Lisa Canny

Schöne Schande für den Irish Folk

25. August 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

Irish Folk? Jazz? Pop? Lisa Canny lässt sich in keine Schublade einordnen, aber wer sie live auf der Bühne erlebt hat, ist restlos begeistert. Das kreative Engergiebündel stammt aus dem äußersten Westen Irlands, der Grafschaft Mayo. Dort wuchs sie mit den Traditionen des Irish Folk auf.
Text: Imke Staats

Wer denkt bei Harfenmusik nicht an sphärische Engelsklänge, die von Damen in langen Kleidern vornehm und erhaben vorgetragen werden? Lisa Canny beherrscht das alles perfekt, fügt dem Bild aber noch so manchen bereichernden Bruch hinzu. Sie gibt auch die wilde, rockige, jazzige Harfenistin. Und sie kann singen. Traditionell Irisches mit wunderschöner, klarer Stimme, aber auch kraftvoller Soul oder rasanter Pop gehen ihr leicht von der Hand, während sie es auf akrobatische Stimmfrequenzen im jazzigen Stil bringt. All das gelingt ihr mit großer Souveränität, da ist es fast schon selbstverständlich, dass sie genauso Banjo und Gitarre spielt. Unter anderem.

Cannys Kunst ist gleichzeitig glatt, perfekt produziert und auf eine gekonnte Art ausgefallen, anders. Vor allem ist sie niemals langweilig. Und die Musikerin damit höchst erfolgreich, was ihr Preise und Auszeichnungen eingebracht hat. Einige Beispiele gefällig?

Siebenmal war sie All Ireland Champion auf der Harfe und auf dem Banjo, sie gewann den Future-Music-UK-Songwritingwettbewerb sowie einen Event Industry Award, landete 2015 mit dem gemeinsam mit der Grammy-Gewinnerin Jodi Marr geschriebenen Song „Lifeline“ einen Top-Ten-Hit in Irland und wurde von BBC America in die Liste der zehn irischen Acts aufgenommen, die man nicht verpassen sollte.

Lisa Canny Foto: Finnian Moore

Dass in Klein-Lisa ein Talent wohnt, kam schon früh ans Tageslicht. Alles fing damit an, dass ihr Santa Claus ein Keyboard schenkte, als sie drei Jahre alt war. Im Verlauf der Weihnachtstage brachte sie sich selbst „Twinkle, Twinkle, Little Star“ bei, erzählt ihre Familie. In der Vorschule gab ihr der Lehrer ein Banjo mit nach Hause, das sie gleich intensiv erforschte. Da war sie fünf. Mit acht lernte sie in der Schule Flöte. Mit zehn Harfe. Gesungen wurde schon an ihrer Wiege, und bald auch aus dieser heraus, sodass sie mit sieben fit genug für ihren ersten Gesangswettbewerb war.

Nachdem Canny ausgelotet hatte, dass sie weder Architektur noch Medizin, sondern doch am liebsten Musik studieren wollte, zog sie nach Limerick und besuchte dort die Irish World Academy of Music & Dance, die sie mit einem Bachelor in Irish Music and Dance und einem Master in Ethnomusikologie abschloss. Das Institut gilt als eine Art Kaderschmiede.

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„Traditionen engen mich ein, Innovationen inspirieren mich.“

Trotz ihrer „klassischen“ Ausbildung strebte Canny jedoch danach, Experimente zu wagen. „Traditionen engen mich ein, Innovationen inspirieren mich“, sagt sie dazu. Mit ziemlichem Erfolg gelang es ihr, Elemente aus Hip-Hop, Pop, Rock und Jazz in traditionelle Formen zu integrieren. Das brachte sie auf Spuren jenseits des reinen Folk, und sie erspielte sich unter anderem die Aufmerksamkeit von Miles Copeland, der vor allem als Manager von The Police, der Band seines Bruders Stewart Copeland, bekannt wurde. Für Canny ließ er seine Kontakte spielen.

Doch nicht jeder kommt mit so viel Innovation klar. „A disgrace to the tradition of Irish music“ – „Eine Schande für die Tradition der irischen Musik“, haben Puristen sie genannt. Doch letztlich gewinnt, wer wagt. Nicht nur über die Schande erhaben, sondern sogar stolz auf sie, gab Lisa Canny ihrer letzten Tournee augenzwinkernd den Titel „Disgrace Tour“ und stellte auf dieser nicht nur ihre unübersehbare energiegeladene Ausstrahlung unter Beweis, sondern auch ihren Mut und Humor.

2016 zog Canny nach London. Dort bewegt sich die Multiinstrumentalistin und Perfektionistin in einem Netz von Kontakten und spielt in diversen Formationen – ihr Auftragsbuch ist gut gefüllt. Und diesen Herbst wird sie zum dritten Mal in Deutschland auf Tour gehen.

Lisa Canny Foto: Gavin Coughlan

Da sich Canny nicht nur für Musik, sondern für Darbietungskunst im Allgemeinen interessiert, kommen von ihr immer wieder kunstvolle Videos, in denen sie auch Kulturschaffenden aus den Bereichen Tanz, Kostümdesign, Make-up, Bühnenbild oder Grafik eine Plattform bietet und den Betrachtenden immer wieder überraschende Erlebnisse für die Sinne beschert. Gerade in der Coronazeit brachte sie es mit Streams auf einige Millionen Klicks. Ihr Engagement setzte sie für ein Gesamtkunstprojekt namens „Folk Plus“ ein, welches eine hochklassige ästhetische Ausgestaltung mit der Performance dreier Tanzprofis verbindet, die zu ihrer Musik agieren. Um die Kosten für dieses Langzeit-Herzblut-Vorhaben aufzubringen, initiierte sie Ende 2021 eine Crowdfundingaktion, mit deren Hilfe sie im Frühjahr 2022 die Produktion dreier Videos und einer EP realisieren konnte.

Lisa Canny hat das Zeug zum Star. In den spezifischen – und immer größer werdenden – Kreisen ist sie es in gewisser Weise bereits, auch hierzulande. Für die Deutschlandtour sind aktuell 24 Konzerte geplant. Für dieses Mal noch in kleineren bis mittleren Häusern, was das Erlebnis intensiviert. Doch wer weiß, vielleicht kommt Canny das nächste Mal schon auf die renommiertesten Bühnen des Landes.

www.lisacanny.com

Alben:

  • Folk+ (EP; Eigenverlag, 2022)
  • Freedom (EP; Eigenverlag, 2018)

Videolinks (Youtube):

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Foto Aufmacher: Gavin Coughlan

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