Über einen weiteren Weltfrauentag, eine Industrie, die ihre besten Stimmen versteckt, und die Frage, warum Frauen im Country auch noch 2026 um Sichtbarkeit kämpfen müssen.
Text: Ralf Grabuschnig
Vor ein paar Wochen begingen wir mal wieder Weltfrauentag. Man gratuliert sich, postet Herzen auf Social Media, vielleicht gibt es irgendwo Blumen, und dann … – geht man wieder zur Tagesordnung über.
In der Countrymusik lässt sich diese Tagesordnung aktuell ganz gut mit einer Zahl beschreiben: 8,4 Prozent. So hoch war der Anteil von Künstlerinnen im US-amerikanischen Countryradio im Jahr 2024. Und das Tragische daran: Diese Zahl ist nicht etwa im Steigen begriffen. Im Jahr 2000 lag der Wert noch bei 29 Prozent. Im Verlauf des letzten Vierteljahrhunderts hat sich die Präsenz von Frauen im Countryradio also nicht etwa an die der Männer angenähert, sondern ist um fast drei Viertel eingebrochen!
Die Geschichte der Frauen in der Countrymusik ist damit – wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft – auch eine Geschichte des Kampfes um Sichtbarkeit. Schon die Carter Family – oft als „First Family of Country Music“ bezeichnet – verdankte ihren Sound maßgeblich Maybelle Carters Gitarre. Sara Carter sang die Leadstimme. Aber wenn man über die Anfänge des Country spricht, tut man dies trotzdem meist in Bezug auf Jimmie Rodgers.
Es dauerte bis in die 1950er-Jahre, bis Frauen begannen, die ersten Mauern in der Countryindustrie einzureißen. Kitty Wells schaffte mit „It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels“ 1952 als erster weiblicher Soloact einen Nummer-eins-Hit. Der Song prangert die Doppelmoral der Männer an – als direkte Antwort auf Hank Thompsons „The Wild Side Of Life“.
Das war mutig und ein bitter nötiger Anfang. Aber es war auch wirklich nur ein Anfang. Denn dann kam Loretta Lynn.
Loretta Lynn – „The Pill“ (1975)
Man könnte über Loretta Lynn gleich eine ganze Ausgabe der „Honky Tonk Post“ schreiben. Aber ein einziger revolutionärer Song fasst ihren Geist eigentlich gut zusammen: „The Pill“ von ihrem 25. Solostudioalbum Back To The Country. Ein Countrysong über die Antibabypille. Lynn singt darin über sexuelle Selbstbestimmung, darüber, dass Frauen endlich die Kontrolle über ihren eigenen Körper hatten. Dass sie nicht mehr „barefoot and pregnant“ sein mussten, wie es das Klischee wollte.
Die Reaktion? Countryradiosender weigerten sich sofort, den Song auch nur zu spielen. Und genau hier sehen wir ein Muster, das sich durch die gesamte Geschichte der Frauen im Country zieht: Mutige, ehrliche Kunst wird von einem altbackenen und patriarchalen System unterdrückt. „The Pill“ wurde aber auch so zum Hit. Weil die Menschen – und ganz besonders die Frauen – sich in der Musik eben wiederfanden und sie kauften.
Dixie Chicks – „Not Ready to Make Nice“ (2006)
Wenn wir über Frauen im Country, politischen Aktivismus und Bestrafung durch die Industrie reden, kommen wir an den Dixie Chicks (die sich seit 2020 nur noch „The Chicks“ nennen) nicht vorbei. Denn 2003 machte Sängerin Natalie Maines bei einem Konzert in London eines der berühmtesten politischen Statements der Countrywelt. Mit Blick auf den Irakkrieg sagte sie, sie schäme sich dafür, dass Präsident George W. Bush so wie sie aus Texas komme.
