Der Brachialromantiker

Jürgen B. Wolff zum siebzigsten Geburtstag

27. September 2023

Lesezeit: 6 Minute(n)

Eine Laudatio von Kay Reinhardt mit Zitaten des Jubilars

Seit 2008 ist der Grafikdesigner, Musiker und Autor Jürgen B. Wolff folker-„Nachspiel“- respektive -„Zugaben“-Zeichner und -Texter. Der Jubilar bezeichnet sich als „Brachialromantiker“. Wie ist es möglich, zugleich rohe körperliche Brachialgewalt anzuwenden und trotzdem als Romantiker, das heißt, als „Mensch mit irrationaler, phantasie- und gefühlsbetonter Geistesrichtung“* zu gelten? Hört euch seine Musik an, studiert seine Bilder, lest seine Texte, erlebt ihn live – dann wisst ihr’s! Mit mächtig-gewaltiger Folkröhre vermittelt uns Multiinstrumentalist Jürgen seit den 1970ern Folksongs und Volkslieder, mit spitzen Stiften sticht er meisterlich in dieselben Wunden wie seine verehrten Grafikerkollegen Kubin, Grosz, Dix, Beckmann und lindert andere humorvoll. Mit geschliffenen, pointierten Texten in Poesie und Prosa weckt er unsere Leselust und lässt sie nicht erschlaffen.

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J. B.s Hauptthema als Grafiker sind „Musikalien“: Musiker und Musikerinnen aus aller Welt, ihre/unsere Kunst und die Instrumente dafür. Wen wundert’s bei einem derart passionierten Musikanten wie ihm, der aus Plauen im Vogtland stammt, dem Zentrum des sächsischen Musikwinkels, und der seinen Lebensmittelpunkt seit fast fünfzig Jahren in Leipzig hat?

Der Studienzeit an der dortigen Hochschule für Grafik und Buchkunst ging eine Druckerlehre voraus. „Er hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt“, hieß es früher. Gute Voraussetzungen für ein Studium der Buchgestaltung. Sein Dreifachtalent: Zeichnen, Musizieren und Schreiben lebte Jürgen schon damals exzessiv aus. Auf Kosten der Gesundheit. Viel Zeit verhockt, vergeigt und verraucht, aus vielen Flaschen den Geist rausgelassen.

„Die Folkländer waren ein trojanisches Pferd, das wie Orpheus sang.“

1976 gründete er – gemeinsam mit anderen Folkfreunden und Freundinnen – in Leipzig die Band Folkländer. Sie traf mit ihrer Musik genau den Zeitgeist und erfüllte zudem die Qualitätsansprüche der Kulturfunktionäre. Historische Lieder und Tänze, geschrieben von Handwerksburschen, Bauern, Studenten, Outcasts passten ins kulturelle Wunschbild des Arbeiter- und Bauernstaats. Auch die klangliche Nähe zu Folkmusik von den Britischen Inseln und aus den USA. Hier wurde die vermeintlich richtige Musik gepflegt, mit der Ausgebeutete, Unterdrückte und unter Fremdherrschaft leidende Menschen protestierten. Kurios, dass viele demokratische Rechte und Freiheiten, die besungen wurden, in der DDR nicht gewährt wurden, wie etwa Reisefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Streikrecht. Die Folkländer waren ein trojanisches Pferd, das wie Orpheus sang. Dank ihrer Musikalität, verbunden mit Feld- und Archivforschungen zum deutschen Volkslied, erhielten die Folkländer bald die höchste Einstufung für Musikanten in der DDR, vulgo die „Profipappe“.

