Albin Brun

Zwischen Stuhl und Bank

3. Juli 2019

Lesezeit: 5 Minute(n)

Vielseitig und doch unverwechselbar sein – welcher Musiker möchte das nicht? Der Schweizer Albin Brun hat’s geschafft. Dass er zwischen den Stilen einen Platz gefunden hat, den ihm niemand streitig macht, hat neben Neugierde und einer grundsätzlichen Offenheit auch mit der Wahl seiner Hauptinstrumente zu tun, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Er spielt Saxofon und Schwyzerörgeli, die Schweizer Variante des diatonischen Knopfakkordeons. Wie viel man damit zwischen Volksmusik, Folk und Jazz anfangen kann, zeigt ein Blick auf seine Website. Selbst bei rund einem Dutzend aktueller Bands und Projekte, die dort verzeichnet sind, ist die Liste nicht vollständig. Und es kommen immer wieder neue hinzu.
Text: Guido Diesing

„Ja, es hat sich einiges angesammelt über die Jahre“, bestätigt der 59-Jährige lachend. „Es ist halt schwierig, etwas aufzuhören, was gut funktioniert und Spaß macht. Dann kommt wieder etwas Neues, und das Alte ist auch noch da. Aber es gibt eben so viel Interessantes zu machen, zu entdecken und zu spielen. Und es hält einen fit und jung, wenn man sich immer wieder auf etwas Neues einstellen muss.“ Die große Zahl seiner Projekte gibt ihm luxuriöse Möglichkeiten: Welche musikalische Idee er auch immer gerade verfolgt – die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die passende Besetzung schon bereitsteht. Sei es sein Alpin Ensemble mit Patricia Draeger (Akkordeon), Claudio Strebel (Kontrabass) und Marco Käppeli (Schlagzeug), das NAH Quartett mit Andreas Gabriel (Geige), Marc Unternährer (Tuba) und Andy Aegerter (Schlagzeug), seien es diverse Duos oder die Gruppe Frächdächs, mit der er spezielle Kinderkonzerte gibt. Dazu kommen Projekte mit Chören – aktuell gerade Konzerte mit einem Vokalensemble und gregorianischen Chorälen –, die Mitwirkung in den Bands anderer Musiker und die Zusammenarbeit mit Schauspielern und Schriftstellern.

Die stilistische Vielfalt und Originalität in Albin Bruns Spiel hängt direkt mit seinem musikalischen Werdegang zusammen. Nachdem ihn als Kind der klassische Querflötenunterricht an der Musikschule nicht begeistern konnte, war es die Folkbewegung der Siebzigerjahre, die ihn packte. „Das war ein ganz anderer Zugang, wo man ohne Noten Musik von überallher gemacht hat: irische und skandinavische Sachen, auch schweizerische und italienische. Ich habe viele Saiteninstrumente gespielt – Mandoline, Bouzouki, Banjo. Das Akkordeon kam hinzu, weil zu Hause so ein Ding rumlag. Das war eine Zeit, wo man wirklich einfach autodidaktisch ausprobiert und etwas von Kassetten oder Schallplatten herausgehört und einander vorgespielt hat. Das Saxofon kam erst später dazu, da war ich schon neunzehn, zwanzig Jahre alt. Das hat mich wegen seiner enormen Power fasziniert. Generell gesehen, hab ich mit Folk angefangen, mich dann intensiv mit Jazz auseinandergesetzt und bin dann zum Folk zurückgekehrt, aber mit dem ganzen Rucksack vom Jazz. So hat sich meine eigene Mischung ergeben. Es ist nicht reine Volksmusik und es ist nicht reiner Jazz, es ist etwas zwischen Stuhl und Bank, aber das finde ich eigentlich eine sehr schöne Position.“

Volksmusikboom

Tatsächlich hat es etwas von einer Symbiose, wie in Bruns Musik die verschiedenen Stile ineinanderfließen und voneinander profitieren. Das Volksmusikalische bekommt durch das theoretische Hintergrundwissen aus der Jazzausbildung neue Impulse, und der Jazz bleibt andererseits durch die unverstellte Schlichtheit des Musikantischen geerdet und läuft nie Gefahr, verkopft zu klingen. Albin Brun sieht es als großes Glück, dass die Volksmusikszene in der Schweiz zurzeit boomt. „Da ist noch viel Entwicklungspotenzial, weil lange Jahre sehr wenig an Innovation passiert ist. Anders als im Jazz oder der Neuen Musik war in der Volksmusik noch Brachland vorhanden, wo man seinen eigenen Weg und Zugang finden konnte.“

