Mein Pantheon ist kein gendergerechter Ort

Hausheilige, Nonkonformismus und Rollenmodelle – ein Privilegiencheck

10. Mai 2022

Lesezeit: 3 Minute(n)

Ob ich denn gar keine MusikerINNEN zum Vorbild hätte, fragt mich letztes Jahr eine Musikjournalistin – überraschend überraschend, im 28. Jahr meiner Laufbahn. So abwegig ist das ja nicht. Ich verstehe die Perspektive, aus der die Frage vielleicht interessant ist.
Text: Krazy

Noch interessanter wäre freilich, warum sie mir bisher nie gestellt wurde … Wieso ich diesen Umstand persönlich als Erfolg verbuche. Ob es eine Regung des feministischen Hausverstands ist oder doch der Phantomschmerz eines Privilegverlustes, dass bei mir statt intersektionell-aufgeklärter Selbstverständlichkeit gerade der Bullshit-Alarm einsetzt. Ob, wo wir einmal dabei sind, ein männlicher Musiker je nach weiblichen Vorbildern gefragt wird? Ob das gesonderte Nennen von MusikerINNEN nicht genau das Problem reproduziert, gegen das es vorgehen möchte? Ob man einen tradierten Sexismus mit einem anderen biologistischen Unfug aus der Welt schafft? … Woher dieser heftige Impuls gegen gruppenbezogenes Einverständnis kommt, bei mir. Wie ich davon ausgehen konnte, die Standardfrage zu Hausheiligen einfach nach Sachlage beantworten zu dürfen. Wie ich es geschafft habe, mich jahrelang sicher zu wähnen vor Quoten, so als Individuum.

Aber all das bleibt ungefragt im Raum stehen, und ich suche den Ausgang zum weiteren Interview mit einem Bekenntnis zu Patti Smith – und komme leider damit nicht durch. Als würde Patti nicht wirklich zählen. Wenn ich richtig liege, zählt sie für mich nach demselben Muster auch nicht und war deswegen mein Joker. Patti wollte nach eigener Aussage als junger Hund „aussehen wie Keith Richards, gehen wie Bob Dylan“. So bin auch ich diese Dinge angegangen: Habe von Männern gelernt, gelesen, gehört, mir die Moves zeigen und den Weg leuchten lassen. Mein Pantheon ist kein gendergerechter Ort. Sorry, not sorry.

Die Gründe dafür werden heute in Seminaren besprochen, lassen sich aber auch am Küchentisch herleiten. Das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts, das mich sozialisiert hat, war formal schon aufgeklärt, aber in der Praxis noch übersichtlich sexistisch: Männer waren kreativ und spielten in Bands, Frauen waren Motiv, helfende Hände und Publikum. Sich unter diesen Umständen mehr an die Brüder auf der Bühne zu halten als an die Schwestern im Saal, kann als vernünftig gelten, entsprach aber auch der Punk-Tugend des Nonkonformismus.

Die Identifikation als „one of the boys“ beschreiben J. Press und S. Reynolds in Sex Revolts – Gender, Rock und Rebellion als eine Überlebensstrategie von Künstlerinnen im männlich dominierten Showzirkus. Das kann ich kaum widerlegen. Eine wichtige Voraussetzung für meinen langen Weg über die Straße zur Bühne war, das Konzept der Gruppenzugehörigkeit nach Geschlecht nicht auf mich zu beziehen und mich ohne Skrupel im Repertoire männlich konnotierter Verhaltensweisen zu bedienen. Eine andere, niemals das Frauenticket zu nehmen, soziale Dissonanzen mit dem feministischen Hausverstand auszuhalten und nach außen aufkommende Irritationen zu begrüßen. Wo ich nicht als einer der Jungs durchging, war ich eine lebende Demonstration für ein Frauenbild, das ich selbst nicht hatte.

Dass unser angehendes Jahrzehnt ein gerechteres werden möchte, mehr MusikerINNEN die Bühnen bevölkern und den nächsten Generationen ein breiteres Spektrum an Rollenmodellen zur Verfügung steht: Dazu habe ich dann doch in meiner Nussschale beigetragen und stehe weiter zur Verfügung, als Beispiel einer Künstlerin, deren Vorbilder eben Männer sind.

KRAZY (*1972), Sängerin, Songautorin, Bohémienne. In Köln wohnhaft, im Wort zu Hause, in Musik unterwegs – so weit, wie die Show will. Aktuelles Album Seifenblasenmaschine (Timezone, 2020; Produzent: Danny Dziuk).

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