Die britische Folksongwriterin und -sängerin Lucy Kitchen aus Romsey im südenglischen Hampshire präsentiert mit In The Low Light ihr drittes Album, das ihrem an Krebs verstorbenen Ehemann gewidmet ist. Dank einer gefühlvollen Stimme in Kombination mit selbst verfassten eindringlichen Texten ist ihr unter Mithilfe befreundeter Musiker ein elf Stücke umfassendes Meisterwerk gelungen. Die sympathische Folk- und Americana-Musikerin, die sich aufgrund ihrer Vielseitigkeit in den letzten Jahren auch zu einer gefragten Kooperationspartnerin für elektronische Musikprojekte entwickelt hat, stand für ein ausführliches Gespräch zur Verfügung.
Text: Frank Keil
War Musik in deinem Elternhaus präsent und so dein Weg zur Künstlerin quasi vorgezeichnet?
Mein Vater ist Bibliothekar und ein großer Jazzfan, dessen Sammlung mit unter anderem Miles Davis oder John Coltrane mir immer zugänglich war. Er brachte auch immer Bücher und Tonträger mit nach Hause, Material, das mir als Inspiration diente. Später stieß unter anderem auf Bob Dylan, Roy Orbinson, Neil Young und Joni Mitchell.
Ab wann hattest du den Wunsch, selbst ein Instrument zu lernen und zu spielen?
Im Alter von acht Jahren habe ich gelernt, klassische Flöte zu spielen, später kam das Piano hinzu. Als ich mit sechzehn von einem Ferienjob nach Hause kam, hatten mir meine Eltern eine Gitarre gekauft. Von da an wurde ich als Teenager zu einer begeisterten Songwriterin, die Bands wie Belly oder die Throwing Muses liebte. Später entdeckte ich dann auch Trip-Hop für mich, vor allem Massive Attack.
„Ich hoffe, dass die Menschen, die diese Lieder hören, in ihnen ihre eigenen Geschichten finden.“
Dennoch verlief der Weg zur Berufsmusikerin über Umwege, denn dein Debüt, Waking, erschien erst 2014 auf deinem eigenen Label Bohemia Rose Records, als du bereits 36 Jahre alt warst.
Das stimmt. In meinen Zwanzigern gab es zwar den ein oder anderen Auftritt, aber mein Informatikstudium und der spätere Job bestimmten mein Leben. Als 2010 meine Tochter geboren wurde, war mir klar, dass ich nicht in die IT-Branche zurückkehren wollte. Ich ergriff die Chance und nahm im Studio eines Freundes ohne Druck meine ersten richtigen Songs auf, bis ich das Debüt zusammenhatte. Von da an entwickelte sich meine Karriere beständig Schritt für Schritt mit vielen Club- und Festivalkonzerten bis hin zum Nachfolger Sun To My Moon 2017.
Romsey ist eine kleine Marktstadt. Empfindest du das eher ländliche Leben als Vor- oder Nachteil in Bezug auf deine Musik?
Heute muss man nicht mehr in London leben und arbeiten, um musikalisch erfolgreich zu sein, vor allem nicht im Folksektor, wo das Publikum eher auf Alben als auf Singles fixiert ist. London ist nur rund neunzig Minuten entfernt, es ist also kein Problem dorthin zu fahren. Für mich überwiegen die Vorteile des Kleinstadtlebens mit grüner Umgebung. Dazu gehört auch meine Labelarbeit, in die ich viel Zeit investiere, aber ich liebe es einfach unabhängig zu sein, auch in Sachen Booking.
Neben Beiträgen auf Kompilationen hast du 2023 die EP The Stabal Sessions veröffentlicht. Wie schwer war es für dich nach dem Tod deines Mannes 2022 wieder zurück zur Musik zu finden?
Die Session war das Ergebnis einer Förderung. Drei der vier Songs hatte ich während der schweren Erkrankung meines Mannes geschrieben, und nach seinem Tod fühlte es sich richtig an, diese sehr persönliche Musik rasch öffentlich zu machen. Auch um anderen Personen in ähnlichen Situationen Mut zu machen – kreatives Schaffen als Rettungsanker, um Schmerz zu verarbeiten, Liebe zu würdigen und durch Musik langsam wieder zum alltäglichen Leben zurückzukehren.
Kommen wir auf In The Low Light zu sprechen, dessen elf Tracks sich alle als kleine Kunstwerke entpuppen. Teilst du meine Ansicht, dass deine Band und du damit bis dato den Höhepunkt eures Schaffens erreicht habt?
Die Resonanz auf unseren Mix aus Folk mit ein wenig Americana und Country ist durchweg positiv und freut uns alle sehr. Ich war sehr aufgeregt, etwas Neues mit diesen großartigen Musikern zu erschaffen, allen voran Co-Produzent und Mitmusiker Tali Trow. Und wenn am Ende die Erwartungen übertroffen werden, gibt es nichts Schöneres. Dieses Album zu machen, hat mich mehr aufgebaut als alles andere.
Themen wie Krankheit, Verlust, Trauer, Erinnerung und Transformation sind keine leichten. Aber dir gelingt es, aus ihnen eine bezaubernde Reise zum Herzen zu gestalten, voller Dankbarkeit und Freude. Folgen die Lieder auf In The Low Light einer Art rotem Faden?
Ich hoffe, dass die Menschen, die diese Lieder hören, in ihnen ihre eigenen Geschichten finden. Für mich ist die Verbindung das Gefühl, dass mich die Stücke zu dem zurückgebracht haben, was ich liebe.
Hast du trotzdem den ein oder anderen Lieblingstitel auf dem Album, dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte?
Ja, die habe ich, aber schon im Studio, bei Konzerten und jetzt mit etwas Abstand zum Kreativprozess wechseln sie. Aber einige bleiben: „Sunny Days“ aus der Zeit, als mein Ehemann und ich uns kennenlernten. „Winter King“, „The Boatman“ und „In My Corner“, zu dem es ein einfühlsames Video der Filmstudentin Maria de Lima gibt.
Im Gegensatz zu Konzerten in England, die du nach Möglichkeit in Bandbesetzung bestreitest, wirst du im Frühjahr solo nach Deutschland kommen.
Ja, darauf freue ich mich. In England muss ich meine Konzerte selbst buchen, hier werde ich durch mein deutsches Label super unterstützt. Und wenn alles gut klappt, werde ich sicher mit der Band im September zurückkehren, was natürlich auch eine Frage der Finanzierung ist.
Über BBC One wurden in der Vergangenheit einige deiner elektronischen Musikprojekte recht populär. Bist du diesbezüglich auch noch aktiv?
Aktuell bin ich mehr auf meine eigene Musik fokussiert, habe aber tatsächlich viele Erfahrungen mit Drum-and-Bass-Produzenten gesammelt, die mich wegen meiner Stimme engagierten. Die scheint gut zu elektronischer Musik zu passen. Da schreibe ich aber etwas anders als normal, da sind eher kürzere Textpassagen gefragt.
Lyrik, Musik, Natur, Jahreszeiten. Wobei entspannst du am besten vom Musikbusiness?
Ich liebe meinen Garten, meine Rosen. Spaziergänge in der Natur und die Zeit, die ich mit meiner Tochter verbringen kann.











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