kurz & knapp

aus folker #01-2024

15. Januar 2024

Lesezeit: 24 Minute(n)

Ali Askin, Up Chute (Yatak Records)

Ali Askin (ursprünglich Aşkın) ist studierter Musiker, Komponist, Bandleader, Keyboarder und vieles mehr. Auf diesem Album hat er in Sextettformation sieben Eigenkompositionen eingespielt, die zwischen 2011 und 2019 entstanden sind. Einige davon, etwa das energetische Titelstück, fordern den Hörer durchaus etwas. Stilistisch schwebt der Tonträger zwischen Jazz, Funk, Rock, Elektronik und Minimal Music mit einer Prise Weltmusik.

Ines Körver

Fiddler’s Green, The Green Machine (Deaf Shepherd)

Glückwunsch zu Platz fünf in den Charts. Auch nach über dreißig Jahren gehen den Fiddlers weder die Ideen noch die Spielfreude aus. Sie haben ihr Genre als „Speedfolk“ definiert und schaffen es wieder, die Erwartungen zu erfüllen, ohne allzu vorhersehbar zu werden. Mit Liebe zum Detail legt die Band aus Erlangen ein weiteres Album vor, das besten Stoff für die Paddy’s-Day-Party liefert.

Almut Kückelhaus

Broes, Botanist (Eigenverlag)

Broes ist eine fünfköpfige Bal-Folk-Band aus Belgien. Den Kern bilden Gitarrist Florian de Schepper und Geigerin Anouk Sanczouk (die auch als Duo bekannt sind) gemeinsam mit der Akkordeonistin Elke de Meester. Hinzu kommen wechselnde Unterstützung an Bass und Percussion. Botanist ist das dritte Album von Broes. Es enthält schöne, anspruchsvolle selbst komponierte Tanzmusik und ist weniger jazzig als das Vorgängeralbum.

Christian Rath

Dalibor, Die Rückseite des Lebens (Tonicum Music)

Man sollte nicht den Fehler machen, sich vom wirklich hässlichen Cover des neuen Dalibor-Albums abschrecken zu lassen. Verbirgt sich doch dahinter mit Andreas Dalibor ein altbekannter Songwriter aus dem Folkuniversum, der auch als Theaterbetreiber mit seinem clever betitelten Haus Tiefste Provinz unterwegs ist. Das Album ist eine überaus gelungene Melange aus Folk, Rock, Politik und Lyrik. Es ist sein zweites Album als Liedermacher, Songs wie „Viel zu viel“ oder das tolle „Irgendwo in Westberlin“ machen einfach viel Spaß.

Wolfgang Weitzdörfer

Stefan Grasse, Inner Sound (Xolo)

Der Nürnberger Gitarrist Stefan Grasse hat sich mit eigenwilligen und sehr fein produzierten Alben einen Namen gemacht. Mal mehr der Klassik zugewandt, dann eher der lateinamerikanischen Musik, zu der er eine innige Beziehung unterhält. Auf Inner Sound begegnen wir einem reduziert und konzentriert aufspielenden Musiker, es klingt zuweilen nach den Großen der Minimal Music, Philip Glass u. a. Zumeist solo, aber auch in Schichtungen mehrerer Gitarren. Ein stilles, in sich gekehrtes Album.

Rolf Beydemüller

C. Daniel Boling, New Old Friends (Berkalin Records)

Der große Name auf diesem Album ist Tom Paxton, der mittels Zoom an den fünfzehn Songs auf diesem Album mitgeschrieben hat. Doch selbst Paxton ist, obwohl bereits seit Anfang der Sechziger im Greenwich Village aktiv, hierzulande eher ein großer Unbekannter. Gediegen produziert könnte dieses Album auch in den Sechzigern veröffentlicht worden sein, handeln die Songs doch von Alltagsgeschichten, geschrieben allerdings von älteren Herren, die entspannt auf ihr Leben zurückschauen.

