Auf den Punkt #2: Fjarill

„Musik hat kein Geschlecht. ...“

10. Mai 2022

Lesezeit: 2 Minute(n)

„… Sie ist poetisch und steht über dem Wort.“

„Musik hat kein Geschlecht. Sie ist poetisch und steht über dem Wort“, sagt Aino Löwenmark, 49, die schwedische Hälfte des Hamburger Duos Fjarill. Und ihr südafrikanischer Counterpart, Hanmari Spiegel, 47, ergänzt: „Musik entsteht aus dem Augenblick; sie ist voller unterschiedlicher Stimmungen, Farben und Energien, die sich ständig ändern und für uns intuitiv entstehen. Da geht es um Menschen, nicht um Geschlechter.“

Was für die beiden Musikerinnen so selbstverständlich ist, erleben sie im Alltag und seit Beginn ihrer musikalischen Karriere 2004 jedoch oft anders. „Generell gibt es eine unterschwellige Gewohnheit zum Vorurteil gegenüber Frauen“, sagt die Sängerin und Pianistin Löwenmark. Für die beiden „Schmetterlinge“ (fjäril auf Schwedisch) orientiert sich das traditionelle gesellschaftliche Frauenbild zu sehr an Empfängnis und Fürsorge. Entspreche man dem nicht, gelte man gleich als egoistisch. „Wenn man sich als Frau durchsetzen will und muss, gilt das oft als Zeichen, launisch und schwierig zu sein. Man wird dann schnell als Diva bezeichnet“, weiß Violinistin Spiegel.

So haben die beiden Künstlerinnen gerade im Umgang mit Technikern bei Bühnenaufbau und Tonabstimmung immer wieder Gegenwind erfahren. Oft wurden sie nicht ernst genommen. Einer der größten Kritikpunkte am aktuellen Frauenbild ist für sie jedoch, dass Frauen oft nur unter dem Gesichtspunkt der Schönheit betrachtet werden. „Es gibt kaum Frauenbands, bis auf die Frontsängerin sind meist alle Musiker Männer“, so Löwenmark. Das gängige Frauenbild führe auch dazu, dass die Frauen sich selbst falsch sähen und viel zu schnell nachgäben. Hanmari Spiegel: „Wir wollten einfach Musik machen und haben oft für wenig Geld gespielt.“ Wie viele Frauen tat sich auch das Duo lange Zeit schwer, für die eigenen Interessen deutlich einzustehen und etwa hart um Gagen zu verhandeln. „Es ist wichtig zu lernen, Geschäftsfrau zu sein“, mahnt Löwenmark. „Männer können viel leichter das Emotionale vom Geschäftlichen trennen.“

Ein Grund für die Zurückhaltung der Frauen mag aus Sicht der Hamburgerinnen auch ihr größeres Einfühlungsvermögen, ihre größere Solidarität sein. „Für Frauen ist von Natur aus jeder Tag anders, deshalb sind sie flexibler und suchen viel mehr den Dialog mit sich und der Umwelt“, ist sich Löwenmark sicher. Das Fürsorgliche werde in der Gesellschaft jedoch häufig eher negativ bewertet. Ein weiteres großes Problem sehen die beiden in der noch immer häufig nicht bestehenden finanziellen Gleichstellung mit Männern, die oft dazu führe, dass Frauen sich eher um die Kinder und den Haushalt kümmerten. „Geld bedeutet Freiheit, gerade für Frauen“, fügt Spiegel hinzu. Die Musikerinnen machen sich daher auch für ein Grundeinkommen und höhere Gagen für Frauen stark. Zudem sollte es mehr Festivals nur für Frauen geben und bei der Besetzung von Festivals grundsätzlich eine Frauenquote eingeführt werden. „Festivals mit neunzig Prozent Männeranteil sollte man boykottieren“, fordert Löwenmark. Ob Gendern ein Mittel zur Geschlechtergerechtigkeit sein könne, sind die beiden Künstlerinnen skeptisch. Die Diskussion begrüßten sie, aber es werde dann mehr zu einem Kampf. Hanmari Spiegel: „Ich glaube nicht, dass sich dadurch das Verhalten ändert; ein wirklicher Wandel muss tiefer in der Bildung stattfinden.“

 Erik Prochnow

fjarill.de

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