kurz & knapp

aus folker #01-2023

15. Januar 2023

Lesezeit: 41 Minute(n)

The Aberlours, Earth And Man (Eigenverlag)

Die fünf Hallenser um Frontmann Klaus Adolphi könnte man als Geschwisterprojekt der legendären Band Horch bezeichnen. Ihr kraftvoller Folk ’n’ Beat spannt einen Bogen vom Irish Folk aus eigener Feder über den Sound von Jethro Tull (vor denen sie schon als Support spielten) bis hin zu deutschsprachigen Stücken wie etwa „Nudeldick“ und Liedern aus der deutschen Romantik wie „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff.

Reinhard „Pfeffi“ Ständer

Acid Arab, Trois (Crammed Discs)

Im Radiosender Cosmo laufen Acid Arab seit Wochen rauf und runter, insbesondere der Track „Döne Döne“. Für seinen dritten Longplayer hat das französisch-algerische Kollektiv bei acht von zehn Stücken musikalische Gäste an Bord. Sogar bisher unveröffentlichte Aufnahmen des 2018 verstorbenen Rachid Taha wurden integriert. Mitreißende Clubmusik, die trotz der recht unterschiedlichen Gäste sehr homogen wirkt.

Ines Körver

Almost Charlie, A Whisper In A World Too Loud (Words On Music)

Nett anzuhörender Indiepop aus dem stets verlässlichen Famous Gold Watch Studio in Berlin. Akustische Gitarre und Klavier, auch mal pointiert mit Trompete, Cello oder Mandoline. Die mollige Musik wird dem Motto des Titels gerecht. Viel Schmelz, etwas Schmerz. Schönes neuntes Album von Dirk Homuth und seinem New Yorker Texter Charlie Mason.

Martin Wimmer

Altin Gün, Aşk (Glitterbeat Records)

Wer traurig war, dass Altın Gün nach den ersten beiden Alben On (2018) und Gece (2019) den Anadolu Rock hinter sich gelassen und auf synthiebetonte Tracks umgeschwenkt hatten, kann nun aufatmen. Alles zurück auf Anfang und diesmal stark am Livesound orientiert. Zehn kraftvolle Tracks, wobei man es bei den Komponistennennungen leider nicht sehr genau nimmt: Die Melodie zu „Leylim Ley“ stammt von Zülfü Livaneli.

Ines Körver

Guillaume Barraud & Mathieu Mélis, Estampes (B&B Productions)

Magisch betörenden Duft verströmen die warmen Klangfarben von indischer Holzquerflöte (Bansuri) und Piano. Die Franzosen Guillaume Barraud und Mathieu Bélis betreten verwunschene musikalische Landschaften, feine Anklänge an Traditionen aus fernen Winkeln der Erde färben die dreizehn Kompositionen. Auf zwei Stücken ist der klassisch ausgebildete Gitarrist Kevin Seddiki zu hören. Eine ausgewogene Balance aus Komposition und Improvisation.

Rolf Beydemüller

Berthe, Spreading Peculiar Songs (Timezone Records)

Musik muss manchmal erst lange reifen. Die 52-jährige Berthe Fleißig aus Osnabrück ist das beste Beispiel dafür. Ihr Debut ist eine einfühlsame Sammlung an wunderbaren Melodien. Arrangiert nur mit exzellentem Gitarrenspiel oder Piano und einer glockenklaren Stimme, reduziert sie die Schönheit ihrer Popmusik auf ihre Essenz, die vom ersten Ton an berührt.

Erik Prochnow

Rüdiger Bierhorst, Im Zentrum des Kreisels (Waldinsel Records)

In recht surreale Welten entführt das Soloalbum vom Monster of Liedermaching Rüdiger Bierhorst. Ruhige Stücke sind es zumeist, zum Teil von betörender und verstörender Harmonie, die es aber in sich haben. Lieder von atmosphärischer Dichte mit geheimnisvollen Inhalten, Empfindungen, Stimmungen, Gefühlen, Ängsten und Bildern. Es schwebt es etwas existenziell Bedrohliches über ihnen.

