Biotope der Klänge

Klanghaus und Klangweg im Toggenburg

24. März 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Die Stiftung Klangwelt Toggenburg startete 2004 mit einem Naturstimmenfestival zur Bewahrung alpiner Gesangstraditionen. Später machte man auch mit den Musikkulturen anderer Weltregionen bekannt. Weitere Bausteine der Klangweltidee sind der 2024 erneuerte Klangweg und das 2025 fertiggestellte Klanghaus.

Text und Fotos: Bernd G. Schmitz

Sitz der Organisation ist die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann in der Schweizer Region Toggenburg. Dies und jenseits der Talschaft ragen die markanten Berggipfel des Säntis und der Churfirsten empor. Neben dem Veranstaltungshaus Klangschmiede im Tal gehören das Resonanzzentrum Peter Roth (benannt nach dem Musikvisionär und Initiator der Klangwelt) und das bereits erwähnte Klanghaus am hoch gelegenen Schwendisee zum Ensemble der Erlebnis- und Veranstaltungsorte.

Betruftrichter am Klangweg

Der einige hundert Meter oberhalb des Sees entlangführende Klangweg ist seit den Anfängen das Aushängeschild der Klangwelt – fünf Kilometer lang, mit Klangskulpturen an 27 Stationen. Die Absicht dahinter: die Sinne zu schärfen und bestehende Hörgewohnheiten in Frage zu stellen. 2024 wurden einige der Skulpturen restauriert, andere durch neue Werke ersetzt. Die reichen nun vom überdimensionalen Betruftrichter (Bet-Ruf-Trichter) aus der Tradition der Älpler und Hirten bis zur Kunstinstallation „3×4 Stühle und Podest“ des Österreichers Peter Ablinger. Der im vergangenen Jahr verstorbene Komponist und Künstler wollte den Betrachtenden Gelegenheit geben, selbst ein Teil der Installation zu werden, sich auf die Stühle zu setzen und den Klängen der Natur zu lauschen. Laut den Verantwortlichen zieht der Klangweg jährlich bis zu 50.000 Besuchende an.

„Der Raum soll vor allem ein Ort des Experimentierens sein.“

Lässt man vom Klangweg den Blick hinunter zum Schwendisee schweifen, entdeckt man dahinter das neue Klanghaus. Aus der Ferne scheint es, als würde sich der langgezogene Bau in die Landschaft ducken. Steht man vor dem zweigeschossigen Gebäude, wirkt es beinahe verschlossen. Die Fassade ist mit 150.000 von Hand montierten Holzschindeln verkleidet, unterbrochen von Fensterfronten mit dunkel getöntem Glas. Erst im Inneren des Gebäudes vermittelt sich der Eindruck von Offenheit, weil man auf mehreren Sichtachsen direkt in die umgebende Landschaft schauen kann.

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Entworfen hat das Klanghaus der renommierte, 2019 verstorbene Schweizer Architekt Marcel Meili. Den Bau des vom Kanton St. Gallen finanzierten, über 23 Millionen Schweizer Franken teuren Projekts vollendete das Architekturbüro Staufer & Hasler. Einer, der mit Meili das Konzept des Hauses erdacht hat, ist der Klangexperte und Klangforscher Andres Bosshard, Träger des Schweizer Musikpreises 2017. Seine Ideen fanden auch Berücksichtigung im zentralen Saal des Gebäudes. Der weist Merkmale des berühmten Musikzimmers im Ali-Qapu-Palast in der iranischen Stadt Isfahan auf. Optisch hervorstechend ist seine Wandverkleidung, in die Holzhandwerker aus der Region floral anmutende Ornamente hineingefräst haben, die an die Decken der Körper orientalischer Saiteninstrumente erinnern. Die Öffnungen dahinter bilden Resonanzräume mit Parabolspiegeln aus Bronze, mit denen sich die Akustik im Saal steuern lässt. Das alles ist der Absicht geschuldet, dass der Raum auch und vor allem ein Ort des Experimentierens sein soll: für Chöre, Musizierende, Klangkunstschaffende.

Klanghaus, Außenansicht von Süden

Eine handwerkliche Herausforderung war die Herstellung und Montage des schon im Bauplan so bezeichneten, zweiflügeligen, 5,3 Tonnen schweren und 6,5 Meter hohen Isfahan-Tors – auch dieses eine Analogie zur Erhabenheit persischer Paläste. Das Öffnen des Tores erweitert den 162 Quadratmeter großen Zentralraum um weitere 73 Quadratmeter und ermöglicht den freien Blick in die Natur rund um den an das Gebäude grenzenden See.

„Ein begehbares Instrument“ sei das Klanghaus, heißt es auf der Website der Klangwelt Toggenburg. Der Baseler Stimmkünstler und Komponist Christian Zehnder, von 2019 bis 2025 Künstlerischer Leiter der Klangwelt, begleitete in dieser Funktion den Bau und trug medial viel dazu bei, die Klanghausidee bekannt zu machen. In einem Interview mit der Schweizer Kulturzeitschrift Saiten nennt er das Haus einen „Leuchtturm für die ganze Region“. Es bleibt abzuwarten, ob diese Botschaft von den Menschen in der eher traditionell orientierten regionalen Musik- und Gesangsszene des Toggenburg, in der vielen das Jodeln näher als stimmliches Experimentieren ist, verstanden und angenommen wird.

Klanghaus Toggenburg, Wandverkleidung im Zentralraum

Herausfordernd wird deshalb auch die Vermarktung des Klanghauses werden. Dafür zuständig ist Klangwelt-CEO Mirjam Hadorn mit ihrem Team. Als finanzielles Fundament stehen ihr überschaubare 5,3 Millionen Schweizer Franken zur Verfügung – verteilt auf zwanzig Jahre. Hadorn: „Es handelt sich um Gelder von Privaten, Stiftungen und der Region.“ Alle Beteiligten würden an die Vision des Klanghauses glauben und mit ihren Beiträgen die finanzielle Stabilität der Klangwelt und der mit dieser verbundenen Bildungs- und Veranstaltungsorte sichern. Um die tatsächlichen Kosten erwirtschaften zu können, strebe man eine Verteilung von vier zu sechs an: 40 Prozent Gastveranstaltungen, Firmenevents und Anmietungen für Tonaufnahmen sollen 60 Prozent eigene Veranstaltungen inklusive der Workshopangebote mitfinanzieren.

Klangmühlen des Instrumentenbauers Heinz Bürgin a, Klangweg

Das klingt – angesichts der relativen Abgelegenheit des Toggenburg und der Entfernung zu den großen Schweizer Städten, aus denen ein Teil des Publikums anreisen müsste – recht optimistisch. Zur Strahlkraft des neuen Klanghauses bräuchte es deshalb sicher auch neue Impulse darüber hinaus. Das Naturstimmenfestival zum Beispiel, das später Klangfestival hieß und durch die Beteiligung internationaler Musikschaffender anfangs viel Beachtung fand, wurde 2024 in Klangfest umbenannt. Es dauert zwei Tage und findet 2026 wieder statt, traditionell am Pfingstwochenende. Zudem strukturieren Thementage das Programm, zum Beispiel „Zwischen Toggenburg und Isfahan“ im vergangenen Herbst. Solche Highlights für Interessierte sichtbarer zu machen, wird auf Dauer sicher nötig sein, um das Klanghaus nicht nur erfolgreich klingen, sondern auch öffentlichkeitswirksam leuchten zu lassen.

Aufmacher:
Klanghaus Toggenburg, Blick aus dem Zentralraum auf den Schwendisee

Foto: Bernd G. Schmitz

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