Michael Freerix

Gustavo Pazos Conde, Rincon De Las Penas (Saphrane)

Er definiere seine Gitarre als den Ausdruck von Gefühlen und Landschaften, sagt der Gitarrist Gustavo Pazos Conde. Mit der Gaucho-Tradition seines Heimatlandes Uruguay im Gepäck unternimmt der Nylonstring-Gitarrist auch Ausflüge nach Argentinien und interpretiert u. a. die Musik des Bandoneonspielers Dino Saluzzi. Die leisen Töne überwiegen, vieles mutet frei improvisiert an. Ein Landschaftsmaler erster Güte.

Rolf Beydemüller

Johanni Curtet, If Only I Could Hibernate (Buda Musique)

Der französische Musiker und Musikethnologe Johanni Curtet ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet des Khöömii, des mongolischen Obertongesangs. Das erste Album unter seinem Namen ist die Musik zu einem Film, der auf dem letztjährigen Festival in Cannes Premiere hatte. Film wie Musik kreisen um das Thema der Identitätsfindung eines mongolischen Teenagers vor dem Hintergrund der Auflösung nomadischer Lebensweisen. Ein schönes Album, das auch ohne den Film bestehen kann.

Rolf Beydemüller

Fabiano do Nascimento, Mundo Solo (Far Out Recordings)

Brasilianische Akustikgitarristen sind allgemein bekannt für ihre Virtuosität und Verwurzelung in der nationalen Musik. Fabiano do Nascimento geht da andere Wege. Mit verschiedenen Gitarren sowie einer Vielzahl von Pedalen und Synthesizern entwickelt er Klanglandschaften, die einerseits ambienthaft wirken, andererseits mit perkussiven Einlagen und der Spielweise ihre Herkunft nicht verleugnen.

Hans-Jürgen Lenhart

Friedrich Barniske, Sheds & Shelters (Acoustic Concerts Berlin Records)

Auf der Stahlsaitengitarre spielt der Berliner Gitarrist sechzehn meditative Miniaturen. Jede hat einen ganz eigenen Charakter. Die in den Coronajahren entstandenen Instrumentalstücke sind mal sanfte und sich wiederholende Zupfmuster, mal sind es Kleinode wunderschöner Melodien. Die Aufnahme fasziniert durch ihren sehr natürlichen Gitarrenklang. Das ist Musik für ruhige Stunden!

Udo Hinz

Cherry Bandora, Back To The Taverna (Rumi Sounds)

Für ihre dritte Veröffentlichung haben sich Liad Vanounou (Bouzouki) und Lorena Atrakci (Gesang) mit drei Freunden und einem Gast zusammengetan. Dargeboten wird ein kraftvoller und unterhaltsamer Mix aus diversen Retrostilen. Diese sind vornehmlich der Klang des legendären Koliphone-Labels aus Jaffa, Anadolu Rock, Surf Sounds und Rembetiko. Auch wenn in allerlei Sprachen gesungen wird, mutet das Album vor allem griechisch an.

Ines Körver

Frau Pauli, Digitale Gefühle (Unserallereins)

Sie bezeichnet ihr neues Album selbst als „Post-Pandemie-Pop“, und so hören sich die deutschsprachigen Liedtexte auch an: Beziehungsgeschichten und andere Befindlichkeiten, Krisen aller Art, Gescheiterte, Traurigkeit, Depression. Die Göttingerin mit DDR-Kindheitswurzeln erinnert gesanglich ein wenig an Nena, die Popikone der Achtziger. Passend dazu wird die Instrumentierung von üppigen Keyboards bestimmt.

Reinhard „Pfeffi“ Ständer

Brian Kalinec, The Beauty Of It All (Berkalin Records)

Kalinec besinnt sich auf die Schönheit der Welt an sich, und seine Songs beschreiben Aspekte dieser Schönheit durch Wohlklang und Ausgewogenheit. Von einem gewissen Alter aus geschrieben haben seine Songs etwas Abgeklärtes, sind aber auch mit Sorge um unsere Welt verfasst. Seine Band begleitet gefühlvoll und abwechslungsreich.

