Vielfältig, überbordend, freiheitsliebend

Äl Jawala feiern ihr 22-jähriges Bandjubiläum

16. Mai 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

Ob sie auf dem Festival du monde Arabe in Montreal spielen oder in Shanghai, in der Freiburger Fußgängerzone oder am Schwarzen Meer in einer Liveübertragung des rumänischen Fernsehens, die Weltmusiknomaden aus dem Breisgau wissen um das Potenzial ihrer Musik. Das 20-jährige Jubiläum Äl Jawalas konnte wegen der Pandemie nicht gefeiert werden, nun zelebrieren sie ihr 22. umso intensiver.
Text: Stefan Sell

Äl Jawala

Foto: Francesca Amann

Äl Jawala, das sind urbane „Balkan Big Beatz“, über denen ohrenschmeichelnde Melodien swingend schweben. Seit 22 Jahren gelingt der Band eine fette, facettenreiche Mixtur aus Afrosounds, Funk, jazzig angehauchtem Derwisch-Dancefloor und groovenden Bukowina-Bläsersätzen. Mit den orchestralen Vibes der Saxofone, den ausgefeilten Beats, Percussions und Basslinien stehen sie für Musikalität mit garantiert hundertprozentiger Lebensfreude. Heute spielen sie wieder in ihrer Urbesetzung als Quartett: Steffi Schimmer, Gesang und Altsaxofon, Markus Schumacher, Percussion, Synthies und Drums, Krischan Lukanow, Tenorsaxofon, und, last but not least, Daniel Pellegrini, Percussion, Drums, Digeridoo.

2000 trafen sich die glorreichen vier in WG-Küchen, am Lagerfeuer und jammten aus purer Freude. Im Interview beschreibt Markus Schumacher das so: „Wir sind gleich nach der ersten Probe auf die Straße gegangen in die Freiburger Fußgängerzone und haben einfach improvisiert. Es kamen total viele Leute, und es kam sehr gut an. Vor allem hat es einen Riesenspaß gemacht. ‚Das machen wir nächste Woche wieder!‘, haben wir gleich gesagt.“ Steffi Schimmer ergänzt: „Die Leute wollten CDs, wollten unsere Sounds mitnehmen. Mit einem Freund haben wir fünf Tracks aufgenommen und am Rechner unserer Mitbewohnerin gebrannt.“

„Das machen wir nächste Woche wieder!“, bis heute könnte das ihr Bandmotto sein. Was sie an der Straßenmusik liebten, erklärt Schimmer so: „Auf der Straße gibt es nicht den Druck wie im Konzert. Die Leute kommen ohne Erwartungshaltung. Es bleiben die stehen, die wir mit unserer Musik erreichen, und man bekommt sofort Feedback. Unserer Band ermöglichte das viel Spielroutine. Wir konnten so unsere Stücke wahnsinnig schnell entwickeln.“ Aus den Straßenpartys wurden immer größere Konzerte in Sälen, Hallen und bei riesigen Open-Air-Events.

Markus Schumacher erzählt, wie Äl Jawala im Jubiläumsjahr 2020 durch die Pandemie kamen. „Natürlich hatten wir viel geplant. Alles wurde abgesagt. Wir planten neu. Wieder wurde abgesagt. Von alldem, in das wir unsere Energie hineingelegt hatten, blieben plötzlich nur noch Fragezeichen. Doch wir haben die Zeit genutzt.“ Steffi Schimmer fährt fort: „Was Resilienz betrifft, ist jeder anders aufgestellt. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so gefühlt wie in diesen ersten vier Monaten. Plötzlich war, was ich zwanzig Jahre lang als meinen Lebensmittelpunkt gesehen hatte, Musik, die ich geliebt hatte, einfach beendet. Doch in jeder Misere liegt eine Chance.“

