Tamara Obrovac

Irgendwie dazwischen

10. Juni 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

folker präsentiert: 

Das Bild von den zwei Stühlen, zwischen denen jemand sitzt, reicht für Tamara Obrovac bei Weitem nicht aus. Es ist schon eine ganze Sitzgruppe, die der Sängerin aus Istrien zur Wahl steht, wenn es darum geht, wo sie Platz nehmen will – oder eben nicht. Aber Eindeutigkeit wäre doch auch langweilig, und dass sie das wäre, kann man der Sechzigjährigen nun wirklich nicht nachsagen.
Text: Guido Diesing

Kroatien. Da setzt bei vielen die Assoziationskette ein: Ex-Jugoslawien, Balkan, Brassbands – rein in die Schublade. Dass solche Klischees oft nicht mal die halbe Wahrheit sind, ist klar, aber nur selten liegen sie so komplett daneben wie bei Tamara Obrovac. Zunächst mal stammt die Sängerin aus Istrien, der Halbinsel im äußersten Westen Kroatiens. Und wenn Kroatien sich mit Stilen wie der Tamburicamusik bereits von anderen Balkantraditionen abhebt, so gilt das für Istrien noch mehr. „Innerhalb der Balkanmusik nimmt Istrien eine Sonderrolle ein“, erläutert Obrovac. „Zwischen den Kulturen der übrigen Teile Kroatiens sowie Mazedoniens, Bosniens und Serbiens gibt es Gemeinsamkeiten der musikalischen Sprache, nicht aber mit Istrien. Es gehört auch in geografischer Hinsicht nicht zum Balkan, sondern als Halbinsel an der nördlichen Adria zum Mittelmeerraum.“

Tamara Obrovac bezieht sich nicht explizit auf traditionelle Musik und sagt über sich selbst, sie sei ein Kind des Jazz, trotzdem sieht sie ihre Herkunft als entscheidend für ihre Musik an. „Ich habe mich nicht in ethnomusikologischer Hinsicht mit istrischer Musik befasst, ich erforsche den istrischen Geist, weil es mein eigener Geist ist. Hier, wo ich herkomme, kann ich ihn überall spüren, nicht nur in der Musik. Er ist die Hauptquelle meines Ausdrucks als Komponistin und Sängerin, etwa über die Sprachmelodie. Es ist für mich natürlicher und ehrlicher, in meinem eigenen Dialekt zu singen als in Englisch.“ Dass ihre Positionierung zwischen Jazz und globaler Musik beim Publikum für Irritationen sorgen kann, ist sie gewohnt. „Ich sage immer, wir sind zu sehr World für Jazzfestivals und zu sehr Jazz für World-Music-Festivals. Wir sind auch schon oft als Balkanmusik eingeordnet worden, was nicht überrascht, weil wir in Improvisationen mit solchen Elementen spielen, wobei wir sie eher als Zitat einsetzen. Vielleicht sind wir zu nah, um exotisch zu sein, und zu weit entfernt, um vertraut zu sein. Wir sind irgendwie dazwischen.“

»Der istrische Geist ist die Hauptquelle meines Ausdrucks als Komponistin und Sängerin.«

Besonders deutlich wird das in der Musik ihrer Hauptband, des Transhistria Ensembles, mit dem sie in der Besetzung mit akustischer Gitarre, Akkordeon, Kontrabass, Schlagzeug und Gesang beim Rudolstadt-Festival zu erleben sein wird. „Es ist eine Band mit Weltmusiksound, aber Jazzgehalt. So spielen wir nie einen Song zweimal auf dieselbe Art. Wir sind jetzt fast zwanzig Jahre in gleicher Besetzung zusammen und verstehen uns wirklich gut. Es sind alles sehr talentierte Musiker, sodass wir eine Menge verschiedener Idiome nutzen können. Ich denke, das passt schon mit Rudolstadt.“