Michael Freerix

LÉDA, Oh Honey (Eigenverlag)

Heartbeat Festival in Deutschland unterwegs. Fiddle, Harfe und Keyboard (sowie ein wenig Stimme) plus Gäste mit Strings und Gitarre auf einer EP mit fünf Tracks auf 17:23 Minuten. Alles selbst und gemeinsam komponiert, und das klingt sehr stimmig, gekonnt und manchmal gar nach einer Mischung aus Folk und Klassik.

Mike Kamp

Brigade Futur III, Ein bisschen Zeit haben wir ja noch (WhyPlayJazz)

Sie reflektieren den Zustand der Welt, vor allem die Auswüchse des Kapitalismus. Das deutsch-schweizerische Quartett aus Benjamin Weidekamp, Elia Rediger, Jérome Bugnon und Michael Haves beziehen auch auf ihrem zweiten Album wieder mit skurrilen, bösen und auch einfühlsamen Texten deutlich Stellung und senden eine Warnung vor dem ultimativen Kipppunkt der Gesellschaft. Eingespielt mit der Leipziger Big Band Spielvereinigung Sued gelingt der Brigade Futur III erneut eine hörenswerte gesellschaftskritische Mischung aus Jazz, Klassik, Electrobeat und Kabarett.

Erik Prochnow

Goran Bregović, The Belly Button Of The World (Blue Wrassez)

Schon auf Three Letters From Sarajevo (2017) machte der bosnische Musiker und Bandleader ausgedehnte Ausflüge in jüdische und arabische Klangwelten. Hier kommt nun die XXL-Fortsetzung mit großem Orchester und Chor. Eine Liveaufführung seines sehr effektreich arrangierten „Violinkonzerts für arabische, Klezmer- und christliche Geiger bei guter Laune“ (im Original: „in a good mood“) kann man sich wohl nur in einem gediegenen Konzertsaal vorstellen.

Ines Körver

Maher Cissoko, Kora World (Abaju! Records)

Auf seinem neuen Soloalbum webt der senegalesische Koraspieler, der seit vielen Jahren in Schweden beheimatet ist, aktuelle Themen in das Erbe seiner Vorfahren. Die Verbindung des rhythmischen Harfenspiels mit seiner kraftvollen Stimme spricht gleichermaßen Seele und Verstand an. Ihm gelingt die Verschmelzung der alten Griot-Tradition mit dem Bewusstsein für die heutigen Probleme seiner Landsleute.

Christoph Schumacher

Grey Delisle, She’s An Angel (Hummingbird Records)

Für den ersten Moment glaubt man, Dolly Parton zu hören, aber nein, es ist Grey Delisle, und schon nimmt dieses Album einen anderen Weg. Geprägt vom Rockabilly-Hintergrund des Produzenten Deke Dickerson gibt es hier viele flotte Songs, country-flavoured, aber jenseits aller Genres. Delisle hat alles selbst geschrieben, sie weiß, ihre Stimme effektvoll einzusetzen, sodass nie Langeweile aufkommt.

Michael Freerix

Der Blum, Was bleibt (Unserallerseins)

Der spannungsvolle Sound aus Saxofon, Bass und Schlagzeug, der Dissonanzen und Breaks dramaturgisch einsetzt, wirkt zuweilen gewagt. Lässig, leicht abgeklärt bettet sich die Stimme von Jörg Holdinhausen ein, legt sich drüber oder grätscht aus, während sie in poetisch treffenden Bildern die Misere des sensiblen Menschen innerhalb der Zumutungen, Ungereimtheiten unserer Zeit auf den Punkt bringt und die ewigen Werte dagegenhält, wie im Titelsong. Über Moden erhabene, selbstbewusste Kunst.

Imke Staats

Dieuf-Dieul De Thiès, Dieuf-Dieul De Thiès (Buda Musique)

Nach ihrer Gründung wartete die dreizehnköpfige Big Band aus Thiès nahe Dakar mehr als vierzig Jahre mit der Produktion ihres Debüts, das nun, auf analogem Equipment aufgenommen, frisch abgemischt erscheint. Der Charme der typischen senegalesischen Rhythmen mit Fuzzgitarren, Bläsern und Percussion sowie der lebendige und fröhliche Klang der Stücke, in denen es um Themen wie Liebe und Respekt geht, packt einen sofort.

