25 Jahre folker – Bonus

Von Rotweinideen und Nachtschichten

7. März 2024

Lesezeit: 4 Minute(n)

2023 feierte der folker sein 25-jähriges Jubiläum und interviewte in jeder Ausgabe eine der Hauptpersonen dieser Jahre: die drei Menschen auf dem Posten der Chefredaktion zwischen 1998 und 2020 – Michael Kleff, Sabine Froese und Cecilia Aguirre – sowie Christian Ludwig, den Verleger bis ebenfalls Ende 2020. Abschließend zu Wort kommen soll der Mitgründer des Magazins und Mitherausgeber von 1998 bis 2007: Jürgen Brehme

Das Vorgänger-Folksblatt

Das Folksblatt ist tatsächlich schon in der DDR entstanden. Mit „Druckgenehmigungsnummer“ – es durfte nahezu nichts gedruckt werden ohne eine solche Nummer, das gedruckte Wort unterlag einer weitgehenden Zensur. Nachdem der Folkklub Leipzig diese Nummer ergattert hatte (maßgeblich dafür eingesetzt hatte sich Uli Doberenz), gab es ab 1985 ein kleines Heftchen mit wenig Aktualität und interessanten Betrachtungen zum Thema Folkmusik. Einmal im Jahr, mehr wurde es erst mal nicht. Weil das allen zu wenig war, gründete sich 1988 eine neue, jung-enthusiastische Redaktion mit dem Vorhaben, quartalsweise zu erscheinen. Ob wir damit irgendwann unseren Kulturapparat überfordert hätten, konnten wir nicht mehr austesten, kam doch 1989 das „große Andersrum“*.

Dieses Heftchen in die Marktwirtschaft zu überführen, war sicher eine Rotweinidee. Solche Ideen funktionieren bekanntlich meist, wenn auch mit großem Learning-by-Doing-Aufwand. So brachte mir dieses Vorhaben eine schnelle und profunde (Er-)Kenntnis des deutschen Umsatzsteuersystems.  Das Folkhobby wurde zum Bildungserlebnis, welches mich auf die neue deutsche Heimat vorbereitete.

Große Schützenhilfe (beim Zeitungsmachen wie beim Kennenlernen des bundesdeutschen Lebens) leistete uns der Göttinger Wieland Ulrichs vom Musikblatt. Wurde es spät nachts, machte er sich schon mal Gedanken, ob er sich damit nicht ein Konkurrenzblatt heranzüchtete. Dass er seine eigene Zeitschrift später einstellte, lag aber sicher nicht an unserem kleinen Ostgewächs. Dass der folker – das Nachfolgemagazin unter anderem des Folksblatts – bis heute noch aktiv ist, darauf kommt allerdings schon Stolz auf.

Folksblatt 3-97

 

Presseschau in Rudolstadt

Als aus der alten DDR-Folkoreschau, die das Rudolstädter Tanzfest gewesen war, ein modernes Festival wurde, gab es auch ein Presseforum. Trad Magazine, Folk Roots (später fRroots), Folk & Country – jedes Nachbarland hatte eine große Zeitschrift. Für das Gastgeberland kam eine Schar kleiner Zeitschriften: Folk-Michel, Folksblatt, Musikblatt, Akustik-Gitarre. Freilich hatten die deutschen Zeitschriften zusammen weniger Abonnenten als jedes einzelne Magazin aus dem Ausland.

Die Geburt des neuen Magazins

Folk-Michel und Folksblatt bearbeiteten in den Neunzigerjahren ähnliche Themen, verwendeten ähnliche Gliederungen. Während Michel-Chefredakteur Bernhard Hanneken – später und bis heute vor allem als Programmmacher in Rudolstadt aktiv – vornehme Zurückhaltung zeigte mit dem Spruch „Konkurrenz belebt das Geschäft“, bahnten sich langsam Kontakte zwischen den Folksblatt-Verantwortlichen und den Michel-Herausgebern Mike Kamp** und Uli Joosten an. Beim Zusammenwachsen dessen „was zusammengehört“ (Willy Brandt 1989, der dabei auch intensiv an die gesamtdeutsche Folkszene gedacht hat) spielte ein exorbitant luxuriöser Kaffeeautomat eine bedeutende Rolle, der mit uns Nachtschichten machte. Wir hatten im kleinen Gründungskreis viel Spaß miteinander, den wir schwungvoll in das neue Magazin Folker!*** fließen ließen.

