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Aspekte von Machtmissbrauch in der Musikszene

8. März 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Wir erinnern uns: Im November 2025 war Konstantin Wecker in den Schlagzeilen. Der prominente Sänger führte laut Recherchen der Süddeutschen Zeitung in den Jahren 2011, 2012, eine manipulative intime Bekanntschaft mit einer 15-jährigen Schülerin. Er war damals 63 Jahre alt. Der folker veröffentlichte dazu einen Kommentar, und die Redaktion fragte sich, wie es generell, vor allem auch in der Lieder- und Folkszene in diesem Zusammenhang aussieht. Welche Formen von Machtmissbrauch gibt es?

Text: Petra Rieß

„You are wild, and you must remember!” 2017 veröffentlichte die britische Folkpopmusikerin Laura Marling ihren Song „Wild Once“ auf dem Album Semper Femina. Die von ihr beschworene weibliche Kraft und den Wunsch nach Unabhängigkeit haben vor ihr Musikerinnen wie Kate Bush oder Loreena McKennitt gelebt, indem sie sich weitgehend unabhängig von den herrschenden, überwiegend männlichen Machtstrukturen im Musikbusiness machten.

Anfang des Jahres 2026 sagt die Sängerin, Komponistin und Bandleaderin Dota Kehr im folker-Interview, dass sie beim Thema Machtmissbrauch weniger an Konstantin Wecker oder Rammstein-Sänger Till Lindemann als an Daniel Ek, den Chef von Spotify, und andere „Techbros“ (Zitat Kehr) denke. „Hier sehe ich das krasse Machtgefälle, aber keine Struktur, mit der ich persönlich in Kontakt trete. Da fühlt man sich, als hätte man gar keine Macht und wird nur ausgebeutet. In allen anderen Strukturen, in denen, die ich mir selber geschaffen habe, bin ich sehr unabhängig.“ Kehr managt sich selbst, hat ihre eigene Plattenfirma, und um das Booking kümmert sich der Gitarrist der Gruppe. „In meiner Band sind nur Männer, aber wir haben ein Verhältnis auf Augenhöhe. Deswegen kann ich aus meiner persönlichen Perspektive gar nicht so viel zu dem Thema berichten, aber vielleicht ist es ja auch wichtig für ein ausgewogenes Bild, dass das ebenfalls vorkommt.“

„Vor allem im Festivalbereich manifestiert sich männliche Dominanz im Geschäft.“

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Dota Kehr steht beispielhaft für viele Künstlerinnen, die erfolgreich ihren Weg als Musikerinnen gehen und versuchen, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen – so wie ihre männlichen Kollegen. Dass auch diese mit dem Druck der Musikindustrie, den sich ständig verändernden Produktions- und Verbreitungsbedingungen umgehen müssen, steht außer Frage. Kehr räumt ein, dass diese Unabhängigkeit auch ihren Preis hätte. Auftritte bei großen Festivals würden von Veranstaltenden meist über Agenturen gebucht, sagt sie. Wer keine habe, komme schwerer an solche prestigeträchtigen Engagements, bei denen man das „Publikum quasi schon vor die Nase gestellt bekommt“. Da gäbe es ungeheuer viel „Machtgeschacher und Gepoker“, findet Kehr, und gerade im Festivalbereich manifestiere sich männliche Dominanz im Geschäft viel mehr. „Wenn ich meine Clubtouren spiele, fühle ich das überhaupt nicht.“