Äl Jawala 2022

Foto: Felix Groteloh

Resilienz scheint Teil ihrer Geschichte zu sein. Egal was passiert, die Band macht weiter, ob Bandscheibenvorfall oder hohes Fieber. Wie kam es zu diesem Konsens? Steffi Schimmer: „Wir haben uns das nie gegenseitig so erklärt. Es gab nie einen Gründungsmoment, der besagte, gleich den Musketieren durch dick und dünn! Es ist einfach eine spezielle Energie, die wir unausgesprochen in dieser Urbesetzung als Quartett entdeckt haben. Wir sind Freunde und haben die gleiche Ernsthaftigkeit. Zusammen sind wir größer als jeder Einzelne von uns.“

So entstanden ein Best-of-Jubiläumsalbum, I Way To Äl, und ein gleichnamiger Jubiläumsfilm, den die Äl Jawalas zusammen mit Aljoscha Hofmann fertiggestellt haben. Er erzählt ihre 22-jährige Bandgeschichte in einer halben Stunde großartig und sehenswert. Zusammengefunden haben die vier im Raum Emmendingen nahe Freiburg. Man könnte an Liverpool denken und von den „Freiburger Fab Four“ sprechen. Dann wären Schimmer und Schumacher Lennon und McCartney. Kommt es da neben kooperativer Kreativität auch zu Spannungen? Dazu Markus Schumacher: „Klar, das ist so. Aber durch dieses Spannungsverhältnis ist viel entstanden. Wir beide waren eigentlich immer die Antriebsmotoren. Es hat nicht nur einmal gekracht. Inzwischen wissen wir voneinander, wer welche Stärken hat.“ Dem stimmt Steffi Schimmer zu. „Dinge zu antizipieren, sich darüber auszutauschen, was für uns richtungsweisend ist, das können wir heute sehr gut. Obwohl alle Entscheidungen von allen getragen werden, haben Markus und ich vorab meistens schon einen Diskurs darüber, was als Nächstes geschehen soll.“

Äl Jawala live

Foto: Sebastian Meyer Zapppic

„Musik wird größer, je mehr sie gespielt wird.“

Äl Jawala kommen aus Deutschland, ihr Name ist arabisch und bedeutet „die Wandernden“, sie spielen mit afrikanisch-arabischen Klängen und Rhythmen Musik des Balkans und reisen durch die Welt. Ist das Kulturaustausch oder kulturelle Aneignung? Darauf reagiert Schumacher sofort. „Als das Thema aufkam, habe ich tatsächlich selbst gedacht: Ist das, was wir machen, kulturelle Aneignung? Ich finde, Musik wird größer, je mehr sie gespielt wird. Ich nehme niemandem etwas weg, indem ich Elemente aus einer anderen Kultur aufgreife.“ Auch Schimmer hat eine klare Position. „Ist es kulturelle Aneignung, wenn Fanfare Ciocarlia als rumänische Dorfkapelle plötzlich anfangen, das James-Bond-Thema zu spielen, oder Deutsche Kung-Fu trainieren? Wo fängt kulturelle Aneignung an und wo hört sie auf? Bevor ich Musik gemacht habe, habe ich Ethnologie und soziale Anthropologie studiert. Mein Mann ist Jamaikaner, die Hälfte meines Freundeskreises aus Westafrika. Dazu kommen die Reiseerfahrungen mit der Band. Ich finde diese Diskussion stellt sich auf eine fast mittelalterliche Basis, die jeden dahin zwingt und definiert, wo er zufällig auf die Welt kam. Das ganze Leben, die komplette kulturelle Menschheitsgeschichte ist ein Nonstop von Wanderung, Migration, Austausch.“

Die Weltreisenden Äl Jawala traten mit Emir Kusturicas No Smoking Orchestra auf, waren als Supportact von Fanfare Ciocarlia, Mahala Rai Banda und Mariza in Rumänien – das klingt weniger nach Aneignung als nach Austausch. Und das wird in diesem Jahr Woche für Woche wieder und wieder gefeiert.

Aktuelles Album:

I Way To Äl (Jawa Records, 2022)

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