Danny O’Keefe

Zum Achtzigsten

29. Juni 2023

Lesezeit: 9 Minute(n)

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Seine Alben tragen Titel wie American Roulette, The Global Blues, Runnin’ From The Devil oder Light Leaves The West. Auch sein einziger, wenngleich von zahllosen Sängern und Sängerinnen bis hin zu Elvis Presley gecoverter Hit „Good Time Charlie’s Got The Blues“ von 1972 taugte nicht eben als Partyhymne. Danny O‘Keefes im Entstehen begriffenes, nach eigenem Bekunden wohl finales Album wird wieder eher „dunkle“ Lieder beinhalten. Am 20. Mai 2023 feierte der große US-amerikanische Singer/Songwriter und Umweltaktivist aus Seattle seinen achtzigsten Geburtstag. Der folker hat – nach einem Interviewporträt in Ausgabe 4/2009 – im April 2023 noch einmal mit ihm gesprochen.
Text: Albrecht Piltz

Deine Alben aus den Siebzigerjahren zählen längst zu den Klassikern des Modern American Songbook, etwa American Roulette und The Global Blues. Wie beurteilst du sie im Rückblick selbst?

Ich höre mir meine alten Aufnahmen nicht mehr oft an – in American Roulette habe ich seit Jahren nicht mehr reingehört. Aber kürzlich habe ich mir noch einmal The Global Blues angehört, und ich finde darauf vieles, was ich noch immer sehr mag, auch wenn ich das Album heute als etwas „exzentrisch“ bezeichnen würde. Aber es war für mich ein großer Schritt vorwärts im Hinblick auf mein Gespür dafür, herauszufinden, wer ich als Songwriter und Musiker bin.

Das Album enthielt nicht zuletzt das bewegende „Save The Whales“, ein Song, den du zum Teil auf Japanisch gesungen hast und dessen Titel auf dem Cover auf Japanisch steht.

Ich hatte zu dieser Zeit schon viele Umweltthemen im Kopf, und das Album wurde aufgenommen, als ich gerade aus Japan zurückgekehrt war, wo es [im April 1977; Anm. d. Verf.] in Tokio dieses große Benefizkonzert gegeben hatte mit vielen amerikanischen Künstlern und Künstlerinnen [u. a. Odetta, Jackson Browne, John Sebastian, Country Joe McDonald, Mimi Farina, Richie Havens, Warren Zevon; Anm. d. Verf.], die wie ich sehr betroffen waren vom Schlachten der Wale in Japan. Aber ich denke, The Global Blues hätte ein noch besseres Album sein können, wenn wir nicht, nachdem wir zwei Drittel des Produktionsbudgets aufgebraucht hatten, das restliche Drittel darauf verwendet hätten, daran herumzuschrauben und es immer weiter aufzupolieren. Das Album hätte mehr Gefühl haben können. Was American Roulette angeht: Es war ein Album, das zunächst zwei Produzenten hatte, und die erste Hälfte des Aufnahmeprozesses war für mich nicht zufriedenstellend. Erst als Kenny Vance als Produzent die Verantwortung übernahm, lief es rund, und wir konnten es fertigstellen. Ich liebe vieles an diesem Album. Das Einzige, was ich bedauere, ist, dass ich selbst damals nicht mehr künstlerische Reife mitgebracht habe.

Danny O’Keefe

Gibt es für dich ein O’Keefe-Album oder einen O’Keefe-Song in dem Sinne, dass du sie „perfekt“ findest und dich von ihnen noch heute als Singer/Songwriter repräsentiert siehst?

