Afrika anders hören

Studio Shap Shap

15. Juni 2023

Lesezeit: 4 Minute(n)

folker präsentiert 

Im November 2015 wurde in Niamey, der Hauptstadt Nigers, ein neuer Radiosender gegründet. Um schnell bekannt zu werden, suchte man nach Musikern, die eine Reihe von Singles aufnehmen konnten – 27 Stück in 3 Tagen! Ursprünglich sechs Musikschaffende, die in dieser Konstellation noch nie zusammengespielt hatten, nahmen die Herausforderung an. Der Vertrag wurde shap shap, also „schnell und gut“ unterzeichnet. Aber der kreative Schub gefiel den Beteiligten so gut, dass sie beschlossen, weiterzumachen – als Studio Shap Shap eben.
Text: Christoph Schumacher

Dies war die Geburtsstunde einer Band, in die sich alle mit unterschiedlichsten musikalischen Erfahrungen und Visionen einbrachten. Drei der Bandmitglieder sind keine Unbekannten in Niger. Bassist Harouna Abdou, genannt Harobasse, und Molo- und Komsaspieler Seyni Halidou alias Ousseini kommen beide aus einer der bekanntesten Bands des Landes, Mamar Kassey. Sie stehen bei Studio Shap Shap für die Tradi-Moderne, einen Musikstil, der als zeitgenössische Weiterentwicklung traditioneller afrikanischer Musik in Niger populär ist. Percussionist Oumarou Adamou alias Mai Douma spielte unter anderem bei Mamane Barka und ist vor allem durch seine zur Modulation eingesetzte Fußtechnik im Stil des niederländischen Jazzschlagzeugers Han Bennink bekannt.

Christian Koulnodji, genannt Popo, kommt aus dem Tschad und spielt die dort verbreitete Ziegenfellharfe Kindé. Laetitia Cecile alias Sakina stammt ursprünglich von La Réunion, lebt aber seit 2004 in Niger. Zur Zeit der Gründung war die damals 34-Jährige das mit Abstand jüngste Mitglied der Band, übernahm aber trotzdem den Part der Leiterin. Aus Samples von Feldaufnahmen des täglichen Lebens in Niger sowie elektronischen Beats formt sie die Basis der meisten Stücke. Dazu benutzt sie sowohl Computer als auch Keyboard und setzt die aufgenommenen Klänge, Worte und Geräusche musikalisch ein. Ähnlich verwendet sie die synthetischen Beats, wodurch die traditionelle Percussion eine modernere Anmutung erhält. Auf diese Weise entsteht eine neue, spannende Mischung zwischen Tradition und Moderne.

In einem Interview erklärte Sakina, dass die Musik der Gruppe von der Natur, den Gemeinschaften, in denen sie leben, und dem historischen Hintergrund der Bandmitglieder inspiriert sei. Sie sei ihre gemeinsame Sprache. Im April 2016 veröffentlichten Studio Shap Shap mit Château 1 ihr erstes Album, benannt nach dem Viertel in Niamey, in dem sie sich treffen. Die Aufnahmen geschahen live unter freiem Himmel, inmitten von Vogelrufen und den Geräuschen der Hauptstadt. 2018 tourten sie zum ersten Mal durch Europa und ernteten viel Lob und Erfolg, unter anderem auf Festivals wie Esperanzah! in Belgien und Rototom in Spanien.

Ende 2019 verstarb Boubacar Siddo Diallo alias Boubé Diallo, das älteste Mitglied der Band. Von dem immensen Verlust erschüttert, stürzten sich die fünf Freunde mit ganzem Herzen in die Arbeit und das zweite Album entstand. Auf dem dann Ende 2022 erschienenen Le Monde Moderne dreht sich alles ums Unterwegssein, um Reisen, Migration und andere Bewegungen sowie um alle Menschen, für die Niger eine Durchgangsstation ist und die nur kurz bleiben wie Zugvögel. Das ist der geografisch und strategisch günstigen Lage auf dem Kontinent geschuldet, wie Musikerin und Klangsammlerin Sakina erklärt.

