Gedächtnis der Phonographie

Zum Achtzigsten von Richard Weize

30. Dezember 2025

Lesezeit: 4 Minute(n)

Auf über sechzig internationale Preise für seine Produktionen kann Richard Weize zurückblicken. Vor vier Jahren wurde ihm dann das Bundesverdienstkreuz verliehen. Schon 2003 erhielt der Gründer von Bear Family Records für sein Lebenswerk den Ehrenpreis des Preises der deutschen Schallplattenkritik. Für seinen „langjährigen innovativen Umgang mit dem Tonträger“, wie es etwas steif in der Laudatio hieß. „Die Szene“ würdigt seine Verdienste da schon lockerer. So ist die Rede vom „verrückten Deutschen in amerikanischen Schallplattenarchiven“. Er wird als „Exzentriker mit Latzhose, Zopf und Nickelbrille“ bezeichnet, der ein „Faible für die komischen Hillbillys“ besitzt. Wie auch immer man ihn bezeichnen will – mit seinen Wiederveröffentlichungen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der populären Musik hat sich Richard Weize weltweit einen Namen gemacht. Jetzt ist er achtzig geworden. Und mit seinem Label And more Bears hat er immer noch Pläne.

Text: Michael Kleff

Richard Weize gilt als „Guru der dicken CD-Boxen“ mit oft mehrere hundert Seiten umfassenden Begleitbüchern. Sie sind sorgfältig recherchiert und editiert, enthalten oftmals seltene Illustrationen und Bilder aus der jeweiligen Zeit. Keine Kompromisse kennt der Produzent Richard Weize, auch was die Überspielqualität der Aufnahmen betrifft. Allerdings darf der Sound der Musik nicht verändert werden. „Ob mir das gefällt oder nicht, ich habe das zu dokumentieren, was damals gemacht wurde.“ Mit der Kopie einer Kopie hat er sich nie zufriedengegeben, „und wenn ich für das Original um die ganze Welt reisen muss“. Kein Wunder, dass Weize nachgesagt wird, dass er sich in einigen Bandarchiven von Plattenfirmen besser auskennt als die Betreiber.

Seine Sucht nach Vollständigkeit zeigt sich auch bis ins letzte Detail der diskografischen Angaben. Er dokumentiert alles, was er über eine Künstlerkarriere zusammentragen kann: Fotos, Briefwechsel, Werbematerial, Anekdoten. Für ihn ist das alles „auch ein Stück Zeitgeschichte“, ganz unabhängig vom jeweiligen Genre – ob Rock ’n’ Roll, Soul, Blues, Hillbilly, Bluegrass, Country, Pop, Kabarett der Weimarer Jahre oder auch deutschsprachige Liedermacher. „Er rettete, was sonst vergessen worden wäre“, sagte Taz-Redakteur Jan Feddersen anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Februar 2021.

„Die Bewahrung von Geschichte ist ganz wichtig.“

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Geschichte im weiteren Sinn dokumentieren für den Sammler und Hobbyhistoriker auch die Schlagerboxen, die er mit Bear Family veröffentlicht hat. Es fing an mit Ted Herold – „der einzige richtige deutsche Rock ’n’ Roller“ –, von dem Richard Weize einst siebenhundert Bootlegscheiben über seinen Mailorderversand verkaufte. Nach dem Motto „Eine deutsche Platte ist nicht gut, machste zwei“ veröffentlichte er eine LP von Peter Kraus, dann Caterina Valente, Conny Froboess und, und, und. Egal, ob er diese Musik mag oder nicht, er will den deutschen Schlager in seiner historischen Bedeutung einordnen.

Zu den historisch wichtigen Exemplaren seiner Veröffentlichungen gehören auch die politischen Boxsets von Bear Family. Darunter die 2008 mit dem Jahrespreis des Preises der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnete Sammlung Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969 sowie Songs For Political Action, das ultimative Werk zum Thema Folkmusik und politische Linke in den USA in den Jahren 1926 bis 1953. Weiter zu nennen in diesem Zusammenhang sind Next Stop Is Vietnam – The War On Record: 1961-2008, Atomic Platters: Cold War Music From The Golden Age Of Homeland Security oder Battleground Korea – Songs And Sounds Of America’s Forgotten War.