„Perfekt“ ist das Schwierigste aller Worte. Es gibt viele Songs, die mich, wenn ich noch einmal zu ihnen zurückkehre, an die Zeit, in der sie entstanden sind, erinnern und daran, wo und wer ich damals war. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, mir selbst zu vergeben. Ich werfe mir nicht mehr vor, was ich noch alles hätte besser machen können. Ich glaube, Künstler und Künstlerinnen sind ohnehin ihre eigenen schärfsten Kritiker und Kritikerinnen. Darum mag ich mein Album Breezy Stories [von 1973; Anm. d. Verf.] immer noch sehr gern, weil es ein Experiment war im Hinblick darauf, neue Wege zu finden, um mich auszudrücken. Und Arif Mardin [1932-2006, Vizepräsident der Plattenfirma Atlantic; Anm. d. Verf.], mein teurer Freund und Produzent, war unglaublich einfühlsam. Er umgab mich mit einigen der besten Musiker aus New York, wo das Album aufgenommen wurde. Mit einem Song darauf, „Angel Spread Your Wings“, hätten wir sogar sicher einen Hit haben können, aber es gab zu der Zeit, nun, sagen wir, „politische Probleme“ innerhalb der Musikindustrie. Darum ist Breezy Stories wahrscheinlich nicht genug beworben worden. Alles in allem aber war das Album eine großartige Erfahrung für mich, nicht zuletzt, weil ich mit sehr talentierten Musikern spielen konnte, von denen einige zu meinen Helden zählten.

Zum Beispiel der Sänger und Pianist Donny Hathaway.

Ja, und ich könnte noch viele andere nennen. Leider sind sie alle nicht mehr unter uns.

Danny O’Keefe

Foto: Privatarchiv Danny O’Keefe

In den Siebzigern warst du bei den Konzernen Atlantic und Warner unter Vertrag. Welche guten und vielleicht auch weniger guten Erinnerungen hast du an diese Zeit?

Die besten Momente waren die, als ich in Memphis und New York mit Arif Mardin arbeiten konnte. Er war einer der feinsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Alle Musiker liebten es, mit ihm zu arbeiten, denn er holte das Beste aus ihnen heraus – auch aus mir. Er liebte seine Künstler und Künstlerinnen, er atmete Musik. Auf dem Album, das wir in Memphis aufgenommen haben und das die Hitversion von „Good Time Charlie’s Got The Blues“ enthielt [O’Keefe, 1972; Anm. d. Verf.], spielten großartige Musiker, die schon mit so unendlich vielen anderen Musikern gespielt hatten, einschließlich Elvis. Sie waren vielleicht nicht so sophisticated wie die Musiker in New York oder Los Angeles, aber sie hauchten den Songs „Seele“ ein.
Meine unangenehmste Erinnerung an diese Zeit ist wahrscheinlich die, dass ich nicht bei Geffen Records unterschrieben habe, als ich die Gelegenheit dazu hatte. Ich weiß nicht einmal mehr, warum ich das in dieser Phase meines Lebens nicht getan habe. David Geffen hatte eine tolle Plattenfirma und bot mir an, einen Produzenten zu finden, der sicher einige meiner Macken ausgebügelt hätte. Außerdem wollte er meine Alben wirklich promoten und mir dabei helfen, erfolgreich auf eine längere Tournee zu gehen – etwas, das ich nie geschafft habe. Du siehst, da ist ein ziemlich großer Fluss des Bedauerns, der unter der Brücke der Zeit hindurchfließt. Nun ja, hoffentlich lernen wir noch aus unseren Fehlern, während wir weiter flussabwärts treiben.

Du arbeitest derzeit an dem, was du mir als dein wahrscheinlich allerletztes Album angekündigt hast. Ein Album mit „dark songs“ und dem Arbeitstitel Natura Morta.

„Dunkle“ Songs? Ja, das schon. Aber diesen Arbeitstitel habe ich inzwischen verworfen. Die Songs werden mir, wenn sie aufgenommen sind, schon sagen, wie der Titel des Albums lauten soll. Zurzeit übe ich die Songs noch täglich, um sie im Studio so gut wie möglich hinzubekommen. Ich möchte, dass sie nach einer Liveperformance klingen. Bei einigen Songs wird es vielleicht noch ein paar zusätzliche Musiker für Bass und Percussion geben, aber in seiner Essenz soll es ein „einfaches“ Album werden.

„Wann hören wir endlich auf, unseren Planeten zu verwüsten?“

Als Songwriter hast du dich von Anfang an sehr oft sozialer und Umweltthemen angenommen. Wie kam das?