Einen guten Eindruck von der Experimentierfreudigkeit des Ensembles bietet das Projekt „Transhistria Deconstructed/Reconstructed“, das auf Youtube dokumentiert ist. Dafür gab Obrovac zunächst mit allen vier Bandmitgliedern je ein Duokonzert und setzte die Band abschließend im Sommer 2021 wieder in voller Stärke und mit den zuvor in den Duetten gewonnenen Erkenntnissen zusammen. Sie erinnert sich: „Als es in der Coronazeit mit den ganzen Livestreams losging, weil man keine Konzerte mehr geben konnte, hatten wir die Idee, dass die Dekonstruktion und anschließende Rekonstruktion des Ensembles ein praktikables Konzept sein würde, weil es wegen der Coronamaßnahmen schwierig war, viele Beteiligte an einen Ort zu bekommen. Es war auch in musikalischer Hinsicht interessant. Das Spielen in Duetten brachte sehr andersartige Versionen mancher Songs hervor. Ich hatte vorher nie im Duo nur mit Schlagzeug oder Bass gesungen. Es war ein schönes Projekt, produktionstechnisch sehr anspruchsvoll, mit mehreren Kameras und Drohnen, um auch die Schönheit Istriens zeigen zu können, aber der Aufwand hat sich gelohnt.“

Ein weiteres bemerkenswertes Projekt nimmt bereits Gestalt an. Unter dem Titel „Transhistria Soundscapes“ hat Tamara Obrovac verschiedene Regionen Istriens in einer Klangcollage musikalisch porträtiert. Gesang und Instrumente, darunter ein Streichquartett, das für den roten Faden sorgt, mischen sich mit elektronischen Klängen und Aufnahmen traditioneller Musik aus ferner Vergangenheit zu stimmungsvollen Klanglandschaften. Auch das eine Folge der Pandemie. „Es ist ein eklektisches Projekt, in dem ich alles zusammenbringe, was meine Arbeit als Komponistin für Bands, aber auch fürs Theater ausmacht. Gerade zu Beginn der Coronazeit fand ich die Stille auffallend, das Verschwinden der zivilisatorischen Klänge. Leere Straßen ohne Autos, eine fast apokalyptische und gleichzeitig poetische Stimmung. Ich habe begonnen, die Klänge der Natur in einer neuen Art wahrzunehmen, und ständig Aufnahmen gemacht. Das alles habe ich in eine Struktur gebracht, in der sich nichts wiederholt – eine Art musikalischer Gedankenfluss. Einen Monat habe ich dafür von morgens bis in die Nacht am Keyboard und am Computer gesessen und es sehr genossen, weil ich vorher nie Zeit gehabt hätte, so etwas für mich zu machen. Diese Art von Musik habe ich sonst nur für Filme oder Theaterstücke geschrieben, wobei ich dann von den Wünschen der Regisseure abhängig war.“ Fehlt nur noch ein Label für die Veröffentlichung. Darum will sie sich als Nächstes kümmern. „Ja, ich arbeite zu viel“, räumt sie lachend ein. „Ich bin ein Workaholic und liebe Musik. Wenn ich weniger organisatorische Arbeit hätte, würde ich wahrscheinlich noch mehr Musik machen. Dann wäre es noch schlimmer.“

tamaraobrovac.com

 

Termine:
08.–09.07.22 Rudolstadt, Festival

Aktuelles Album:

Tamara Obrovac Transhistria Ensemble & Jazz Orkestar HRT-a, Villa Idola (Aquarius Records, 2020)

2 Kommentare

  1. Michael Reichenbach

    Die Musik von Tamara Obrovac gefällt mir sehr gut. Ich habe den Konzertmitschnitt vom Mai 2020 angehört. Vor allem hat es mich gefreut dass im Ensemble mit Uroš Rakovec auch ein guter Mandolinenspieler mitwirkt! Könnt Ihr eigentlich auch Videos von youtube oder andere Musikbeispiele hier direkt einbinden?

    Antworten
    • Andrea Iven

      Lieber Michael, besten Dank für Deinen Kommentar und Deine Frage. Videos und Musikbeispiele können wir einbauen. Werden wir auch tun:-). Herzliche Grüße vom folker.world Redaktionsteam

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Weitere Beiträge dieser Rubrik …