Kolumne

Tourneen – gestern und heute

4. Dezember 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

Die letzten beiden Jahre waren für uns als tourende Musiker und Musikerinnen von den Britischen Inseln ein Kampf. Die Coronapandemie sowie der Brexit und die steigenden Tourkosten haben uns alle sehr belastet. Mit der Paul McKenna Band waren wir 2009 zum ersten Mal in Deutschland. Von diesem Moment an wussten wir, dass das Land sehr wichtig für uns bleiben würde und ein Ort, an dem wir ein Publikum aufbauen wollten, zu dem wir Jahr für Jahr zurückkehren können. Trotz der Pandemie haben wir seit 2009 fast jedes Jahr in Deutschland gespielt, und es war schon immer eines unserer Lieblingsländer für Tourneen. Was hat sich also geändert, könnte man fragen?

Der Brexit. Dieses böse Wort, das allen seit 2016 im Kopf herumschwirrt. Nach den neuen Regeln müssen wir nun über unsere Reisen innerhalb der Europäischen Union Buch führen. In einem Zeitraum von 180 Tagen dürfen wir nicht länger als 90 Tage in der EU unterwegs sein, was uns einengt. Bisher haben wir es geschafft, keine Visa zu benötigen, aber wenn wir jemals die 90 Tage überschreiten müssen, bedeutet das eine Menge Papierkram … – auf den ich mich nicht freue!

„Der Brexit hat sich generell negativ auf das Reisen innerhalb Europas ausgewirkt, aber ich denke, die Coronapandemie hat uns mehr getroffen.“

Abgesehen von den zeitlichen Beschränkungen für den Aufenthalt in der EU, haben sich einige der anderen Befürchtungen, die wir im Zusammenhang mit den neuen Vorschriften rund um den Brexit hatten, nicht bewahrheitet. Dennoch befällt viele Veranstaltern in EU-Ländern eine gewisse Verunsicherung, wenn sie Musikschaffende aus dem Vereinigten Königreich buchen wollen. Hoffentlich wird es bald ein unabhängiges Schottland geben und das Land wird wieder in der EU sein. Drücken wir die Daumen.

Der Brexit hat sich generell negativ auf das Reisen innerhalb Europas ausgewirkt, aber ich denke, die Coronapandemie hat uns mehr getroffen. Seit wir wieder reisen dürfen, sind die Kosten für Flüge, Mietwagen und Treibstoff drastisch gestiegen. Wenn ich die Tourneekosten 2019 mit unserer letzten Deutschlandtournee im Mai 2022 vergleiche, waren allein die Ausgaben für Flüge und Fahrzeugmiete fast doppelt so hoch. Und während die Reisekosten gestiegen sind, sind die Publikumszahlen eingebrochen. Im Mai dieses Jahres kehrten wir teils an dieselben Veranstaltungsorte zurück, die wir 2018/2019 besucht hatten, und in einigen Fällen hatte sich die Anzahl der verkauften Tickets mehr als halbiert. An einem Spielort hatten wir weniger als dreißig zahlende Gäste – das hatten wir vorher in Deutschland noch nie erlebt.

Wir können nur hoffen, dass die Gründe für die geringen Besuchszahlen zum Teil auf die Ängste der Menschen im Zusammenhang mit Corona zurückzuführen sind und diese mit der Zeit abnehmen werden. Wir sind uns aber auch der Krise in Sachen Lebenshaltungskosten bewusst, von der ich annehme, dass sie die Menschen auf der ganzen Welt betrifft, was bei vielen das verfügbare Einkommen einschränkt. Womit wir nicht rechnen, ist eine Rückkehr zu den hohen Verkaufserlösen aus dem Merchandising, wie wir sie bei unseren ersten Tourneen durch dieses schöne Land erfahren durften.

Wenn wir in Europa tourten, konnten wir immer davon ausgehen, dass wir bei jedem Konzert eine große Zahl CDs verkauften. Die Einnahmen daraus überstiegen oft die Gage für den Auftritt und ermöglichten es uns, unser Merchandising um weitere Produkte wie T-Shirts et cetera zu erweitern. Heute kostet ein T-Shirt in der Herstellung durchschnittlich 10 Euro, und ein realistischer Verkauspreis liegt bei etwa 15 Euro. In den letzten Jahren haben wir drastisch weniger CDs verkauft und angefangen, darüber nachzudenken, wie wir dem entgegenwirken können, aber die meisten Optionen, die bestehen, sind noch nicht erprobt und könnten riskant sein.

Vinyl ist seit einiger Zeit wieder sehr populär geworden, und ich bin selbst bekannt dafür, dass ich mir Neuveröffentlichungen einiger meiner Lieblingsacts auf Vinyl kaufe. Das scheint ein naheliegender Weg zu sein, aber die damit verbundenen Kosten sind hoch. Ich würde das neu bewerten wollen, sobald die Tourneen wieder normal laufen, und schauen, ob die Leute dann noch Vinyl kaufen oder nicht.

Was andere Merchandiseoptionen für den Verkauf bei Konzerten angeht, haben wir es mit Aufklebern und Feuerzeugen versucht, die sich gut verkaufen und vielleicht zu einem Angebot werden, das wir beibehalten. Wenn die CD-Verkäufe weiter zurückgehen, wäre es vielleicht denkbar, mit QR-Codes zu arbeiten. Wenn es sich so einrichten ließe, dass das Geld direkt an die Band geht, ist das durchaus etwas, was wir ausprobieren sollten.

Ich bleibe so positiv, wie ich nur kann, und bin überzeugt, dass wir das Publikum wieder zurückgewinnen werden. Wir planen aktuell eine Tour durch Deutschland und Dänemark für November 2023. Vielleicht lässt sich dann der QR-Code testen oder, ob sich Vinyl tatsächlich verkauft.

 

Paul McKenna ist Singer/Songwriter aus dem schottischen Glasgow. Die Paul McKenna Band wurde 2006 gegründet und 2009 zum besten Newcomer bei den Scots Trad Music Awards gekürt. Bisher sind fünf Alben erschienen, zuletzt Breathe 2019

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