Saucējas

Versteckte Botschaften

2. Januar 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Vineta Romāne bekommt eine Gänsehaut, wenn sie die markanten Dissonanzen der Lieder im baltischen Selonisch singt. Für Marta Konevāle ist dieses Erlebnis mehr als nur Gesang – es umfasst auch Tanz und Gemeinschaft. Während Janta Meža und Kristīne Jansone geheimnisvoll lächeln und ihre Ausstrahlung wirken lassen, erklingen in Mežas Hand die Glöckchen des Trīdeksnis, eines traditionellen lettischen Schlaginstruments. In diesen uralten lettischen Melodien schwingt eine tief verwurzelte Spiritualität mit.

Text und Fotos: Kat Pfeiffer

Als die Saucējas („Ruferinnen“) an einem sonnigen Julisamstag auf der Bühne der Burgterrasse beim Rudolstadt-Festival 2025 auftreten, wird die Welt um sie herum still. Sie sind zu viert aus Rīga gekommen, um ihre achtköpfige Gruppe zu repräsentieren. Im Lied wird in einem Dialog zwischen zwei Schwestern klar, warum die jüngere nicht heiraten möchte. „Welchen Mann bekomme ich?“, fragt sie die ältere. „Einen Säufer!“, antwortet diese. Das Publikum lacht und versinkt im harmonischen Klang der Liedfassung dieser Geschichte. Ein anderes – sibirisches – Lied voller slawischer Musikelemente spiegelt das Schicksal der Letten wider, die einst nach Sibirien verschleppt wurden und in der Musik ihre kulturelle Identität bewahrt haben. Dann singt Marta Konevāle ein Wiegenlied in livischer Sprache, die dem Finnischen ähnelt – es stammt aus einer katholisch geprägten Region, während Lettland überwiegend protestantisch ist.

„Wir haben mit Vögeln kommuniziert.“

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Als Saucējas pflegt das Ensemble die Traditionen und singt in verschiedenen Sprachen und Dialekten wie Lettgallisch aus dem Osten oder Selonisch aus dem Südosten ihrer Heimat. Die Sängerinnen selbst stammen aus unterschiedlichen Regionen und tragen auch verschiedenartige traditionelle Trachten. Dabei müssen die „Gesangmuskeln“ (Atemmuskeln, Rippenmuskeln, Bauchmuskeln), ähnlich einem Korsett, stark und unterstützend sein. Einmal jährlich trainieren sie ihre Fertigkeiten in einem Camp unter der Aufsicht von Vokalfachleuten.

Der polyfone, archaische Sprechgesang ist ein unverkennbares Merkmal der lettischen Kultur. Traditionell wird er im Freien aufgeführt. Der Bordun, ein durchgehender Grundton also, unterstützt die Melodiestimmen und erzeugt dadurch ein harmonisches Resonanzfeld. Die Rollen der Sängerinnen sind klar: die teicēja („Sprecherin“) oder saucēja („Ruferin“) singt die Verse des daina vor, und die anderen wiederholen sie. Diese lettische Volksliedform besteht aus vier Versen und wird insbesondere zu festlichen Anlässen gesungen. Man kann sie zu längeren Ketten verknüpfen und jedes Mal anders kombinieren. Auch die Arrangements passen sich flexibel an die Anzahl der gerade verfügbaren Stimmen an. Ein wesentlicher Bestandteil ist dabei die Improvisation. Seit 2001 gilt die Sammlung, die der berühmten Daina-Schrank beherbergt, als UNESCO- Weltdokumentenerbe.

Dainas beinhalten eine reiche Symbolik, in der die Natur oft als Metapher für das menschliche Leben dient. Die Eiche steht für den Mann, die Linde für die Frau. Wenn die Sonne untergeht, heiratet die Schwester und zieht weit weg. Der Weihnachtsbaum ist grün, aber das junge Mädchen ist unglücklich. Solche Kontraste finden sich häufig in diesen Volksliedern – zwar wird eine festliche Atmosphäre besungen, in Wirklichkeit aber erzählen die Lieder von Traurigkeit, Sorgen und Kummer.

 

Um auf der Bühne besser zu klingen, stimmen sich die Saucējas vor jedem Lied mit einer Stimmgabel ein. Mikrofone stören dabei die harmonische Einheit und den Klang der Stimmen. Es verliert sich auch der Oberton. In der Natur kann absolutes Gehör jedoch eine Herausforderung sein. „Wenn man sein absolutes Gehör durch Klaviertraining entwickelt hat, ist es schwierig, sich in den Naturtönen frei zu bewegen. Man möchte dann immer in der Klavierstimmung singen!“, erklärt Marta Konevāle, die Musikwissenschaft studiert. Auf den alten Aufnahmen traditionellen Gesangs, die die Gruppe heranzieht, um damit zu lernen, singen die Frauen „irgendwo dazwischen“. Es ist nicht einfach, aber der Antrieb, diese archaischen Klänge zu rekonstruieren, ist größer. Vor zehn, zwanzig Jahren hatte man noch die Möglichkeit, in die Dörfer zu gehen und mit den alten Frauen zu singen. Jetzt ist das Material vor allem in Archiven und Feldaufnahmen zu finden. „Manche Traditionen sind bereits tot“, sagt Janta Meža. „Die wunderschönen Frühlingslieder aus Selonien zum Beispiel, mit Bordunbegleitstimme, können nur noch von Noten gelernt werden“. Die Saucējas haben diese Lieder rekonstruiert und auf eigene Weise interpretiert.

Auf traditionelle Weise akustisch singen sie mit dem Wind, Insekten, Vögeln, im Zusammenspiel mit dem Echo und der Weite des Raums. So nahmen sie ihr 2021 erschienenes Doppelalbum Dabā („In der Natur“) 2020 im Freien auf. Über vier Sommer hinweg arbeiteten sie an diesem originellen Projekt. Für die Sängerinnen, die alle aus einem städtischen Umfeld kommen, war es eine faszinierende Erfahrung, von frühmorgens bis spätabends in der Natur zu arbeiten, ob in der Kälte oder der brennenden Sonne, und dabei Insektengeräusche oder hin und wieder auch Regen aufzunehmen. „Wir haben mit Vögeln kommuniziert“, erzählt Vineta Romāne. „Kaum begannen wir mit der Aufnahme, meldete sich der Kuckuck: ‚Das ist mein Revier, was macht ihr hier!‘“, lacht sie. Kristīne Jansone berichtet von der hervorragenden Akustik, die etwa eine Wasseroberfläche oder der umgebende Wald erzeugten.

Wenn sie zur Mittsommernacht auftreten, flechten die Saucējas-Sängerinnen riesige Blumenkränze und kennen die Bedeutung der einzelnen Pflanzen genau. Einige sind giftig und können sogar lebensgefährlich sein. Früher durfte eine solche Kranzkrone nur eine junge, unverheiratete Frau tragen – als Symbol für Weiblichkeit und Fruchtbarkeit. Blumenkranzkronen für Männer werden aus Eichenblättern gefertigt und stehen für Strenge und ebenfalls Fruchtbarkeit. Und obwohl traditionell der polyfone Gesang Frauen vorbehalten ist, singen manchmal auch die Ehemänner, Freunde und Gäste mit, wenn die Saucējas alle zwei Jahre das Dabā-Festival organisieren – die nächste Ausgabe findet 2026 statt.

www.facebook.com/Saucejas

www.dainuskapis.lv 

Aktuelles Album:

Dabā (CPL-Music, 2021)

Aufmacher:
Saucējas in Rudolstadt 2025

Foto: Kat Pfeiffer

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