Festival d’Essaouira Gnaoua Musiques du Monde

Ein neuer Sound von morgen, Essaouira, Marokko, 22.-24.6.2023

5. Juli 2023

Lesezeit: 4 Minute(n)

Die 24. Ausgabe des Gnaoua- und Weltmusikfestivals von Essaouira zählte fast 300 000 Zuschauerinnen und Besucher, die in den Genuss von Konzerten von über 35 „Mâalem“, Meistern der Gnawamusik, sowie 480 Musikern und Musikerinnen aus Marokko und fünfzehn anderen Ländern kamen.
Text und Fotos: Martina Zimmermann

Junge Frauen im T-Shirt und Mütter mit Kopftuch tanzen und klatschen in vorderster Reihe. Von der Bühne sehen die Künstlerinnen und Musiker Menschenmengen bis zum Horizont, am Ende das Meer und den Himmel. Auch an der Strandpromenade von Essaouira findet an diesen lauen Sommerabenden eine Art Völkerwanderung statt: Die Familien gehen von der Strandbühne zur Hauptbühne oder zur Show auf einem Festungstor der marokkanischen Hafenstadt. Intimistische Konzerte finden in ehemaligen Synagogen oder Kulturstätten der Medina statt. Dort werden sogar Lilas gefeiert, Gnawazeremonien, die zur Trance führen. Die ganze Stadt mit ihren 80 000 Einwohnern lebt im Rhythmus der Gnawaklänge. Bis spät in die Nacht wird auch in den Straßen der Altstadt musiziert.

 

Die traditionelle Gnawamusik mit Trommeln, metallischen Kastagnetten und der dreisaitigen Basslaute Gimbri kommt aus dem aus dem westlichen Afrika südlich der Sahara, von ehemaligen Sklaven und Sklavinnen, die ihre Traditionen und die Musik ihrer Vorfahren in die marokkanische Kultur integriert haben. Dieser nordafrikanische Stil wird in den sogenannten Lilas gespielt, ist wie Voodoo auf Haiti oder Santeria auf Kuba eine spirituelle Musik, die Menschen von bösen Geistern heilen soll. Der afrikanische Touch zeigt sich auch in den Tänzen und der Kleidung, die oft mit Kaurischneckenhäusern verziert wird. Der künstlerische Direktor Karim Ziad, selbst als Schlagzeuger und Multiinstrumentalist in Jazz und Weltmusik bekannt, erinnert daran, dass Essaouira vor einem Vierteljahrhundert – als das Festival entstand – in einer Wirtschaftskrise steckte. „Das Festival hat nicht nur die Stadt, sondern auch das Musikgenre gerettet“, sagt er. So wurde Gnawamusik 2019 von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

„Das Festival hat nicht nur die Stadt, sondern auch das Musikgenre gerettet.“

Ein „Mâalem“, ein Meister der Gnawamusik, hört diese von klein auf, in der Familie oder im Viertel, dann lernt er das Spielen der Kastagnetten und die Tänze, die Gesänge und am Schluss das Spiel der Gimbri. Der Jazzmusiker und Gnawameister Majid Bekkas spielte als Jugendlicher Banjo, studierte klassische Gitarre und Oud, bis ihn Gnawameister Ba Houmane in der Gnawamusik unterwies. „Ich wollte nicht auf Lilas Trancemusik spielen, sondern Gnawaklänge als profane Musik auf einer Bühne“, erklärt Bekkas, der mit Louis Sclavis, Archie Shepp, Randy Weston, Klaus Doldinger, Peter Brötzmann, Joachim Kühn und vielen anderen Jazzmusikern gearbeitet hat.

„Gnawamusik ermöglicht Fusion“, so der Meister. „Die pentatonische Seite und die sich wiederholende Musik der Trance hat Afrikanisches in sich wie Jazz oder Blues.“ Da seien Begegnungen einfach. In Essaouira wird eine Fusion mit einem Dreamteam uraufgeführt: mit dem senegalesisch-marokkanischen Schlagzeuger Mokhtar Samba, dem französischen Vibrafonisten David Patrois, dem argentinischen Percussionisten Minino Garay und dem marokkanischen Saxofonisten Axel Camil. Es könnte der Anfang einer künftigen Zusammenarbeit sein.