Studio Shap Shap

Foto: Raphael Panerai

Neben den Instrumenten der anderen erklingen ihre gesammelten Alltagsgeräusche wie Grillen, Vogelstimmen, Autohupen, Gebetsrufe oder Sirenen, meistenteils aufgenommen in der Metropole Niamey. Der Sound der Band ist dabei immer tanzbar und vielschichtig, die Klänge der Field Recordings finden über geloopte Samples ihren Weg in die Musik und mischen sich so hervorragend mit dem Klang der traditionellen Instrumente. Wie zum Beispiel der Komsa, einem banjoähnlichen Saiteninstrument, das hauptsächlich in Ghana und Niger gespielt wird, der Ziegenfellharfe Kindé aus dem Tschad oder der Douma, einer mit dem Fuß in der Tonhöhe modulierbaren Kalebassentrommel, die im Klang an die Sanduhrtrommeln Dondo oder Tama erinnert, die ebenfalls hin und wieder zum Einsatz kommen. Dazu gesellen sich E-Bass und Keyboard sowie eben die Samples als stark rhythmus- und stilgebende Mittel.

„Wir haben keinen bestimmten Musikstil, wir machen alternative Musik“, erklärt Sakina. „Wir brechen gerne die Codes, spielen mit musikalischen Regeln und berühren die Menschen mit dem, was wirklich ist. Deshalb verwenden wir Alltagsgeräusche, verschiedene Sprachen, Geschichten aus alten Zeiten, Beats und gesprochene Worte. Unsere Musik mischt Natur und Stadt, Tradition und Elektro, Sprache und Gesang. Das Klavier, der Bass, die Loops sind da, um die traditionellen Instrumente zu verstärken. Wir nutzen altes Wissen, um die Moderne zu erfüllen und zu übertreffen.“ Sie freut sich, dass die Musik von Studio Shap Shap in Niger auf positive Resonanz stößt. „Die nigrischen Künstler und Menschen nehmen unsere Musik mit viel Begeisterung und Stolz auf. Wir haben ihre Unterstützung, und das bedeutet uns sehr viel.“

Cover Le Monde Moderne

Anfang 2022, nach langer Wartezeit wegen der Pandemie, kehrte die Gruppe nach Europa zurück, um ihr neues Material live sowie eine EP vorzustellen als Vorbereitung auf das neue vollständige Studiowerk Le Monde Moderne. Ein Konzeptalbum einer neuen musikalische Reise, die mehr auf Elektronik setzt, aber immer noch veredelt wird durch die traditionellen Instrumente – ein Fundus für alle, die einen neuen Sound suchen. „Abgesehen von unseren Unterschieden, sind wir von dem Wunsch beseelt, den Menschen zu ermöglichen, den afrikanischen Kontinent anders zu hören“, so Sakina.

Wer nicht bis zum Sommer warten möchte, kann jederzeit die selbst gedrehten Videos der Gruppe im Internet anschauen und sich von ihnen nach Niamey versetzen lassen. Ansonsten kann man sich jetzt schon auf die live dargebrachten Klänge von Studio Shap Shap auf dem Nürnberger Bardentreffen freuen.

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www.studioshapshap.com

 

Aktuelles Album: Le Monde Moderne (Escalier 227, 2022)

 

Termin: 22.07.23: Nürnberg, Bardentreffen

 

Videolinks:

Video zu „Le Parc“, mit Tiersamples und Musik aus Niamey, Niger, zum Thema „Tiermigration“: www.youtube.com/watch?v=hUu9d-sjLzs
Video zu „Le Marché“ mit einem für Westafrika exemplarischen Marktbesuch: www.youtube.com/watch?v=Nwc4sgGOytQ
Video zu „Merci“ – Sakina von Studio Shap Shap packt alle Geräusche der Metropole Niamey in ihren Sampler und kreiert daraus mit ihren Bandkollegen am E-Bass sowie an den traditionellen Instrumenten Komsa, Kinsé und Trommeln einen fantastisch tanzbaren Afrobeat. Soundscaping als Erinnerungspotenzial mit Spaßfaktor und afrikanischer Lebensfreude: www.youtube.com/watch?v=PURw2K4wPWc

Aufmacherfoto:

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