Vierzig Jahre Laway

Vom Nestbeschmutzer zum ostfriesischen Kulturbotschafter

14. November 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

Seit sage und schreibe vierzig Jahren sind die Friesenfolker von Laway mit ihren plattdeutschen Liedern auf deutschen Bühnen und darüber hinaus unterwegs. Na ja, brutto vierzig Jahre, denn zwischendurch gab es ein paar Durststrecken. Doch der kreative Kopf der Band, Gerd Brandt, hat es immer wieder geschafft, ihr eine Frischzellenkur zu verpassen. Fast dreißig Musiker haben im Laufe der Bandhistorie ihre individuellen Klangspuren in der Musik hinterlassen.
Text: Ulrich Joosten
m Frühjahr 1979 lernt der Jeveraner Stadtjugendpfleger Gerd Brandt (der von jedermann nur „Ballou“ genannt wird) den Musiker Wolfgang Höfer kennen. Der spielt Geige, Cister, Mandola, Banjo und singt – eine ideale Ergänzung für Brandt, der Waldzither, Mandoline, Gitarre und ebenfalls Gesang in das Duo einbringt. Die plattdeutschen Dichter und Liedermacher Oswald Andrae und Helmut Debus geben die Initialzündung mit ihrem Zyklus „Laway – Dat Leed van de Diekers“, der von dem friesischen Deicharbeiteraufstand von 1765 handelt, gut einhundert Jahre vor der Gründung der deutschen Arbeiterbewegung.

„Laway, ja, das war der richtige Name für unsere Band“, erinnert sich Brandt, „friesisch, aufmüpfig, lebensfroh – alles das steckte in diesem einen Wort, das ‚Alarm‘, ‚Unruhe‘ oder ‚Krach‘ bedeutet.“ Mit Holger Kaiser an Gitarre, Dobro und Gesang, Peter Foltin mit Whistle, Klarinette und Gesang sowie der Amerikanerin Rebecca Lang, die Flöte, Percussion und Gesang beisteuert, ist die Startformation komplett.

„Laway war der richtige Name für unsere Band – friesisch, aufmüpfig, lebensfroh.“

Im April 1979 findet beim Gründungskonzert der Folkinitiative Jever der erste öffentliche Auftritt statt. Laway zeigt von Beginn an politisch klare Kante, die Musiker spielen zum Maifeiertag auf, musizieren für Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken und vor dem Tor des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen zum Jahrestag der Befreiung vom Hitler-Faschismus. „Die Band war friesisch, musikalisch keltisch beeinflusst, politisch und gewerkschaftsnah“, erzählt Brandt.

Damit spielt sich die engagierte Gruppe in die Herzen ihrer rasch wachsenden Fangemeinde, macht sich aber auch Feinde. „In den frühen Achtzigern war Laway Teil der Umweltbewegung zwischen Weser und Ems, die durch den Bau der Atomkraftwerke Unterweser in Esenshamm und Brokdorf ausgelöst wurde. Wir hatten mit einigen anderen Umweltaktivisten im Dollart gegen einen neuen Seehafen protestiert und bei Ebbe einen Turm aus drei langen Holzpfählen im Watt gebaut, der mit einem Bein auf deutscher, mit einem auf niederländischer Seite und mit einem im Niemandsland stand. Das erschwerte den Behörden eine Räumung, weil man nicht wusste, wer verantwortlich war.“ Zu dieser Protestaktion entsteht das „Dreebeenleed“, von dem auf dem soeben erschienenen Laway-Jubiläumsalbum erstmals eine Liveaufnahme zu hören ist, die 1986 für Hortons kleine Nachtmusik im ZDF entstanden ist.

1982 wird Brandt Vater. Er beendet seine Anstellung als Sozialpädagoge, wird Hausmann und Musiker. Im Duo mit dem Gitarristen und Pianisten Paddy Maindok zieht er nun durch die Republik und berichtet musikalisch von den politischen Aktionen aus der Heimatregion. Ein Jahr später geht Laway gemeinsam mit Herbert Bartmann (Whistles und Pipes) und Wolfgang Eiben (Kontrabass) ins Studio und spielt die erste LP Laat jö nich unnerkriegen ein. Sie wird 1983 veröffentlicht und prompt mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Es folgen Konzerte und Festivalauftritte in allen Teilen der damaligen BRD. Selbst in der DDR darf die Band 1985 in Rostock auftreten. Bis 1990 werden die Friesenfolker zu vielen internationalen Festivals eingeladen.