Christoph Schumacher

Electric Horseman, Lies To Love For (Eigenverlag)

Nervöser Indierock, der von US-Psychedelia der Siebziger bis zum frühen Britpop der C86-Generation gelernt hat. Der Musik des Quartetts aus Darmstadt wohnt eine hibbelige Spannung inne. Frisch gärender Federweißer, nichts für Menschen, die den gediegenen Genuss süßlichen Dessertweins bevorzugen. Jung und gut!

Martin Wimmer

Giuliano Gabriele, Basta! (Coming MusicArt)

„Das, was uns nicht fehlt, ist die Angst.“ Das neue Album des süditalienischen Sängers und Akkordeonisten ist ein Aufschrei gegen die Verlogenheit und Engstirnigkeit heutiger westlicher Gesellschaften. Neben dem treibenden diatonischen Akkordeon sorgen acht weitere Musikschaffende für eine Folk-Punk-Italianità, der man sich nicht entziehen kann. Muoviti! („Lebe den Moment, beweg dich!“)

Martin Steiner

Manou Gallo, Afro Bass Fusion (Eigenverlag)

Die in Côte d’Ivoire geborene Ausnahmebassistin hat auf ihrem fünften Studioalbum mit ihrer Band fünfzehn fulminante, rhythmusinfizierte Stücke aufgenommen. Neben ihrem selbstbewusst in den Vordergrund gemischten fünfsaitigen Bass setzt sie zudem überzeugend und gekonnt ihre Stimme ein, wie damals bei Zap Mama. Eine Melange aus energiegeladenem, modernem Afropop, Funk und Soul, der in die Beine geht.

Christoph Schumacher

Gravögl, Imma is irgendwos (Baden Molden Recordings)

Gravögl, das sind Thomas Gravogel und seine Band aus dem Mostviertel in Niederösterreich. Ihre Texte, melancholisch und dunkel, wurzeln oft in der Natur und spiegeln die Menschen der Gegend. Die Songs beginnen meist behutsam mit akustischer Gitarre und der weichen Stimme des Bandleaders. Dann münden sie in einen gitarrenlastigen, vibrierenden Indierock. Musik frei von jedem Zeitgeist. Zeitlos stark.

Martin Steiner

Gruberich, 10 Jahre Gruberich– Lausch/Groove/String (Eigenverlag)

Zum Jubiläum des 2018er-Creole-Gewinnertrios aus Bayern gibt’s eine audiophile Vinylpressung mit fünf analog auf Bandmaschine und ohne Overdubs neu aufgenommenen Stücken aus ihren beiden früheren Alben sowie vier neue Kompositionen auf Tenor- und Basshackbrett, Ziehharmonika, Geige, Harfe und Violoncello. Traumhaft schöne Instrumentalmusik, die alpenländische Klänge mit Musette, Tango Nuevo, Milonga und Polka verbindet. Berauschend!

Ulrich Joosten

The Gurdjeff Ensemble, Zartir (ECM)

Thomas de Hartmann hat die von seinem Lehrmeister Georges I. Gurdjeff gesammelten Volkslieder in Klaviertranskriptionen festgehalten. Das Gurdjeff Ensemble überträgt sie seit einigen Jahren zurück auf Volksmusikinstrumente, so auch auf seinem dritten und opulentesten Album – armenischer Nationalchor inklusive. Diesmal werden zudem meditative Stücke anderer Komponisten dargeboten. Ergreifend.

Ines Körver

Hildaland, Sule Skerry (Adhyâropa Records)

Interessante Mischung! Sie kommt von den Orkneyinseln und spielt u. a. Fiddle, er kommt aus den USA und spielt u. a. Mandoline, beide singen. Bluegrass trifft auf Celtic Folk, wobei letztere Einflüsse bei den Eigenkompositionen und Traditionals ganz bewusst und deutlich überwiegen. Das macht Spaß, speziell wenn beide unisono loslegen. Lediglich der Gesang könnte stärker im Vordergrund stehen.