 „Gnawamusik ermöglicht Fusion.“

Die Einzigartigkeit des Festivals besteht in seiner Thematik – Gnawamusik – und deren Verbindung mit Musik und Musikern aus aller Welt, die vor Ort kreiert wird. In Essaouira sieht das Publikum nicht nur internationale Stars auf Tournee – wie in diesem Jahr Selah Sue oder Eliades Ochoa –, die vor allem als Highlights für die Einheimischen gedacht sind, deren Musikgeschmack breit gefächert ist. Die Marokkaner und Marokkanerinnen empfangen dicht gedrängt und mit großer Begeisterung auch die traditionellen Gnawamusizierenden, die zur Eröffnung des Festivals aus ganz Marokko kommen. Es beginnt mit einer bunten und rhythmischen Parade durch die Altstadt, dann werden auf den Bühnen der Stadt einzigartige Kreationen und Fusionen mit Musikschaffenden aus aller Welt vorgeführt.

 

„Ich fühle mich sehr grün hinter den Ohren“, sagt der Gitarrist und Komponist Torsten de Winkel bescheiden. Er vertritt Deutschland und hat zwischen Indien, Bolivien und den USA mit vielen Koryphäen und Berühmtheiten Jazz und Weltmusik gespielt. Zur Gnawamusik meint er: „Die Eins zu finden, ist nicht immer ganz leicht.“ Die Eins, das ist der Downbeat, der Schwerpunkt des Rhythmus. Auch die Bassdrum, die Schwerpunkte der Basslinie liegen ganz woanders als es europäischen Jazz- oder Rockmusikerohren vertraut ist. „Ich freue mich, in meinem Alter noch lernen zu können wie ein Teenager“, sagt der 58-Jährige, der Gnawamusik und Mâalem Abdeslam Alikane, mit dem er auf einer Bühne steht, schon lange kennt. De Winkel ist an zwei Projekten vor Ort beteiligt.

 

Auch mit Gnawameister Hamid El Kasri, US-Saxofonist Jaleel Shaw und dem marokkanischen Percussionisten Mustapha Antari meistert de Winkel den Zwölfachteltakt der Gimbri. Und als sich Karim Ziad ans Schlagzeug setzt, trifft der Gitarrist wundervolle Arrangemententscheidungen, bringt sich ein, nimmt sich wieder heraus oder schafft eine neue Ebene, ohne die rhythmische Intensität zu stören. Der Groove der Band mit dem künstlerischen Direktor als Überraschung sorgt für einen der Höhepunkte der Veranstaltung.

 „Dieses Festival ist ein Labor“, meint Ziad. „Da passiert etwas zwischen verschiedenen Tönen und Kulturen: Vielleicht entsteht ein neuer Sound von morgen.“

Mit dem zunehmenden Erfolg der Gnawamusik und des alljährlichen Festivals in Essaouira kennt das Musikgenre keine Nachwuchssorgen mehr. Auch Frauen wagen sich mit der Gimbri auf die Bühne, was ihnen bisher verboten war. Asmâa Hamzaoui und ihre Band spielten gemeinsam mit Les Amazones d’Afrique. „Die Frauen ergreifen die Macht, sie sind mutig und warten nicht darauf, dass man ihnen einen Platz gibt“, freut sich Mamani Keita, eine der Gründungssängerinnen der „Amazonen“. „Im Moment treten sie auf profanen Bühnen auf“, stellt Karim Ziad fest, „und bald vielleicht auch bei religiösen Zeremonien.“

 

Das nächste Festival findet vom 27. bis 29. Juni 2024 statt. Ein ausgezeichneter Anlass, die malerische Stadt Essaouira und ihre Kultur zu entdecken.

www.festival-gnaoua.net

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