Dass sich Bruns Qualitäten auch über die Grenzen der Schweiz hinaus herumgesprochen haben, zeigt ein Blick auf seine internationalen Projekte. Mit verschiedenen Bands hat er außer den meisten europäischen Staaten etwa auch Südkorea, Kirgisistan, Namibia und Katar bereist. Im Projekt Kazalpin hat er zehn Jahre lang sein Alpin Ensemble mit drei Sängerinnen aus Weißrussland kombiniert und eine faszinierende weltmusikalische Verbindung geschaffen. Nach einer Abschiedstournee im November wird sich die Gruppe allerdings auflösen. Gerade war er für CD-Aufnahmen mit dem Ala Fekra Project im Studio, einer neuen Band, in der schweizerische auf ägyptische Musiker treffen. „Das ist sehr spannend“, schwärmt Albin Brun. „Mit ägyptischer Geige und Kanun klingen auch meine eigenen Stücke ganz anders. Wie sie die Melodien verzieren und die Töne ziehen. Für mich ist das ein großes Glück, wenn ich mit solchen Musikern zusammenarbeiten kann. Man lernt wahnsinnig viel dabei. Und Musik ist eine Sprache, mit der man sich überall austauschen und begegnen kann. Das ist ein großes Geschenk.“ Ungewohnt für Brun ist, dass bei dieser Band seine bewährte Mitstreiterin Patricia Draeger federführend ist. „Sonst bin meist ich derjenige, der die Fäden in der Hand hält. Es ist auch mal schön, das abzugeben und einfach dabei sein zu können.“

Dialog der Generationen

Die Verbindung von Vertrautem und Neuem, alten Bekannten, mit denen ihn eine lange gemeinsame Geschichte verbindet, und erstmaligen Begegnungen ist typisch für Albin Bruns musikalischen Kosmos, in dem er Kontinuität und Entdeckergeist in einer reizvollen Balance hält. Ein relativ neues Projekt, das ihm derzeit sehr am Herzen liegt, ist sein Duo mit der jungen Cellistin und Schwyzerörgeli-Spielerin Kristina Brunner. „Mit ihr kann ich regelmäßig jede Woche proben, das habe ich lange vermisst. Dieses Duo macht riesengroße Freude, das hat noch viel Potenzial. Kristina kommt aus einer Volksmusikfamilie, spielt seit kleinstem Alter schon Schwyzerörgeli und hat eine große Auftrittserfahrung, obwohl sie noch so jung ist. Kristina ist eine komplette Musikerin, sie beherrscht zwei ganz unterschiedliche Instrumente, improvisiert, begleitet wahnsinnig gut, spielt virtuose Melodien. Ich habe zahlreiche neue Stücke komponiert, und die älteren tönen so, als wären sie speziell für sie geschrieben. Es ist sehr spannend, mit jemandem Jungen zusammenzuarbeiten, ich genieße diesen musikalischen Dialog über die Generationen hinweg.“ Gemeinsame Albumaufnahmen sind für 2020 bereits terminiert.

Kennengelernt hat er die Mittzwanzigerin, die im Duo mit ihrer Schwester Evelyn (an Kontrabass und Schwyzerörgeli) bereits ein Album veröffentlicht hat, an der Hochschule seiner Heimatstadt Luzern. Dort gibt er als Dozent Workshops und leitet die Volksmusikformation Alpinis, von der im Sommer eine neue CD erscheint. Die Arbeit mit dem Nachwuchs führt ihm regelmäßig vor Augen, wie sehr sich die Musikszene seit seinen eigenen Anfängen verändert hat. „Die Studenten sind natürlich top auf ihren Instrumenten. Dass Leute autodidaktisch etwas ausprobieren, gibt es sicher immer noch, aber dass sie dann auch eine Musikerlaufbahn einschlagen, ist heute fast unmöglich. Da sind die Anforderungen einfach enorm gestiegen in den letzten zwanzig Jahren. Es ist sicher nicht einfacher geworden. Die Szene ist gewachsen, und jedes Jahr kommen neue Musiker hinzu. Das war früher viel überschaubarer. Das Wichtigste bleibt, dass du eine eigene Sprache finden und dir Gehör verschaffen kannst. Mittlerweile merken in der Schweiz auch viele Musiker aus anderen Bereichen, in der Volksmusik läuft was, das ist angesagt, und versuchen, auf diesen Zug aufzuspringen. Das ist ja auch legitim, aber für mich ist es schön, dass ich das schon so lange mache, dass ich da hineingewachsen bin. Ich habe das große Glück, dass ich eigentlich immer meine eigenen Sachen spielen kann und mich nicht verbiegen muss. Das ist wirklich ein Traum und nicht selbstverständlich.“

albinbrun.ch

Aktuelles Album:

Albin Brun Trio & Isa Wiss, Lied.Schatten (Narrenschiff, 2018)

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