Trotz höherer Gagen und Einladungen auf internationale Festivals, sogar nach Zypern, schloss Jürgen sein Grafikstudium mit Diplom ab. Zum Glück für uns, denn das garantierte ihm Aufträge als freischaffender Künstler. Wolffs Plakate, LP-Cover und Volksliederhefte machten ihn in der Folkszene der DDR ähnlich populär wie die kongeniale Grafikerkollegin Gertrude Degenhardt „im Westen“. Seine grafischen Arbeiten waren 1990 auch die besten Bewerbungsunterlagen für die Leitung der Gruppe Stadtgestaltung des Tanz- und Folkfestivals Rudolstadt, die er nun schon 32 Jahre innehat, obwohl selbiges inzwischen anders heißt und musikalisch „breiter“ aufgestellt wurde. Der alte Folkhase Wolff nimmt es mit einem entspannten „Nu pogodi!“. Das ist Russisch und hat etwas mit Warten zu tun. Und jüngere Nachfolger für seine diversen Aufträge lassen tatsächlich auf sich warten. Also macht er weiter bis zur „Folkerrente“**, die rückwirkend gezahlt werden und üppig ausfallen sollte, wenn es nach mir ginge. Doch darf mir Befangenheit vorgeworfen werden, denn ich bin seit 44 Jahren ein Folkländer- und insbesondere ein J.-B.-Fan.

Stellt euch vor, ihr hört von Kindheit an Country- und Folkmusik, „Whiskey In The Jar“ ist seit 1970 eure persönliche Nationalhymne, und plötzlich hört Ihr einen Landsmann, der so singt und spielt wie ein Dubliner! Noch dazu in unserer Muttersprache! So ging es mir 1979. Dazu kamen die fantastischen Folkstanzabende in Leipzig, die Leipziger Liederaue und das Leipziger Tanzhausfest. Eine Art „Folksbefreiungsbewegung“ in der geschlossenen Gesellschaft des angeblich „entwickelten Sozialismus“. Immerhin: Sie wurde zugelassen, wenn auch zunehmend misstrauisch beäugt und ausspioniert.

Dazu lieferte der Künstler Wolff den musizierfreudigen Folkies zwischen 1978 und 1984 sogar das passende Liedgut in Form der Hefte Kleine Reihe Deutsche Volkslieder. Dreizehn Ausgaben voller fetziger Lieder, origineller Illustrationen, Noten, Akkorde, flott geschriebener historischer Hintergründe und korrekter Quellenangaben. Höhe- und Schlusspunkt war das blaue Heft Zeitkritische Lieder Hoffmanns von Fallersleben anlässlich seines 111.Todestages. Was für ein Narrenstreich, den Dichter des „Lieds der Deutschen“ in der DDR mit einem Sonderheft zu würdigen. Die Einstampfung der Auflage kurz vor dem 35. Republikgeburtstag adelte den Autor als musikalischen Erzschalk.

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Im Herbst 1984 hatte ich dann mein erstes Date mit Jürgen. Der Bezirksvorstand Leipzig der Gesellschaft für Denkmalpflege bereitete die Tagung „Denkmale der Verkehrsgeschichte im Bezirk Leipzig“ vor. Um junge Menschen dafür zu begeistern, wollte ich, zu der Zeit Kulturbund-Mitarbeiter, Jürgen den Auftrag für das Plakat zur Tagung vermitteln, was auch klappte. Die Wahl fiel auf eine alte Leipziger Straßenbahn, die Jürgen auf einen Denkmalssockel gestellt hatte. Aus ihr kletterten, über eine Leiter, Fahrgäste.

Wir waren im Künstlercafé Cather verabredet, doch ich musste Jürgen eine Weile suchen. Der einzige in Frage kommende Gast sah ihm gar nicht ähnlich. Ein breites Gesicht, die Nase zur Knolle geschwollen. Absturzfolgen, die seine Typveränderung erklärten. Wer Fotos oder Videos der Folkländer aus den Siebzigern sieht, wird ihn darauf kaum erkennen. Die damalige Krise überwand Jürgen durch eine Folkpause, die in die Gründung des Duos Sonnenschirm mündete – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und Projektpartnerschaft mit Dieter Beckert.

Auch wir hatten von Anfang an einen Draht zueinander, der bis heute hin und wieder funkt. Jürgen lud mich Ende 1984 zur Mitarbeit in der Redaktion des Leipziger Folksblatts (DDR-Vorläufer des folker) ein, und es bahnte sich eine redaktionelle Zusammenarbeit mit ihm, Gert Steinert, Jana Trausch und Rüdiger Käßner an. Leider wurde ich im Mai 1985 zum Wehrdienst eingezogen und war achtzehn Monate weg vom Folkfenster.

