Der Nino aus Wien

Freude am Unfertigen

10. Dezember 2024

Lesezeit: 4 Minute(n)

Eine Medienpersönlichkeit ist der Nino aus Wien nicht gerade. Mit seiner schlaksigen Art und zögerlich, wie er redet, ist er eher der Prototyp eines „Slackers“, der die Gesellschaft beobachtet, anstatt eine klare Position zu ihr einzunehmen. Als Jugendlicher sei er sportlich gewesen und Motocross gefahren, doch ließ diese Sportlust gewaltig nach, nachdem er eine Gitarre geschenkt bekommen und „Hey Jude“ und „Strawberry Fields Forever“ im Radio gehört hatte. Auf der Stelle wurde ihm klar, dass er Musiker werden wollte. Seine Musik klingt jedoch überhaupt nicht nach den Beatles, sondern hat etwas Ureigenes.

Text: Michael Freerix

Kurzgeschichten und Gedichte waren das Erste, was Nino Mandl, wie der Musiker mit bürgerlichem Namen heißt, als Elfjähriger verfasste. Doch erst in Kombination mit Musik, die er auf seiner Gitarre komponierte, wurde ein Ganzes daraus. Neben den Beatles zählt der Nino heute Persönlichkeiten wie André Heller, Wolfgang Ambros oder Georg Danzer zu seinen Einflüssen wie auch den Pink-Floyd-Mitbegründer Syd Barrett, der, nachdem er die Band verlassen hatte, einige sehr eigenartige Soloalben machte und im Nichts verschwand.

Wenn der Nino zur Gitarre greift fängt er fast automatisch „mit a-Moll an. Moll ziehe ich tatsächlich anderen Tonarten vor, auch zum Hören“, erzählt der Liedermacher. Dabei muss man wissen, dass er aus einer musikalischen Familie stammt. Über die Art und Weise, wie bei ihm Songs entstehen, kann der Nino allerdings nur wenig Konkretes sagen. Songschreiben ist eher ein dauerhafter Prozess, in dem er steckt. Pausenlos arbeitet er an Texten, die er auf seinem Mobiltelefon notiert und sich selbst als SMS schickt. So häufen sich Ideen an, doch bis daraus fertige Songs werden, kann es dauern. „Ich geh’ viel spazieren und schnappe vieles auf“, beschreibt er es. Sein erzählerisches Ich steht dabei selten im Mittelpunkt. „Ich glaub’ ich schreib insgeheim mehr über andere Leute als über mich. Ich find’ es halt spannender, über andere Leute zu schreiben.“

„Ich find’ es spannender, über andere Leute zu schreiben.“

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Einer dieser Songs ist zum Beispiel „Taxi Driver“: Der Nino hatte bis spät in die Nacht bei seinem Kollegen Voodoo Jürgens verbracht und fuhr dann mit dem Taxi nach Hause. Ganz ohne Anlass erzählte ihm der Fahrer auf dieser Heimfahrt lauter seltsame Geschichten aus seinem Leben, und die sind nun musikalisch verewigt. Etwas gänzlich anderes ist „Du Oasch“, in dem ein privater Vorfall in einen Song mündete. Das Lied handelt von einem Freund, der dem Nino die Freundin ausgespannt hat, und ist fast eine Art Protestsong, allerdings auf eher privater Ebene. „Du Oasch“ stammt von seinem zweiten Album, Down in Albern, und wurde 2009 zu einem kleinen Hit, als es von einem Radiosender in die Rotation aufgenommen wurde.

Das war nur drei Jahre, nachdem sich der Nino aus Wien eine Myspace-Seite gebastelt und erste Songs darauf publiziert hatte. Ein unabhängiges Label wurde auf ihn aufmerksam und veröffentlichte 2008 mit The Ocelot Show sein Debüt. Unabhängig ist er seither geblieben. Er hat sich nie vorstellen können, seine Musik einer großen Plattenfirma anzubieten. Das hat seiner Musik sicher gutgetan, denn durch diese Unabhängigkeit hat er seinen etwas verschrobenen und eigenwilligen Sound entwickeln können.

Der Nino aus Wien

Foto: Pamela Rußmann

Weitere Radioerfolge blieben erst einmal aus, doch durch stetige Publikation neuer Alben und dauerhaftes Touren konnte der Nino seine Position im Musikgeschäft ausbauen, „auch wenn bei den Gigs oft nur fünf Zuhörer auftauchten“. Seine Musik hat etwas Sprödes und drängt sich nicht gerade in die Ohren beim Hören. Sie ist von einer melancholischen Grundstimmung geprägt, mit einem Hang zum Walzerhaften, nur selten enthusiastisch und aufgekratzt, also wenig ohrwurmartig. Seine Texte jedoch sind häufig frech und konfrontativ, mit Neigung zum ironischen Kommentar, was den Zugang zu den Songs erleichtert.

Obwohl der Nino mit seinem Werk kaum einen Bezug zur aktuellen österreichischen Popwelle hat, wird er häufig in Verbindung mit dieser gepriesen. Tatsächlich hat er auf drei Alben – Adria, Wach und Der Nino aus Wien – mit dem Produzenten Paul Gallister zusammengearbeitet, der unter anderem die überaus erfolgreiche Popformation Wanda produziert. Der Liedermacher dazu: „Paul Gallister ist ein sehr feinfühliger Textmensch, in meinen Augen. Er geht sehr stark auf die Texte ein, hat sie genau betrachtet.“ Der Nino legt allerdings Wert darauf, im Studio „mit unterschiedlichen Menschen an unterschiedlichen Orten“ aufzunehmen. „Mit Paul war es eine schöne Beatles-Stimmung im Studio, wir haben immer wieder mit Sounds und Herangehensweisen experimentiert.“ Ihm liegt sehr viel an Abwechslungsreichtum im Aufnahmeprozess und daran, sich nicht in den Liedern zu „verfummeln“.

So entstehen seine Alben teilweise über Monate an den unterschiedlichsten Orten oder auch, ganz im Gegenteil, in nur einer Nacht in einem Studio. „Ich möchte nicht zweimal auf die gleiche Weise ein Album aufnehmen“, sagt er. Klangtechnische Perfektion spielt dabei nur eine geringe Rolle. „Ich steh oft auf so eine unfertige, unvollendete Stimmung bei Songs.“ Dem Nino graut davor, seine Lieder mehr als dreimal im Studio durchspielen zu müssen. „Grundsätzlich finde ich Studioarbeit spannend, aber meine liebste Arbeit ist das Songschreiben – wenn es gelingt.“

Wenn er Zeit hat, nimmt er lieber die Gitarre in die Hand und arbeitet an Musik, als Freizeit sinnlos zu verplempern. Fünfzehn Alben hat er in den vergangenen sechzehn Jahren „rausgehauen“ – unter eigenem Namen, unter Pseudonym oder in Zusammenarbeit mit anderen. Selbst die Pandemie hat ihn nicht bremsen können. Und nach wie vor tritt der Nino aus Wien wahnsinnig gerne auf, allein, mit seiner Band, die ihn seit fünfzehn Jahren begleitet, oder mit Kollegen oder Kolleginnen. „An einem guten Tag kann auch ein Livekonzert das Allerbeste sein und mich tagelang beflügeln.“

www.derninoauswien.at

Aufmacher:
Der Nino aus Wien

Foto: Ingo Pertramer

Aktuelles Album:

Endlich Wienerlieder (Medienmanufaktur Wien, 2024)

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