„Ich bin der Beste“, meinte Richard Weize mit einem Augenzwinkern schon bei unserer ersten Begegnung im Sommer 1996, denn „unter den Blinden ist der Einäugige König“. Im Rückblick auf seine Jahre mit Bear Family von der Gründung 1975 bis zum Verkauf 2014/2015 hat er jedoch allen Grund für Selbstbewusstsein. Wobei Weize auch sentimental sein kann, wenn er an einige ganz persönliche Reaktionen von Menschen denkt, mit denen er gearbeitet hat. So habe sich Brenda Lee bei ihm mit den Worten bedankt, er habe ihr Leben mit dem Boxset mit ihrer Musik festgehalten. Das sei etwas, was sie ihren Kindern zeigen könne. Der als wortkarg bekannte Johnny Cash bezeichnete Weizes Bear-Family-Produktionen als das Beste, was von ihm veröffentlicht worden sei. Doch am meisten habe er sich über eine Postkarte von Pete Seeger gefreut, der einige Zeilen für das Buch zum Boxset von Uncle Dave Macon beigesteuert hatte. „Er hat sich bei mir mit wenigen Worten dafür bedankt, dass er bei mir mitarbeiten konnte. Das bedeutet mir noch sehr viel mehr als der Dank von Brenda Lee oder Johnny Cash.“

Vergleiche mit anderen unermüdlichen Musiksammlern wie Alan Lomax, die vor ihm in die Geschichte eingegangen sind, lehnt Richard Weize ab. „Der ist noch in die Bergdörfer gestiefelt und hat die Musik aus dem Fuchsbau geholt. Ich sitze zu Hause und arbeite mit dem Material, das andere geschaffen haben.“ Wie würde Weize seine Rolle selbst beschreiben – als „Archivar“ von Klängen zum Beispiel oder Dokumentarist von Musik als Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen? „Das ist schwer zu sagen“, meint er. „Wahrscheinlich ein bisschen von allem, denn die Bewahrung von Geschichte ist meines Erachtens ganz wichtig. Sie spornt mich zum großen Teil an.“

Richard Weize

Foto: Archiv Bear Family Records

Die Perspektiven für „handgemachte“ Veröffentlichungen musikalischer Kleinode sehen für ihn allerdings eher düster aus. Seit Jahren beklagt Weize eine „Verflachung“ der Gesellschaft, die auch eine Veränderung der Hörgewohnheiten der Menschen mit sich gebracht habe. Kaum jemand habe noch die Geduld, sich mit Musik intensiver zu befassen oder gar etwas über ihre Geschichte zu erfahren. Er kritisiert, dass geschichtliche Hintergründe und gesellschaftliche Zusammenhänge auch in den Medien kaum noch eine Rolle spielen. Zu den Mitschuldigen dieser Entwicklung zählen für ihn die Streamingdienste. „Irgendwann macht es keinen Spaß mehr“, sagt er. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz veröffentlicht er auf seinem schon im Jahr 2000 ins Leben gerufenen Label And more Bears weiter neue Projekte, getreu seiner Mission „Musikgeschichte für die Nachwelt zu erhalten“. Dazu gehören Charlie and His Orchestra, eine für Propagandazwecke zusammengestellte Big Band der NS-Zeit, benannt nach ihrem Sänger Karl „Charlie“ Schwedler.

„Nun sind fast 80 Jahre meines Lebens rum …“, schreibt Weize für die zu seinem achzigsten Geburtstag erschienene Würdigung The Story Of A Record Producer. „Mal sehen, was in den nächsten zehn Jahren kommt …“

www.andmorebears.com

Aktuelle Veröffentlichung:

Richard Weize 80 – The Story of a Record Producer 1975-2025 (And more Bears, 2025)

Aufmacher:
Richard Weize

Foto: Archiv Bear Family Records

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