Mike Kamp

Gaby Jogeix, Smile To The Clouds (Eigenverlag)

Eine entspannte, relaxte Atmosphäre transportiert der Gitarrist, Sänger und Komponist Gaby Jogeix mit den meisten Songs dieses Albums. Funk, Latin und Americana bilden die Zutaten, und damit gelingen ihm groovende, rollende Stücke mit oft karibischem Flair. Dass er dabei immer im Blues geerdet bleibt, zeigt der Griff zur Slide- oder Lap-Steel-Gitarre, meisterhaft auf „River Of Love“ zum Beispiel.

Achim Hennes

Journeys, Gate 65 (Eigenverlag)

Der lockere und freundschaftliche Zusammenschluss der sechs Schweizer Musikschaffenden begeistert unter dem Etikett „Jazz Fusion“ mit Jazzrock wie auf den besten Alben der Siebziger. Mitreißender Funk und Latin Jazz, ausgefeilte Rhythmen und Harmonien. Gitarre, Saxofon oder Keyboard sind die Soloinstrumente, gebettet auf sattem Bass und Schlagzeug, mit Percussion immer wieder zum Strahlen gebracht.

Achim Hennes

Kiledjian, The Otium Mixtape (Underdog Records)

Christoph Schumacher

Oriane Lacaille, iViV (Ignatub)

Oriane Lacaille ist die Tochter des Akkordeonisten René Lacaille von La Réunion. Die Liedermacherin mischt die Rhythmen und Elemente der Volksmusik der Insel mit ihrer eigenen musikalischen Handschrift. Sie singt ihre Chansons abwechslungsweise auf Creole und Französisch. Unterstützt wird sie von einer Vielzahl von Gästen. Neben ihrem Vater sind dies etwa Leyla McCalla oder Piers Faccini.

Martin Steiner

Ladaniva, Ladaniva (Jiguli)

Das Duo Ladaniva besteht aus der armenischen Sängerin Jaklin Baghdasaryan und dem französischen Multiinstrumentalisten Louis Thomas. Mit einem Bein im Pop und dem anderen in der Weltmusik (darunter Balkan Brass), sorgt es mit acht Gastmusikern für Groove und gute Laune. Vorbildlich: Die Songtexte sind in den Originalsprachen sowie auf Englisch und Französisch abgedruckt.

Ines Körver

Lappalie, Alles schön orange (Eigenverlag)

Die fünf jungen Rostocker bieten frische Folkmusik mit aufmüpfigen deutschen Texten voller Witz und Nachdenklichkeit in kleinen Geschichten. Dazu ein paar irische Tänze, das Ganze in rasantem Speedfolk, unter anderem mit Mandoline und Violine. „Keine Heimat“ beschreibt die Sichtweise eines Migranten in Deutschland, im „MV-Song“ werden die Abwanderung aus dem Osten und rechter Populismus thematisiert.

Reinhard „Pfeffi“ Ständer

Jesper Lindell, Before The Sun (GG Records)

Wie schon mit dem Vorgänger adressiert der Schwede ein Publikum, das sich ein neues Album von Van Morrison oder The Band wünscht. Das Thin-Lizzy-Cover „Honesty Is No Excuse“ sorgt für die einzige Überraschung. Die etwas fehlende Originalität macht er jedoch mit gelungener Umsetzung locker wieder wett.

Martin Wimmer

Katie MacFarlane, Sheunta – The Enchanted Girl (Eigenverlag)

Songs in Gälisch und jeweils einen in Scots und in Englisch, aber auch – und das hat sicherlich Seltenheitswert – zwei Lieder aus Katalonien. Die Sängerin studierte ein Jahr lang in Barcelona. Begleitet wird sie von einem erfahrenen schottisch-spanischen Ensemble. Ein durchdachtes und packendes Debüt, und wenn ab und an ein einheimisches Streicherquartett einsetzt, dann wird es gar episch.

