25 Jahre folker (3)

Cecilia Aguirre – Spagate und Staubwedel

10. September 2023

Lesezeit: 6 Minute(n)

Der folker feiert Jubiläum. Statt des zu solchen Anlässen beliebten historischen Abrisses möchte die Redaktion die Hauptakteurinnen und -akteure dieser Jahre zu Wort kommen lassen, wie sie die Entwicklung des Magazins im Rahmen ihrer eigenen Biografien erlebten. Drei Personen hatten den Posten der Chefredaktion zwischen 1998 und 2020 inne (Michael Kleff, Sabine Froese und Cecilia Aguirre), bevor es 2021 mit einer sechsköpfigen Inhaltsredaktion zu einer Auflösung dieses traditionellen journalistischen Konzepts kam. Als Verleger fungierte von den Anfängen bis ebenfalls Ende 2020 Christian Ludwig. In jeder Ausgabe des Jahres 2023 findet sich ein Interview mit einer dieser vier Personen.
Interview: Stefan Franzen

Als sie die Geschäfte des folker mit Heft 4/2018 übernahm, war das eine Zeit der Umbrüche in vielerlei Hinsicht, und nicht nur beim folker: Dahinschwinden der Printmedien, unumgängliche Digitalisierung, aufkeimende Wokeness. Wie geht man damit als Chefredakteurin um, und dann auch noch, wenn man bislang eher im Rundfunk verortet war? Cecilia Aguirre im Gespräch, die zwischen 2018 und 2020 dreizehn Ausgaben verantwortete – bis die Pandemie kam.

Cecilia, du warst über dreißig Jahre beim WDR als Musikjournalistin tätig. Welchen Stellenwert hatte der folker in der Zeit vor deiner Arbeit als Chefredakteurin?

Er war für die Kolleg:innen und mich im Funk ein ganz wichtiges Informationsmedium. Vor allem die Seiten der Neuerscheinungen und der Veranstaltungskalender wurden gerne durchgeblättert, um auf dem Laufenden zu sein.

Du warst sechzig, als du den Job übernommen hast. Wie kam es dazu, und wie war das?

Mike Kamp rief an, und ich sagte sehr schnell zu. Ich vermute, das Kriterium war meine langjährige WDR-Arbeit. Was das Alter angeht: Du musst für den Job viel präsent sein, auf Festivals, Konzerten, dich in der Szene tummeln, Kontakte in alle Richtungen halten. Da war ich dann schon mal müde und dachte, ein jüngerer Mensch wäre auf dem Platz besser geeignet.

Worauf kam es beim folker an, als du gestartet bist?

Es war die Zeit eines Paradigmenwechsels. Damals ging es los mit Gendern, Wokeness, aber auch dem Aufweichen der früher so klar gesetzten Grenzen zwischen rechts und links. Mir gefällt das Lied von Jan Delay so gut, in dem er in etwa singt: „Ich komme nicht mehr klar, die Bullen hören Bob Marley und jeder zweite FDPler trägt einen Iro …“ Das hieß für uns, dass wir unsere Haltung verstärkt überprüfen mussten. Eine Anzeige der UZ [der sozialistischen Wochenzeitung Unsere Zeit; Anm. d. Red.] wollte ich zum Beispiel nicht mehr unterstützen.

Und die Musikmagazine gingen ab der Zeit ja reihenweise ein, SPEX, Intro, Melodie & Rhythmus

Ja, es war fürchterlich, mitzuerleben, wie die Szene ihre Multiplikatoren verlor. Und das führte natürlich immer zu der Frage, wie der folker überleben kann. Zeitungen fusionierten, Titel verschwanden, die Menschen wurden von Social Media aufgesogen. Das Feuilleton verlor immer mehr an Bedeutung. Welche Chance hat da ein Magazin für Lied und Folk?

Und? Hattet ihr eine Strategie?

Was mich persönlich umtrieb, war die Frage: Werden Magazine überhaupt noch gelesen? Und wenn ja, welche Sprache, welches Layout, welcher Content spricht die Leser:innen an? Es ging ja darum, Abonnent:innen zu gewinnen und natürlich die Szene zu stärken, die Musik zu fördern. Bei der Sprache war mir der vorsichtige Einbezug von Anglizismen wichtig, beim Inhalt die Mischung zwischen bekannten Namen und Newcomern. Konstantin Wecker war immer ein Zugpferd, auch die Nummer mit Joan Baez auf dem Cover hat sich gut verkauft.

Wie schwierig war es für dich, als Radiojournalistin auf Print umzustellen?

Das war harte Arbeit. Print erfordert ganz andere Skills, als sich mit dem Sendemanuskript vors Mikro zu setzen. Ich musste mich in alle Bereiche einarbeiten – von Anzeigenakquise über Typografie zu Covergestaltung. Das war mir alles unbekannt.

„Was den folker ausmacht, ist sachkundiger Musikjournalismus, der mit großem Eifer medial unsichtbare Nischen auskundschaftet.“

War es dir auch ein Anliegen, dem brutalen Kahlschlag vieler Öffentlich-Rechtlichen im World-Bereich entgegenzuwirken? Dachtest du, der folker könnte ein neues Forum sein, deine Mission weiterzuführen?

Nein, daran habe ich nicht wirklich geglaubt. Über den Kahlschlag bin ich heute noch sehr wütend.

