommen gemeinsame Auftritte mit seinem Braunschweiger Liedkollegen Philip Omlor, der seit einiger Zeit bei Liederjan spielt und mit den Folkurgesteinen gerade auf Abschiedstournee ist. Wichtig ist Melvin Haack zudem weiterhin die Zusammenarbeit mit Conny und Linda Gundermann. Im Februar 2026 fand dazu in Berlin ein Konzert mit dem Titel „Liedgefährten und Gäste auf Spurensuche“ unter Mitwirkung ehemaliger Mitglieder von Gerhard Gundermanns Liedtheatertruppe Brigade Feuerstein und zahlreicher Gäste statt. Haack kann also über Engagements nicht klagen für die nächste Zeit – 2026 könnte ein erfolgreiches Jahr werden für ihn.

www.melvinhaack.de

Aufmacher:
Melvin Haack

Foto: Pauline Strassberger

Aktuelles Album:

Das letzte Einhirn (Prosodia, 2025)

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