Mike Kamp

Malcom MacWatt, Dark Harvest (Need to Know Music)

MacWatt mischt bei seinem Zweitling erneut und erfolgreich Americana mit britischer Folklore, Musik der Appalachen mit Celtic Folk, und die meisten Instrumente spielt er auch selbst. Die Texte sind meinungsstark und häufig in der schottischen Heimat verwurzelt, wie bei dem Titelstück oder „Semi Scotsman“. Die spirituell und politisch Herrschenden bekommen mit „The Church And The Crown“ ihr Fett weg.

Mike Kamp

Mariachi Los Camperos, Sones De Mariachi (Smithsonian Folkways)

Son gibt es nicht nur auf Kuba, vielmehr ist der Son die Essenz der mexikanischen Mariachi-Musik. Mariachi Los Camperos aus L. A. konzentrieren sich darauf: ein getrieben wirkendes Tempo, inbrünstiger, komplexer Chorgesang, swingende Geigen, vibrierende Trompeten – und die Juchzer fehlen auch nicht. Intensivpaket!

Hans-Jürgen Lenhart

Niall McCabe, Rituals (Craggy)

Niall McCabe zeigt sich auf seinem ersten Soloalbum als begabter Songschreiber. Er erzählt Erlebtes und Geschichten auf eindringliche Weise. Als Einflüsse sind neben Irischem auch Americana und Pop zu nennen. Produziert hat Sean Og Graham, Mitglied von Beoga. Die Stimmung ist überwiegend gedämpft. Es ist vor allem die intensive Stimme des Mannes aus Mayo, die im Gedächtnis bleibt.

Almut Kückelhaus

Nolan McKelvey, Forward (Eigenverlag)

Ach, wären nur alle Scheiben so. Das Schlagzeug scheppert, die E-Gitarre schrubbelt, die Geige sägt, die Singenden jubilieren. Alle machen, was sie sollen, um uns mit hymnischer, energischer, ehrlicher, erdiger, überzeugter, rockiger Musik eine Stunde zu verschönern. Keine Minute Langeweile. Muss man beim 21. Album auch erst mal hinbekommen.

Martin Wimmer

Loreena McKennitt, The Road Back Home (Quinlan Road)

Dieses Album wurde im Sommer 2023 während vierer Folkfestivals in Ontario live mit einer akustischen Band aufgenommen. Die ausgewählten Songs sind vielfach vertraut und führen zu den Anfängen von McKennitts fast vierzigjähriger Weltkarriere im Zeichen keltischer Musik zurück. Mit ihrer Harfe und der markanten Stimme vermag die Kanadierin immer noch ein breites Publikum zu verzaubern.

Almut Kückelhaus

Meier, Von hier aus (SuYa)

Helmut Meier aus Duisburg, der als Liedermacher, Kabarettist und mit Kinderprogrammen schon seit Jahrzehnten unterwegs ist, blickt zurück auf seine Lebenszeit und macht sich Gedanken über die Zukunft. Es war eine gute Zeit, aber wird das so bleiben oder „müssen wir uns Sorgen machen um unsere Enkel?“ Ein sehr gelungenes Album, thematisch vielfältig, und musikalisch zwischen Folk, Rock und Blues ist es ebenso abwechslungsreich wie einladend.

Rainer Katlewski

Mellow Melange, Caravan Of Illusions (Cross The Border Productions)

Kaum zu glauben. Fast dreißig Jahre macht die fünfköpfige Formation um den Komponisten und Geiger Ingo Höricht bereits Musik. Dennoch klingen sie noch immer voller Dynamik, Vielseitigkeit und Aufbruch. Auf ihrem aktuellen Album präsentiert das Ensemble erneut eingängige Balladen und swingende Chansons zwischen Jazz, Folk, Pop und Klassik über das Leben. Einzig allein das etwas sperrige Englisch des Sängers David Jehn trüben den schönen Gesamteindruck.