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die es liebte, „outdoors“ zu sein. Wir haben gecampt, wir sind zum Fischen und Jagen rausgegangen. Und obwohl ich es zu der Zeit noch nicht ganz verstanden hatte, hat die Natur immer mit einer machtvollen Sprache zu mir gesprochen. Es ist etwas, das ich erst einmal verstehen lernen musste. Und zu begreifen, wie viel Natur wir bereits zerstört haben und wie relativ machtlos wir sind, es wiedergutzumachen – das ist schon sehr ernüchternd. Wann hören wir endlich auf, unseren Planeten zu verwüsten? Mit achtzig Jahren bleibt mir nur die Hoffnung, dass künftige Generationen kreativer und weiser sein werden als wir. Hoffnung ist das Einzige, was bleibt, wenn erst einmal die Büchse der Pandora geöffnet worden ist.

Danny O’Keefe im Alter von vier Jahren

Foto: Privatarchiv Danny O’Keefe

2020 hast du ein von einem Buch begleitetes Album veröffentlicht, das sich mit dem Schicksal der Nez Perce befasst: Looking Glass & The Dreamers. Wann und warum hast du mit diesem Langzeitprojekt begonnen?

Das war 1969. Ich wurde runter nach Los Angeles geflogen, um bei Terry Melchers Plattenlabel vorzuspielen, das dem Vertrieb von Columbia Records angeschlossen war. Terry Melcher hatte Aufnahmen der Beach Boys und der Byrds produziert und galt den Studiochefs als sehr innovativer Produzent. Er brachte mich in einem Hotel im L.A.-Distrikt Westwood unter, und seine Gehilfen holten mich regelmäßig ab, sodass ich meine Songs verschiedenen Leuten, die für junge Talente aufgeschlossen waren, vorspielen konnte. Ich war noch sehr unreif, ich hatte ja gerade erst seit ein paar Jahren Songs geschrieben; aber in meiner Ignoranz war ich relativ furchtlos. Eines Abends, als ich in meinem Hotelzimmer saß und versuchte, einen neuen Zugang zur Allegorie von Through the Looking-Glass, and What Alice Found There [dt. Alice hinter den Spiegeln, Kinderbuch von Lewis Carroll; Anm. d. Verf.] zu finden, dämmerte ich weg und wachte aus einem Traum wieder auf mit den Worten im Kopf: „Looking Glass in Oregon one night had a dream …“ Es ergab für mich zu der Zeit keinen Sinn, aber ich schrieb es mir auf und dachte immer wieder darüber nach. Als ich zurück in Seattle war, erzählte ich einem Freund von diesem Traum, und er sagte mir, dass Looking Glass ein Häuptling des Stammes der Nez Perce war, die im Krieg von 1877 von ihrem Land im Wallowa Valley im Osten von Oregon vertrieben worden waren. Ich wusste nichts über die Nez Perce, aber ich fand ein Buch über sie, From Where the Sun Now Stands von Will Henry. Damit begann für mich eine Odyssee von mehr als fünfzig Jahren, in denen ich Amerika mehr und mehr durch die Augen und die überlieferten Geschichten der Nez Perce zu sehen begann. Zeitweilig hat mich ihre Geschichte förmlich überwältigt, aber im Lauf der Jahre kamen Songs aus mir heraus, aus denen schließlich dieses Album wurde, Looking Glass & The Dreamers – ein Album, das mir sehr am Herzen liegt.

„Wir machen Musik, um uns selbst zu heilen.“

Jackson Browne, dessen Songs mittlerweile auch zunehmend „dunkel“ werden, hat mir einmal gesagt, er selbst sei und bleibe ein „trotziger Optimist“, während Danny O’Keefe ein „melancholischer Pessimist“ sei, der liebend gern ein Optimist wäre. Hat er recht?

Ich denke, es steckt schon ein Körnchen Wahrheit darin. Ich bezweifle, dass ich jemals ein Optimist war; ich bin sicher immer eher melancholisch gewesen. Ich glaube aber, dass „Optimismus“ ein sehr hochgestecktes Ziel ist, wenn man die Welt mit offenen Augen betrachtet und ehrlich zu sich selbst ist. Wir alle haben ein Bedürfnis und vielleicht sogar die Verpflichtung, uns selbst ein bisschen zu täuschen, während wir versuchen, uns durch unsere manchmal schwierigen Lebensumstände zu navigieren. Als ich anfing, Gitarre spielen zu lernen, befand ich mich an einem der absoluten Tiefpunkte meines Lebens, eingeschlossen die damalige Drogenkultur. Die Gitarre rettet mich noch heute, an jedem Tag. Musik ist mein Optimismus – und die Energie, die meinen Songs hoffentlich innewohnt, selbst wenn sie von Verlusten handeln. Es steckt in ihnen auch Humor, aber oft liegt die Ironie dieses Humors darin, dass er die Schmerzen überdeckt, die Verluste mit sich bringen. Wir machen – jedenfalls ich – Musik, um uns selbst zu heilen, und oft nehmen zurückgebliebene Narben die Gestalt eines Songs an. Ich singe immer mich in meinen Songs, um mich zu heilen, und verstärke den Ausdruck dieses Heilungsprozesses auf eine Weise, dass vielleicht auch diejenigen, die meine Songs hören, einen kleinen Nutzen für ihr eigenes Leben daraus ziehen können.