Überregional erfolgreich, bekommen Laway in ihrer norddeutschen Heimat kein Bein auf die Erde. Tourismusverbände bezeichnen sie als Nestbeschmutzer, belegen die Musiker sogar mit Auftrittsverbot, da sie, so Brandt, über „schwarze Löcher im Watt, den schwarzen Tod sangen, und über Fischer, die ihre Arbeit verloren, weil die Nordsee die Güllegrube der Nation geworden war“.

Als in den Achtzigerjahren das große Folkclubsterben einsetzt, ist die Gruppe ökonomisch nicht mehr haltbar. Brandt wechselt für einige Jahre in die Fernsehunterhaltung, derweil Laway unter dem Sauerstoffzelt liegt. 1993 kehrt er nach Ostfriesland zurück und gründet das Künstlerlabel Artychoke, das bis heute an die fünfzig CDs aus den Bereich Folk, Songwriting, maritimes Lied sowie Kirchen- und Chormusik veröffentlicht hat.

1996 kommt mit Klaus Störtebeker die Laway-Renaissance. Brandt wird beauftragt, die Musik zu einem Theaterstück über die norddeutsche Seeräuberlegende zu schreiben, das in Marienhafe als erstes der Störtebeker-Freilichtspiele aufgeführt wird. Die Aufführung ist ein großer Erfolg. Innerhalb eines Monats wird die Musik dazu, die Brandt zusammen mit Wolfgang Höfer, Petra Fuchs als Gastsängerin und dem Multiinstrumentalisten Jörg Fröse im Studio eingespielt hat, mehr als tausendmal verkauft. Da die Musik in den Folgejahren live gespielt werden soll, reanimiert Brandt Laway und bildet gemeinsam mit Fröse und Fuchs für zwei Jahrzehnte den Kern der Gruppe. „Von 1996 bis 2014 haben wir insgesamt siebenmal vor jeweils über zwanzigtausend Besuchern für die Festspiele musiziert.“

Laway erspielt sich auf diese Weise in der Region zwischen Dollart und Jadebusen, aber auch überregional unzählige Fans. Die Gruppe wird das kulturelle Aushängeschild des einsetzenden Revivals der Regionalsprache in Ostfriesland. In den Achtzigern als Nestbeschmutzer geschmäht, wird sie zum Botschafter der ostfriesischen Kultur, Brandt erhält Ehrungen wie den Keerlke-Preis des Vereins Oostfreeske Taal oder mit der Band den Bad-Bevensen-Preis, die bedeutendste überregionale Auszeichnung für plattdeutsche Liedermacher.

In den Jahren 2014 bis 2016 entsteht die aktuelle Besetzung der Band. Brandts Sohn Keno hat als Berufsmusiker seit 2002 immer wieder bei Laway-Studioaufnahmen mitgewirkt. Er spielt Bass, Gitarre, Hammondorgel, keltische Harfe und Percussion und ist obendrein ausgebildeter Sänger. Mit dem Geiger Jonas Röllecke und der Sängerin und Drehleierspielerin Carmen Bangert bildet er das Global-Folk-Trio La Kejoca, das heute neben den beiden „Seniorpartnern“ die aktuelle Laway-Formation darstellt. „Nun sind nur noch Jörg Fröse und ich von der alten Besetzung dabei“, meint Gerd Brandt trocken, „aber dafür haben wir den Altersdurchschnitt deutlich verjüngt und unsere Arrangements um viele neue Einflüsse erweitert.“

Das soeben erschienene Jubiläumsalbum enthält vierzig Lieder und Instrumentalstücke aus vierzig Jahren. Neben Neuaufnahmen älterer Hits sind auf den beiden CDs die schönsten Stücke der Friesenfolker von dreizehn Alben und bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen zu hören. Viele Lieder des Debüts Laat jö nich unnerkriegen sind nunmehr erstmals auf CD verfügbar. Dazu gibt es in einem opulent ausgestatteten Mediabook eine ausführliche Bandhistorie, die mit zahlreichen Fotos und Fundstücken die Erfolgsgeschichte der ostfriesischen Folkband illustriert und außerdem eine Diskografie und sämtliche Liedtexte enthält.

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laway.de

Aktuelle Alben:
För all dat – 40 Jahre Friesenfolk (Do-CD; Artychoke, 2019)
Winternacht (Artychoke, 2018)

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