Erik Prochnow

Alexander Möckl, IchMeio & MeAtUs (Eigenverlag)

Bei der Sologitarre ist weniger oft mehr. Der Augsburger Gitarrist Alexander Möckl beherrscht die Kunst des gefühlvollen und reduzierten Gitarrenspiels. Er spielt auf offen gestimmter Gitarre und fühlt sich der „American Primitive Guitar“ verbunden – also Gitarristen wie John Fahey oder Peter Lang. Bei jedem Stück taucht man in emotionale Stimmungen ein – eine Musik zum Träumen.

Udo Hinz

Jennifer Porter, Yes, I Do! (Eigenverlag)

Von null auf hundert in einem Wimpernschlag. Auch für dieses kurze Album mit sechs eigenen Songs und zwei Covers wirft Porter ihre Groovemaschine an und bleibt auf dem Gaspedal. Wohlig-weicher New Orleans Swingpop, exzellenter Gesang. Kunst, die nicht nur von Können kommt, sondern auch vom Spaß haben. Wie gehabt mit C. J. Chenier und Cindy Cashdollar als Gäste.

Martin Wimmer

Peter Reimer, Times & Places (Eigenverlag)

Programmmusik aus dem Taunus auf Gitarre und Percussion (Christoph Cho). Themen: Toskana, Tiere, Florentiner Dom, Schottland & Whisky, verarbeitet in jeweils einer Suite mit mehreren Stücken plus ein mit „Chasing Echo“ ein einzelnes Stück . Sehr virtuos gespielt, von verträumt bis treibend, in mehreren Stilen inklusive Ragtime. Und begleitet durch ein Booklet mit Infos zu jedem Stück und bei der Whisky-Suite einem Whiskytipp pro Stück und Region. Erstklassig!

Michael A. Schmiedel

Edmondo Romano, Religio (Visage Music)

Der lateinische Terminus religio stammt von religare („verknüpfen, seine Beziehung zu Gott finden“). Edmondo Romano umschreibt sein ehrgeiziges Projekt mit „das Leben und die spirituellen Übungen, mit denen man die menschliche Kathedrale baut“. Diese beinhaltet neue ernste Musik, A-Cappella-Gesang und Anklänge an Jazz und Folk. Eine aufwendige Produktion, die ein wiederholtes Einhören erfordert.

Martin Steiner

Stereo Naked, Upside Down (Eigenverlag)

Für ihr drittes Album haben die Kölner Singer/Songwriter Julia Zech (Gesang, Banjo) und Pierce Black (Kontrabass) das befreundete Duo Rain of Animals (mit u. a. Mandoline, Geige, Gitarre, Gesang) zu drei Livesessions ins Studio gebeten. Hat sich gelohnt: neun tolle Songs im Spannungsfeld von Americana, Singer/Songwriter, Folk und Bluegrass (mit Blue Yodel!). Und mit dem Stereo-Naked-Markenzeichen, dem betörenden Harmoniegesang. Einfach schön!

Ulrich Joosten

Viv & Riley, Imaginary People (Free Dirt Records)

Leichtfüßig kommen die Songs von Vivan Leva und Riley Calcagno daher, verspielt, mit leichtem Schwung ziehen sie an den Ohren des Hörers vorbei. Die Songs scheinen dem Duo nur so aus den Ärmeln zu purzeln. Zehn davon finden sich auf diesem Album. Folk ist ihre Quelle, doch sie trauen sich, mit Tönen herumzuspielen und zu experimentieren. Alles wirkt frei, sehnsuchtsvoll, wie ein sonniges Feld voller Blumen und Insekten.

Michael Freerix

Kerstin Wahl, Fliehkraft (Eigenverlag)

Sehr aufwendig, anspruchsvoll und materialreich ist die Produktion Fliehkraft von Kerstin Wahl aus dem schwäbischen Schorndorf im Rahmen ihres Projekts „Sichtbarkeit“. Sie hat eigene Texte und Gedichte von Droste-Hülshoff und Ingeborg Bachmann vertont mit dem Anspruch, Frauen künstlerisch sichtbarer zu machen und trotz mehrfacher persönlicher Belastung den Weg künstlerischen Schaffens zu gehen.

Rainer Katlewski

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