Was war die größte Herausforderung während deiner Tätigkeit?

Dass die Autorenhonorare gezahlt werden. Wobei an dieser Stelle auch mein Dank an den damaligen Verleger Christian Ludwig geht, der mit viel Einsatz – auch finanziellem – die Zeitschrift am Leben hielt.

Du hast die Umgestaltung des Layouts weitergeführt. Was wolltest du da bewegen und auf welche Widerstände bist du gestoßen?

Auf gar keine, im Gegenteil. Es ist meiner Meinung nach von Vorteil, wenn man sich in bildender Kunst auskennt, um zu layouten. Und der folker-Layouter Christoph Lammert ist bildender Künstler. Wir haben sehr viel diskutiert und ausgezeichnet zusammengearbeitet. Da er der kompetente Mann war, galt auch zu meiner Zeit sein Urteil.

Nach Sabine Froese warst du die zweite Frau in dieser Position. Wolltest und konntest du einen feministischen Aspekt in deiner Arbeit umsetzen?

Das wollte ich nicht. Ist aber trotzdem eine gute Frage, mit der ich persönlich meine Schwierigkeiten habe. Denn ich weiß nicht mehr so genau, was Feministischsein bedeutet. Zu meiner Lila-Latzhosen-Zeit war das einfacher zu beantworten.

Du hast den Untertitel „Song – Folk – Global“ eingeführt. Warum wolltest du das „Lied“ nicht mehr auf der Titelseite haben?

Bei dem Punkt bin ich wirklich auf Widerstand gestoßen Ich wollte mehr Anglizismen im Heft, so als „Staubwedel“. Das „Lied“ – schön und gut, aber die Wandersandalen haben wir doch schon lange ausgezogen. Sorry, das klingt jetzt polemisch, und beinahe wäre ich sogar am Anfang gleich wieder zurückgetreten, weil der Vorschlag so viele Bauchschmerzen verursachte. Klar ist der folker ein Magazin für eine deutschsprachige Leserschaft. Aber die Sprache hat sich dermaßen rasant verändert, das muss ein modernes Heft einfach widerspiegeln.

Deinen Kritikern hast du ja den Wind aus den Segeln genommen. Gleich im zweiten von dir verantworteten Heft hast du eine Titelstory über Marx als Liederschreiber auf das Cover gesetzt. Später gab es mit Lesch, Wecker und Heller sogar eine Häufung von drei Liedthemen am Stück. Hättest du lieber mehr Akzente auf der Weltmusik gehabt?

Nein, ich war sehr zufrieden. Klar gab es redaktionelle Bedenken, dass auf die Wecker-Story mit Heller der nächste grauhaarige Mann auf dem Cover folgte. Aber der Autor Rolf Thomas hat mich sofort von der Geschichte überzeugt, ich wollte sie unbedingt bringen. Lest doch bitte den Artikel noch mal folker 2/2020; Anm. d. Red.. Er ist sagenhaft gut und bestimmt mit das Beste, was je über André Heller geschrieben worden ist. Das ist ja das, was den folker ausmacht – der sachkundige Musikjournalismus, der mit großem Eifer diese medial unsichtbaren Nischen auskundschaftet. Vergiss das Cover, schlag das Heft auf und der Inhalt wird dich mit seiner Fülle überwältigen.

Während deiner Zeit verlor der folker nicht an politischer Ausrichtung. Du hast aber in deinen Editorials darauf hingewiesen, dass du nicht zwangsläufig die Meinung der vertretenen politischen Positionen teilst. Ist dieses explizite Abrücken nicht eher ungewöhnlich?

Das kam nur zweimal vor. Der erste Artikel, ein Gastbeitrag, war meiner Meinung nach nicht durchdacht und der zweite war das Plädoyer für die BDS-Bewegung …

… da hake ich gleich ein: Dieser Beitrag hat ja Wellen geschlagen. In dem Plädoyer wurde zum Kulturboykott Israels aufgerufen und dem folker sogar Antisemitismus vorgeworfen. Wäre es geboten gewesen, gleich eine Kontraposition mitzuliefern?

Ich denke, es wäre gut gewesen, diesen Gastbeitrag gar nicht erst zu bringen. Da habe ich einen Fehler gemacht. Die Debatte über den BDS hätte im Vorfeld innerhalb der Redaktion stattfinden müssen. Das war aber nicht geschehen. Das Beispiel zeigt, wie sehr sich die Stimmungen in der Gesellschaft radikalisiert haben und wie sehr der Diskussionsbedarf gestiegen ist.

In deine Zeit fiel auch die immer größere Bedeutung von Streamingdiensten gegenüber der CD und die zunehmende Digitalisierung: Soll ein Printmagazin sich auch in den sozialen Medien präsentieren? Das war ja hart diskutiert in den folker-Reihen …

Ja, und heute total unverständlich. Diskussionen, die es zu meiner Anfangszeit noch gab – ob bei Facebook mitmachen oder nicht – wirken im Nachhinein geradezu abstrus. Das Problem ist, dass man mit den Veränderungen mitgehen muss, ob man will oder nicht. Also ist der Spagat zu bewältigen zwischen eigenem Anspruch und einem sich konstant wandelnden Umfeld, wenn man von seinem Produkt überzeugt ist. Beziehungsweise felsenfest davon überzeugt ist, dass Deutschland dieses Magazin unbedingt braucht.

 

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