Dota Kehr

Foto: Annika Weinthal

Folkgeigerin Sabrina Palm hat im Hinblick auf Festivals ähnliches erlebt. „Wenn man sich dort bewirbt, heißt es häufiger: ‚Wir haben schon eine Band mit Frauen!‘ Der Platz ist also quasi besetzt, und sie könnten nächstes Jahr noch mal schauen …“, sagt sie. Würden Frauen das Booking machen, sei das nicht der Fall. „Die besetzen ihre Programme paritätisch.“ Die klassisch ausgebildete Geigerin und Folkmusikerin hat 2008 als erste Deutsche die Prüfung zur Lehrperson für traditionelle Musik (TTCT) in Dublin bestanden. Sie ergänzt: „Ich muss dazusagen, dass ich bisher nicht auf größeren Festivaltourneen unterwegs war, aber man merkt als Frau durchaus, dass in Bezug auf uns Aussehen einen höheren Stellenwert hat, als dies in Bezug auf Männer der Fall ist. Zum einen geht es um den Körper, die Körperform, die Kleidung. Aber durchaus auch Dinge wie den Gesichtsausdruck – wenn du als Frau nicht lächelst, wirst du sofort als griesgrämig wahrgenommen. Tut das ein Mann nicht, ist er konzentriert – da merkt man schon einen Unterschied.“

Viele Rollenklischees halten sich zudem offenbar hartnäckig. Zwar gäbe es viele Kollegen, so Palm, mit denen man richtig gut zusammenarbeiten könne, doch manchmal müsse sie schon genervt den Kopf schütteln: „Zum Beispiel, wenn einem im Bereich Technik nichts zugetraut wird.“ Palm ist Vorstandsmitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und Referentin im Leitungsteam des Jugendfolkorchesters (JFO) Deutschland. „Ich bin Musiklehrerin und arbeite mit Folkbands, jüngeren Menschen und auch im JFO mit Leuten im Alter bis dreißig Jahre, und da merke ich, dass bei jüngeren Männern sehr viel mehr auf Augenhöhe gehandelt wird. Für die ist es viel selbstverständlicher, dass Frauen gleichwertige Rollen auf der Bühne haben, und zwar nicht nur als Sängerinnen, sondern auch als Musikerinnen im Backingbereich – Gitarre, Bass –, und mit der Technik souverän umgehen können. Ich finde es schön zu sehen, dass da durchaus ein Wandel im Denken stattfindet.“

„Sexuelle Gewalt und Belästigung innerhalb der Folkszene sind bekannt, aber oft normalisiert und selten anerkannt oder geahndet.“

Aktuelle Studie aus Schottland

Sabrina Palm

Foto: Kay-Uwe Fischer

Machtmissbrauch, ob finanziell, ideologisch oder emotional, setzt in jedem Fall Abhängigkeit voraus, denn nur so entsteht die Möglichkeit, Macht auszuüben. Es gäbe eben viele Gatekeeper, schließt Palm, die ihre Position ausnutzen, um Musikerinnen in eine Position des Bittstellens zu manövrieren. Das hätte schon etwas Missbräuchliches.

Frauen- und Männerbilder haben sich im Laufe der Geschichte verändert. In alten Liedtexten werden sie immer noch transportiert. Wie geht man damit um? Beim ersten Nordfolkfestival 2025 in Hamburg gab Peggy Luck, Folkmusikerin, Musikwissenschaftlerin und seit 2023 Vorsitzende des Verbands Profolk, einen Workshop zum Thema „Mit der Tradition ringen“. Ein Aspekt war dabei die kritische Auseinandersetzung mit frauenfeindlichen Texten, die Teil nicht nur des deutschen Folkerbes sind. Und was passiert, wenn ein Künstler seinen Namen, seine Prominenz nutzt, um sexuelle Übergriffe sogar an ganz jungen Menschen zu verüben, lässt sich am Fall Kurt Demmler verdeutlichen. 2009 hatte sich der bekannte ostdeutsche Liedermacher und Texter in Untersuchungshaft das Leben genommen, nachdem die Staatsanwaltschaft dem zweifachen Familienvater vielfachen sexuellen Missbrauch zur Last gelegt hatte. Die Opfer seien Mädchen gewesen, die zu Castings für eine Band gekommen waren.

Cover

Sonja Eismann

Die Literaturliste zum Thema Sexismus in der Musikbranche ist lang und geht durch fast alle Genres, von der Klassik über Jazz und Pop bis Rock und Hip-Hop. Im September 2025 erschien etwa in der Edition Nautilus das Buch Candy Girls – Sexismus in der Musikindustrie der Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Sonja Eismann, die auf knapp zweihundert Seiten die Rolle von Frauen in der Musikindustrie als Künstlerinnen, Fans und Groupies kritisch untersucht, beispielhaft Songtexte analysiert, auch die Formen des Musikjournalismus. Kurz zusammengefasst: Warum sollten patriarchale Machtstrukturen vor der Musik Halt machen?