Die beiden fusionierenden Blätter waren in ihrer bisherigen Aufmachung von folkmäßiger Bescheidenheit. Im Folksblatt etwa gab es nur echten Vierfarbdruck, wenn dies eine Anzeige ermöglichte. Der Folker! startete mit ganz anderem farblichen Aufwand, besonders die Farbe Rot zeigte deutliche Signalwirkung. Qualitativ wie quantitativ entfaltete die neue, nun einzig wahre deutsche Folkzeitschrift ordentlichen Schwung. Der Verleger spendierte auf dem Tanz- & Folkfest in Rudolstadt einen Stand in zentraler Lage (der Folker! war ideeller Mitveranstalter), der sich zum informellen Treffpunkt whiskyliebender Mitwirkender mauserte – aber das bleibt geheim.

Folk-Michel 5-97

 

Die treue Leserschaft

Es gab unter unseren Lesern und Leserinnen eine gemeinsame Schnittmenge, Folkenthusiasten, die beide Magazine lasen. Die anderen ließen wir nun zu einer Lesegemeinschaft zusammenwachsen. Die etwas kleinere Folksblatt-Leserschaft hatte teilweise familiären Charakter, viele Abonnenten und Abonnentinnen kannte ich persönlich. Leider „verloren“ wir beim Zusammenschluss einen Teil von ihnen, weil der Verleger die Abonnements nicht, wie abgesprochen, einfach übernahm.

Dies war die erste Bekanntschaft mit der Unberechenbarkeit unseres neuen Verlegers, von der wir noch manches zu erleben bekamen. Das Positive dabei: Um das finanzielle Überleben des neuen Magazins brauchten wir uns nun endlich keine Gedanken mehr zu machen, dies hat Christian Ludwig in den vielen Jahren, in denen er die Zeitschrift verlegt hat, immer gesichert.

Erlebnisse

Beim Festival im französischen Saint-Chartier den Folker! zu repräsentieren, empfand ich als Privileg – als Mitwirkender dabei und backstage zu sein, wo sich die bekanntesten Folkmusikschaffenden Europas mit ihren Instrumentenbauern trafen! Dort erlebte ich zum Beispiel die Weltpremiere der elektronischen Nyckelharpa von Holger Funke (Poeta Magica).

Da wir uns als deutsches Magazin nicht so viel von Präsenz in Frankreich versprachen, hatte ich auch Material vom Rudolstädter Festival dabei, darunter ein Plakat mit der Aufschrift „RUTH – der deutsche Weltmusikpreis“. Das brachte mir den Besuch zweier junger Französinnen ein, die eine etwas verlegen, die andere mit etwas Englisch. Erstere hieß Ruth, und ob sie nicht das Plakat bekommen könnte mit ihrem Namen …

Weitere 25!

Die unter uns, die den folker nun schon 25 Jahre lang lesen, seien an dieser Stelle herzlich gegrüßt – auch wenn ich nun nicht mehr alle persönlich kenne. Was vor 25 Jahren voll trendy war, ist nun eher gegen den Trend – Grund genug zum Weiterlesen!

 

* Ein Begriff, der wohl von Jürgen B. Wolff stammt, welcher bis heute im folker seine „Zugaben“ gibt.
** Seit Jahren als Moderator bei extrafeinen Konzertgesprächen im Rudolstädter Schminkkasten zu erleben.
*** Ursprünglich mit Ausrufezeichen, der das Magazin so schön aktiv erscheinen ließ, dann dem sich stetig wandelnden Zeitgeist geopfert wurde.

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