„Vor einem Haufen Politiker zur Mittagszeit in einer Art Dom zu spielen, der von Echos widerhallt, gehört nicht unbedingt zu den vielen Definitionen von ‚good times‘.“

Der Senat des Bundesstaats Washington, in dem du lebst, hat angekündigt, dir anlässlich deines achtzigsten Geburtstags einen Preis zu verleihen …

Ja, es sollte eigentlich im Herbst dieses Jahres geschehen. Aber da bei der Zeremonie der gesamte Senat anwesend sein müsste und das in diesem Herbst nicht möglich ist, haben wir beschlossen, den (lacht) „Danny O’Keefe Day“ auf den nächsten Februar zu verschieben. Ich freue mich natürlich, dass sie mich auf eine solche Weise ehren wollen; aber es ist eine dieser Ehrungen, die etwas Pyrrhisches an sich haben. Es wird erwartet, dass ich vor ihnen einige Songs spiele; und vor einem Haufen von Politikern zur Mittagszeit in einer Art Dom zu spielen, der von Echos widerhallt, gehört nicht unbedingt zu den vielen Definitionen von „good times“. Aber meine Familie wird es zu schätzen wissen, und wahrscheinlich werde ich eine Urkunde bekommen, die ich mir einrahmen kann. Ein Ausdruck der Wertschätzung, nur ohne Künstlerhonorar.

„Ich hatte immer die Sehnsucht, einmal in meinem Leben Irland zu sehen.“

Du planst, wie ich weiß, schon seit vielen Jahren eine Reise nach Irland. Wann wirst du die Reise antreten – und warum Irland?

Im nächsten Frühjahr, im Mai oder Juni, werde ich hoffentlich dort sein. Ich würde in Irland auch gern einmal live spielen, obwohl mich dort sicher niemand kennt. Ich weiß nicht einmal, ob man in Irland das schätzen würde, was ich musikalisch mache. Aber ich hatte immer diese Sehnsucht, einmal in meinem Leben Irland zu sehen, weil es das Land ist, aus dem meine Vorfahren gekommen sind. Ich möchte Tipperary und Kerry sehen. Meine Familie ist, wie so viele andere, im Hungerjahr 1848 ausgewandert, und die meisten von uns sind nie wieder zurückgekehrt, nicht einmal für einen kurzen Besuch. Aber das ist eine Sehnsucht, die wohl in jedem Immigranten und in jeder Immigrantin lebt. Wir alle wollen irgendwann zurückkehren.

www.dannyokeefe.com

 

Aktuelles Album:

Looking Glass & The Dreamers (Road Canon Music, 2020)

 

Videos:

„Goodtime Charlie’s Got The Blues“ live at McCabe’s Guitar Shop, Santa Monica, Kalifornien, 2012: www.youtube.com/watch?v=FALsYK6ONTs

„Angel Spread Your Wings“ live in Baur’s Listening Lounge, Denver, Colorado, 2015: www.youtube.com/watch?v=UaHw0pZNIHk

„Only An Ocean Away“ live in der Sendung American Music Shop auf TNN in Nashville, 1993, mit Gastgeber Mark O’Connor an der Geige: www.youtube.com/watch?v=EGYicOlxkyM

Danny O’Keefe live bei Tales From The Tavern des sich ausschließlich aus Spenden finanzierenden Non-Profit-Senders TFT-TV im Oktober 2018 in Santa Ynez, Kalifornien: www.youtube.com/watch?v=SHENwyKhAjM

Aufmacherfoto:

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