Ähnliche Untersuchungen scheint es für die Folkszene, zumindest in Deutschland, nicht zu geben. In Schottland hingegen ist im Januar 2026 eine wissenschaftliche Studie der Universität Glasgow veröffentlicht worden, die auch die Aufmerksamkeit der BBC erregte: Women’s Experiences of Sexual Violence and Harassment in Scottish Folk Music. Die Umfrage unter insgesamt 409 Frauen – die meisten davon Musikerinnen, Lehrerinnen oder Studentinnen – ergab, dass 81 Prozent von ihnen Formen von Missbrauch erlebt hatten. Dazu zählt auch der Druck, sich einem überwiegend von Männern gestalteten Umfeld anpassen zu müssen. Das Phänomen „Boys Club“ sorgt dafür, dass Frauen unangemessenes Verhalten tolerieren oder schweigen, um ihre Karriere aufrechtzuerhalten. Sogar Männer, die ihre Kolleginnen unterstützen wollten, erlebten laut der Studie Ausgrenzung. So wird ein Mann zitiert, der in der schottischen Folkszene arbeitet: „Ich versuche, meine Meinung zu sagen und Dinge anzusprechen, aber manchmal bin ich nur eine kleine Stimme in einer großen Gruppe von ‚Jungs‘ und werde überstimmt.“ Im Schlusswort der Studie, die von Mai bis Dezember 2025 durchgeführt wurde, heißt es: „Während viele Teilnehmerinnen die Folkszene als ‚kreativ‘, ‚fördernd‘ und ‚kulturell wichtig‘ beschrieben, stehen diesen positiven Erfahrungen solche mit sexueller Gewalt und Belästigung gegenüber, die die Sicherheit, Würde und Inklusion von Frauen untergraben. […] Sexuelle Gewalt und Belästigung wurden als ‚offenes Geheimnis‘ innerhalb der Folkszene beschrieben – bekannt, aber oft durch Schweigen oder Verharmlosung normalisiert und selten offiziell anerkannt oder mit nennenswerten Konsequenzen geahndet.“

„In Bezug auf Frauen hat Aussehen einen höheren Stellenwert, als dies in Bezug auf Männer der Fall ist.“

Dieses Schweigen hat im August 2025 die britische Folkmusikerin Eliza Carthy im Magazin Songlines durchbrochen. Auch sie habe seit ihrem vierzehnten Lebensjahr sexuelle Belästigungen in der Folkszene erfahren, erklärte sie, und später, als Musikerin und Mutter, habe man ihr immer wieder nahegelegt, dieses „Hobby“ doch aufzugeben, um „ganz Mutter“ sein zu können. Unterstützung von ihrem Ehemann bekam sie nicht.

Wie können Lösungen aussehen? Immer mehr Festivals bieten beispielsweise sogenannte „Awareness Points“ an, Rückzugsorte, an denen Festivalbesuchende Hilfe finden, wenn sie sich unsicher, bedroht oder belästigt fühlen – und das gilt nicht nur für Frauen. Wo in anderen Lebens- und Arbeitsbereichen längst Strukturen gegen Diskriminierung oder Übergriffe eingeführt sind, und Täter mit Konsequenzen rechnen müssen, gibt es diese in der Festival- und Konzertszene noch nicht ausreichend. Dafür muss sich das Bewusstsein weiter verändern – helfende Netzwerke müssen weiter ausgebaut werden. Geschichten, wie die um Konstantin Wecker, zahlen auf diese gesellschaftliche Entwicklung ein. Solche Geschichten waren niemals gut, aber heute können – und müssen – wir sie erzählen.

Linktipp: www.sccjr.ac.uk/publication/women-musicians-experiences-scottish-folk-music

Aufmacher:
Eliza Carthy

Foto: Judith Burrows

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