Tamala

Reisende im Leben und der Musik

14. April 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

Zwei Kulturen und zwei Instrumente, die sie repräsentieren. Auf der einen Seite Afrika und die Kora. Auf der anderen Seite Europa und die Violine. Dazu klassischer senegalesischer Gesang. Das afrikanisch-europäische Trio Tamala belebt die Tradition der Troubadoure mit einem einzigartigen Klang und geradezu mystischer Verbindung.
Text: Erik Prochnow

„Wir verbinden zwei Kulturen zu einem neuen Universum.“

„Wenn man in Afrika Lieder schreibt, dann weil man etwas zu sagen hat“, bringt Bao Sissoko seine Leidenschaft auf den Punkt. Und zu sagen hat der 51-jährige Senegalese, der in Brüssel lebt, viel. Der Meister auf der Kora, der westafrikanischen Harfenlaute, ist eines der drei Mitglieder von Tamala, einer der aufsehenerregendsten Weltmusikformationen derzeit. „Wir verbinden zwei Kulturen zu einem neuen Universum, um über die Dinge im Leben zu erzählen, die uns alle betreffen“, fährt der Belgier Wouter Vandenabeele fort, der in dem Trio Violine spielt. Vandenabeele war Mitglied des renommierten belgischen Folkensembles Ambrozijn und erwarb sich einen Namen mit der von ihm gegründeten World Big Band Olla Vogala, die er immer noch leitet. Dritter im Bunde ist der in Amsterdam lebende senegalesische Sänger Mola Sylla, der im Jazz sowie der Improvisation zu Hause ist und auch Filmmusik für Werner Herzog schuf. Während Sissoko und Vandenabeele für Tamala meist die Musik komponieren und arrangieren, schreibt der 65-jährige Sylla die tiefgründigen Texte. Zudem spielt er die Binnenspießlaute Xalam, Kalimba oder übernimmt die Percussion.

Was musikalisch auf den ersten Blick als großer Unterschied erscheint, entpuppt sich vom ersten Ton an als intensive Harmonie. Das Trio verbindet afrikanische und europäische Traditionen tatsächlich zu einer berührenden Einheit. „Die mittelalterlichen Troubadoure waren nichts anderes als die heutigen Liedermacher in Westafrika“, erläutert Vandenabeele, der klassische Violine studiert und sich anschließend auf dem Konservatorium in Brüssel intensiv mit Folk und Jazz auseinandergesetzt hat. 1999 wurde er von dem bekannten Musiker Abou Thiam zu einem Kulturprojekt in den Süden des Senegal eingeladen. „Die Musik und die Kultur dort öffneten mir ein ganz neues Fenster; diese Erfahrung war das fehlende Glied in meiner Karriere“, sagt der in Gent lebende 52-Jährige. Auf der anschließenden Tour durch Europa mit der Gruppe Ngaari Laaw lernte er in Brüssel Bao Sissoko kennen, der ebenfalls eng mit Thiam zusammenarbeitete. Sie wurden Freunde, nahmen Alben mit anderen Künstlerinnen und Künstlern wie Issa Sow oder Mami Kanouté auf und begannen als Duo aufzutreten.

„Ich mochte sofort Wouters einfühlsame Musik“, schildert Sissoko ihre erste Begegnung. Der hochgewachsene Musiker stammt genauso wie Molla Sylla aus einer Griotfamilie. Der Begriff bezeichnet in den westafrikanischen Staaten Senegal, Mali, Gambia, Guinea und Burkina Faso die Klasse oder Zunft der berufsmäßigen Sänger, Dichter und Instrumentalisten. „Unsere Aufgabe ist es, Geschichten über die Menschen zu erzählen und traditionelles Wissen, die Erfahrungen der Vorfahren weiterzugeben“, erklärt Sissoko. Sein Vater war ebenfalls Koraspieler, seine Mutter Sängerin. Schon früh erfasste daher auch ihn die Begeisterung für Musik, und er lernte von seinem Vater. Mit achtzehn begann er schließlich am Konservatorium in Dakar zu studieren. Seit dem Jahr 2000 lebt Sissoko in Brüssel. Durch seine vielen Auftritte mit Vandenabeele und seine Freundschaft mit Sylla kam ihm schließlich die Idee für Tamala, was auf Senegalesisch „Reisende“ bedeutet. Und Reisende im Leben und in der Musik sind sie alle drei.

Doch erst 2016 nahm das gemeinsame Projekt richtig Fahrt auf. „Ich hatte mehrere Jahre Peter Van Rompaey, den ich von gemeinsamen Produktionen her kannte, vorgeschlagen, ein Album mit uns zu machen, aber er zögerte“, schildert Sissoko die schwierige Anfangsphase. Van Rompaey ist Leiter der Brüsseler Non-Profit-Organisation Muziekpublique, die sich seit Jahren einen Namen mit herausragenden Veröffentlichungen und Projekten in der Weltmusik erworben hat (siehe folker #2.17). Dann organisierte er ein Konzert der drei in einer alten Bibliothek und war elektrisiert. „Es war ein magischer Abend, und Peter sagte anschließend, wir seien eine wirkliche Band und dass er uns produzieren wolle“, blickt Vandenabeele zurück.

Während ihr erstes Werk Tamala aus dem Jahr 2017 noch hauptsächlich von improvisatorischem Zusammenspiel geprägt war, besticht der im vergangenen Herbst erschienene Nachfolger Lumba („Der große Tag“) durch seine Vielfalt. Es ist nicht nur die Virtuosität, die in den Bann zieht, sondern vor allem die bezaubernde Harmonie zwischen Kora, Violine und Syllas ausdrucksstarkem Gesang in der Tradition der Griots. Zudem verschmelzen hypnotische afrikanische Rhythmen mit klassischen westlichen Elementen, Blues, Jazz, orientalischer Musik, Gospel oder Folk Nordeuropas. Es sind aber vor allem die von Sylla vorgetragenen Geschichten, die unter die Haut gehen. Die Grundthemen des Albums sind Liebe, Natur, Bildung und die notwendige Veränderung der Menschheit. „Lumba ist der große Tag, um von den Vorfahren zu lernen und in Harmonie mit der Erde und der Natur zu leben“, singt Sylla. Er übt aber auch Kritik an der noch praktizierten Vielehe im Senegal, der ungerechten Verteilung von Reichtum, der dringenden Verbindung zwischen den Religionen, dem Schicksal der vielen armen Straßenkinder in Afrika sowie der Verantwortung des Einzelnen, die Augen vor den Problemen der Welt nicht zu verschließen. „Wir wollten nicht einfach afrikanische Musik kopieren, sondern eine Sprache finden, welche die Tradition respektiert, sie mit der Moderne in Einklang bringt und zeigt, was uns alle verbindet“, fasst Vandenabeele die Intention ihrer Musik zusammen und ergänzt: „Denn am Ende stehen nicht zwei Instrumente wie Kora und Violine, sondern ein Klang, und nicht zwei Kulturen, sondern nur Menschen, die sich begegnen.“

Aktuelles Album:

Lumba (Muziekpublique, 2021)

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