Stattdessen hat sich über die Jahre bis heute ein anregender sporadischer Austausch mit Jürgen über Alltägliches, Reime, Verse und Prosatexte ergeben. „Ergeben“ ist das passende Stichwort für diesen Wolff-Limerick:

Ein Zitronenfalter in Theben
Konnte vom Falten nicht leben.
Doch als Genie
In Origami
War er treu seinem Knicksal ergeben.

Mir, dem „Barden von Neuschwanstein“, gab er diesen wahrhaft zielführenden Rat, wie ich den Sicherheitsabstand zum Publikum in den Pandemiezeiten garantieren könnte: „Tja, die kritische Coronalänge unserer Instrumente könnte Probleme bereiten. Ich habe schon über zehn neue Balgfalten in meiner Konzertina nachgedacht, da käme ich im Verbund mit einer chirurgisch leicht zu besorgenden Elle/Speiche-Verlängerung ganz gut auf 1,50 Meter, vielleicht sogar 1,65 Meter. Zudem gibt’s ja den Plexiglaskasten des Papamobils mittlerweile für Nichtpäpste bei Amazon zu kaufen. Reingesetzt und losgedreht und kein Verbotsgrund mehr, da Du ja dann praktischerweise auch nicht mehr zu hören bist.“

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Zum Thema Nummer eins, aus historischer Sicht betrachtet, beglückte mich Jürgen mit folgender Quintessenz: „Früher sind die Kerle auf die Jagd, und die Weiber waren sie für ein paar Tage Entspannung los, während die Kerle gemütlich Pfeile geschnitzt und Fallgruben gegraben haben. Danach dann wieder mal kurz heim, am besten noch schöne Geschenke dabei (Krokodillederstreifen, Fellmützchen, halbe Mammutlenden oder Murmeltierbällchen), da freut sich frau und knullt erstmal nicht beziehungsweise erst wieder, wenn der Zauber verflogen und das Mammut verdrückt ist. Wir heute hocken uns zu sehr aufm Pelz. Bin heilfroh, dass ich mein Malhäuschen im Vogtland habe, wo ich dann mitunter sitze und mich beim schamlosen Nichtstun ertappe. Unter Beobachtung unmöglich!“ Eine ewige Wahrheit, die in Friedrich Engels Standardwerk Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats fehlt und die auch in Zukunft manche Beziehung retten könnte.

Jürgens größtes Verdienst aber ist vielleicht, Menschen seit Jahrzehnten Lust auf Singen, Musizieren und Tanzen zu machen. Er ermutigt dazu, die Stimmen zu erheben, aufeinander zu hören, zu spüren, mit Liedern und beim Tanz Gefühle und Gesinnungen zu zeigen. Das befreundet, „verliebt“, verbindet bis heute. Diese sinnliche, erotische Komponente von Folk- und Weltmusik kommt in den meisten Publikationen über unsere Szene viel zu kurz. Vieles liest sich so, als ob die Folkgeschichtsschreiber lediglich verklemmte Beobachter des sinnenfreudigen Folkstanztrubels gewesen wären.

„Ohne Kunst ist das Leben kalte Lauge.“

In diesem Sinne, lieber Jürgen, frohes Waldzithern mit wohltemperierter Konzertina in gut aufgeräumter Beziehungskiste und dass Dir – Guthsmuts – alles gelingen möge, was Dir gelingen kann, genauso, wie es das Anti-Murphy-Gesetz besagt, wünscht Dir der Leisdator. „Ohne Kunst ist das Leben, auf sonnenschirmisch gesprochen, kalte Lauge“, schriebst Du mir kürzlich. Darum bitte ich Dich: Ätze brachialromantisch weiter! Lass Luke, Barney, Kies und die anderen Folkfreunde am Ort, wo man einander findet, noch ein Weilchen warten. So viele Wege wollen noch gegangen sein. Immer langsam voran!

* Romantik-Definition aus dem Großen Fremdwörterbuch, Leipzig, 1977.

** In Anlehnung an einen Song der Puhdys, in dem sie versprachen, bis zur „Rockerrente“ weiterzurocken.

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