Kulturelle Aneignung – eine persönliche Anekdote

Kolumne

17. Juni 2023

Lesezeit: 3 Minute(n)

folker präsentiert 

Mein Name ist Ronja. Ich bin Musikerin, spiele verschiedene Instrumente, singe, texte und komponiere in verschiedenen Sprachen. Bin höchst fasziniert vom Reisen und Unterwegssein, von verschiedenen Orten, Menschen und ihren Lebensweisen. Wenn man mich Anfang letzten Jahres gefragt hätte, inwieweit ich denn „politisch“ sei, hätte ich lächelnd den Kopf geschüttelt und gesagt, meine Anliegen seien Kunst und Poesie und hätten wenig mit Politik zu tun. Vergangenes Frühjahr habe ich mich dann plötzlich inmitten einer brisanten politischen Debatte wiedergefunden. Es ging um das Thema „kulturelle Aneignung“. Nachdem ich wegen meiner Frisur von einem Konzert ausgeladen wurde, zog sich diese Geschichte glühend heiß durch alle Medien und ich wusste gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.

Es folgten dann zum Glück sehr viele deeskalierende und reflektierende Gespräche, mit denen ich mehr anfangen konnte als mit der einsilbigen Kommentarspaltendebatte, auf deren einen Seite stand: „Sie darf als Weiße keine Dreadlocks tragen.“ Und auf der anderen: „Das ist doch ein völlig absurdes Thema.“ Ich habe viel zugehört, entschieden, vorerst meine Haare und meine Ruhe zu bewahren, und den Versuch gewagt, zu verstehen, worum es hier eigentlich geht.

Kulturelle Aneignung, wurde mir erklärt, bedeutet, dass Menschen aus verschiedenen Lebenswelten und Kulturen sich Handlungsweisen, Gesten, Sprachen, Klänge, Symbole aneignen und diese übernehmen. Positiv ausgedrückt würde das bedeuten, dass Menschen sich gegenseitig inspirieren, negativ, dass wir einander etwas wegnehmen und daraus sogar einen persönlichen Vorteil ziehen.

Die geführte Debatte ist dabei keine rein rationale – Wem gehört hier was? Wem steht historisch was zu? –, sondern vorrangig eine emotionale. Und wo menschliche Emotionen im Spiel sind, ist für mich die wichtigste Spielregel Empathie. Ich bin weder politische Expertin noch Historikerin, doch ich bin davon überzeugt, dass wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln dürfen, achtsamer und toleranter miteinander umzugehen. Indem wir einander zuhören und versuchen, uns gegenseitig zu verstehen.

Eine Woche nach dem Medienrummel haben eine Vertreterin der Hannoveraner Ortsgruppe von Fridays for Future, ein Vertreter der People of Color aus einer anderen Stadt und ich uns zwei Stunden zu einem Gespräch zusammengesetzt, ohne dass dabei Presse anwesend war, ganz persönlich, face-to-face, in einem vertrauensvollen Safe Space. Dabei ging es nicht darum, unsere Gegenüber zu belehren oder von etwas zu überzeugen, sondern unsere Erlebnisse und Perspektiven miteinander zu teilen, uns kennenzulernen und zuzuhören.

Ich bin sehr nachdenklich aus dem Gespräch herausgegangen. Vielleicht bin ich mir als Weiße gar nicht vollends bewusst, was es bedeutet „white“ zu sein, vielleicht gibt es da noch eine Menge zu verstehen. Vielleicht hatte FFF gar kein vollständiges Bild von mir als Musikerin, es wurde anhand eines einzelnen äußeren Merkmals überstürzt eine Schublade aufgemacht und unter stressigen Umständen eine unsensible Nachricht formuliert. Wie schön, dass wir uns im Gespräch begegnen durften und auch die Perspektive von jemandem mit anwesend war, der direkt betroffen ist, sodass keineswegs über-, sondern miteinander gesprochen wurde. Der sich, wie viele andere Betroffene, in dem Medienrummel zu einem Thema rechtfertigen musste, zu dem es gar keine klare einheitliche Haltung gibt.

Ich bin sehr dankbar für diesen Austausch und wünsche jeder und jedem von euch, die in solche hochkomplexen Thematiken involviert werden, gute Gesprächspartner*innen, eine große Portion Ruhe, Raum, Respekt und Empathie.

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Ronja Maltzahn ist am Festivalsamstag des Bardentreffens 2023 Teilnehmerin an der Podiumsdiskussion des folker zum Wechselspiel zwischen kultureller Aneignung und Kunstfreiheit.
Aufmacherfoto:

2 Kommentare

  1. Im diesem Artikel äußert eine von der medialen Debatte offensichtlich eingeschüchterte junge Musikerin vorsichtig sehr viel Empathie für diejenigen, die sie wegen ihrer Haartracht kritisierten und nicht auf die Bühne ließen. Kein Wort darüber, was diese Kränkung bei ihr auslöste, kein Wort über die eigene Verletztheit wegen dieses Vorfalls! In ihrem Bemühen, auch etwas Substanzielles zur Debatte um das sensible und wichtige Thema „Kulturelle Aneignung“ beizutragen, ist die Fridays-for-Future-Ortsgruppe in Hannover gehörig übers Ziel hinausgeschossen – auch wenn sie nicht die erste politische Gruppierung war, die dabei die Orientierung verlor. Es wäre deshalb angemessen gewesen, wenn Ronja Maltzahn in ihrem Artikel den damals für ihre Ausladung Verantwortlichen nicht nur (erneut) die Hand gereicht hätte, sondern auch die Entschuldigung gefordert hätte, die – soweit ich das erkenne – bis heute nicht erfolgt ist. Das am 23. März vergangenen Jahres auf der Friday-for-Future-Webseite veröffentlichte Statement ist eher eine Rechtfertigung für das eigene Handeln. Einigen der dort in besserwisserischem Ton vorgebrachten Argumente kann man sicher teilen. Würde man anderen folgen, müsste man sich aber vergegenwärtigen, was das in letzter Konsequenz bedeuten müsste: den Ausschluss aller Dreadlocks tragenden Teilnehmenden an Fridays-for-Future-Demos, das Einstampfen des für das Nürnberger Bardentreffen werbenden Plakats und die Spielregel, dass zukünftig nur Menschen zum Rudolstadt-Festival eingeladen werden, die keine von anderen Kulturen inspirierten Frisuren tragen, keine Tatoos, keine Piercings und Brandings. Absurd, nicht wahr? Wobei wir wieder bei der Begründung für die Ausladung Ronja Maltzahns wären.

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  2. Ronja Maltzahn hat richtig reagiert. Sie hat die Rolle des Opfers verweigert, hat sich informiert, was eigentlich das Anliegen hinter der Ausladung war, und hat das Gespräch gesucht. Leider verbreiten bestimmte Medien, es gehe bei der Debatte hauptsächlich um die Freude am Verbieten. Dem ist aber nicht so. Zugrunde liegt der Wunsch nach einer gerechtere Gesellschaft, in der Rassismus als Problem gesehen und bekämpft wird. Ich kann nur empfehlen, das kleine Buch von Jens Balzer zur kulturellen Appropriation zu lesen, bevor man die ganze Debatte in Bausch und Bogen verdammt.

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