Die Reaktion der Coutryradiosender war dieselbe wie schon dreißig Jahre zuvor: die komplette Verbannung der Künstlerinnen aus ihren Programmen. Es folgten gar Todesdrohungen und öffentliche Verbrennungen von Dixie-Chicks-CDs. Auch der oben genannte radikale Einbruch in den Zahlen weiblicher Countryartists im Radio nahm wohl hier seinen Anfang.
Die Chicks ließen sich davon nicht beeindrucken. Drei Jahre später antworteten sie auf ihrem Taking The Long Way darauf mit „Not Ready To Make Nice“, einem Song voller Wut, Verletzlichkeit und vor allem Uneinsichtigkeit: „I’m not ready to make nice, I’m not ready to back down.“ Der Song gewann drei Grammys, und die Band stand damit auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens. Aber im Countryradio? Nach wie vor Totenstille.
Die Botschaft des Establishments war klar: Frauen dürfen in diesem Genre singen, solange sie niemandem unbequem werden. Und „unbequem“ kann vieles bedeuten – eine politische Meinung, zu viel Feminismus, zu viel Eigenständigkeit. Oder auch einfach: zwei Künstlerinnen direkt hintereinander im Radio. Gott bewahre.
2015 formulierte das der Radioberater Keith Hill dann ganz offen. Frauen seien nicht der Salat im Countryradio, sagte er. Sie seien die Tomaten. Man solle sie „drüberstreuen“, aber bitte nicht zu viele von ihnen hintereinanderspielen. Die Empörung war groß. Als „Tomatogate“ wurden die Äußerungen schon bald bezeichnet. Geändert hat sich in den über zehn Jahren seitdem trotzdem wenig bis nichts.
Kacey Musgraves – „Follow Your Arrow“ (2013)
Womit wir dann auch schon fast in der Gegenwart angekommen wären. Und wenn eine Künstlerin das moderne Dilemma der Frauen im Country auf den Punkt bringt, dann ist es Kacey Musgraves. Ihr „Follow Your Arrow“ ist vordergründig ein fröhlicher, leichtfüßiger Song. Eingängig, witzig, warm. Aber unter der Oberfläche steckt doch eine deutliche Botschaft: „Say what you think, love who you love.“
Musgraves singt über Queerness, genauso aber über das Kiffen oder das Recht von Frauen und allen anderen, so zu leben, wie sie wollen. Und sie kleidet all das in den Sound Nashvilles. Für das Lied erhielt sie den Country Music Association Award als „Song des Jahres“. Aber wieder: kaum Airplay im Radio – der auch 2013 noch alles bestimmende Faktor in der Welt des Country.
Ashley McBryde – „Girl Goin’ Nowhere“ (2018)
Oder nehmen wir Ashley McBryde. Auch sie verkörpert die ungeschönte Realität von Frauen im heutigen Country. Sie zeigt aber auch, wie es nach vorne gehen kann.
„Girl Goin’ Nowhere“ vom gleichnamigen Album war ihre trotzige Antwort an alle, die ihr in der Frühzeit ihrer Karriere gesagt hatten, sie passe nicht nach Nashville. Sie sei zu wild, zu tätowiert, nicht poppig genug, sie würde es nie schaffen. Sie singt: „I hear the crowd, I look around, and I can’t find one empty chair – / Not bad for a girl goin’ nowhere.“
Ashley McBryde änderte weder ihren Sound noch ihren Look, um Airplay zu erhalten. Und doch wird sie inzwischen im Countryradio gespielt. Auch ein Zeichen für die neue Macht von Künstlerinnen in Zeiten von Streaming. Es beweist aber auch den nach wie vor frustrierenden Punkt: Frauen in der Countryszene müssen oft noch immer doppelt so hart arbeiten, doppelt so authentisch sein und oft jahrelange Ablehnung überstehen, nur um überhaupt einen Platz am Tisch zu bekommen.
Der Weltfrauentag ist gut und schön. Aber vielleicht sollte man gerade in Nashville öfter als einmal im Jahr darüber nachdenken, wem dieses Genre eigentlich was verdankt. Oh und übrigens: Ein reiner Tomatensalat ist auch etwas Gutes.
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