Rainer Katlewski

Stanley Brinks, Taf Taf (Eigenverlag)

Der Franzose mit dem britisch klingen Pseudonym hat sich auf seinem neuesten, sicher hundertsten Album wieder in seine Begeisterung für Weltmusikalisches vertieft. Dieses Mal klingt alles durch die von Brinks gespielte Bouzouki nach Rembetiko, ist jedoch von ihm selbst und seiner Songschreiberpersönlichkeit geprägt. Das Spontane ist hier wichtiger als das musikalisch Ausgekochte. Einordnen lässt sich sein Werk überhaupt nicht, es ist Musik vom Eigenbrötler für ähnlich denkende und fühlende Eigenbrötler.

Michael Freerix

Chancha Vía Circuito, La Estrella (Wonderwheel Recordings)

Der Klangtüftler – Musiker und Produzent – Pedro Canale aus Buenos Aires, weltweit bekannter Experte in Sachen Electro-Cumbia, feiert diese auf seinem fünften Album nur teilweise. Er schlägt insgesamt eine eher langsame, dabei nicht zwingend langatmige, durchaus partytaugliche Gangart ein. Geladen sind etliche spannende Gäste, vor allem am Gesang und vor allem aus Kolumbien (Meridian Brothers, Las Añez, Lido Pimienta).

Katrin Wilke

Arthur Coates, Trapdoor To Hell (Eigenverlag)

Der blutjunge (zwanzig Jahre alte) Fiddler und Multiinstrumentalist aus Aberdeenshire mit der angenehmen Stimme und einer Vorliebe für traditionelle Musik aus Quebec hat es geschafft, eine Riege prominenter frankokanadischer Musiker (De Temps Antan) zur Mitwirkung zu gewinnen, und verschmelzt mühelos moderne Eigenkompositionen und traditionelle Stücke zu einer hochenergetischen Powerfolkmischung. Grandios.

Ulrich Joosten

Nigel Connell, The Journey So Far (Hypertension Music)

Der Ire ist ein Geschichtenerzähler. Der Finalist von The Voice of Ireland singt über sein Leben und seine Sicht auf die Welt. Er ist ein begnadeter Songwriter und Sänger, der seine Lieder mal rockig, mal poppig, mal irisch, mal amerikanisch klingen lässt – das macht das Album so facettenreich. Bruce Springsteen nennt er als Vorbild, und wie beim „Boss“ klingen seine kraftvollen Songs geerdet.

Udo Hinz

Jan Cornelius, Dagen fliegen vörbi (Artychoke)

Auf seinem zwanzigsten Album zelebriert der Altmeister des ostfriesischen plattdeutschen Liedes fünfzehn neue Liedgemmen über die Liebe und die Vergänglichkeit des Lebens, über Naturgewalten und Alltägliches, unaufgeregt zur gepickten Gitarre und Mundharmonika mit angenehmer Stimme gesungen. Begleitet auch diesmal von Christa Ehrig u. a. an Cello, Bassukulele und Keyboards sowie Klaus Hagemann an akustischer und elektrischer Gitarre. Schön.

Ulrich Joosten

Djavan, D (Sony)

Mit seinem neuen Album hat Djavan zum jazzigen Brazilpop zurückgefunden, den er am besten kann. Auch wenn vieles der letzten Jahre niemals Mittelmaß war, betonte er zu oft das Balladeske. Nun hat er teilweise seine vorzügliche frühere Band rekrutiert und etliche Bläser eingesetzt. Ein Duett mit Milton Nascimento bringt zudem eine neue Note in den Sound. Perfekter Neuanfang.

Hans-Jürgen Lenhart

Don Antonio & The Graces, Colorama (Santeria)

Antonio Gramentieri hat in der Emilia-Romagna staubtrockene Instrumentals für den Soundtrack der Netflix-Serie Wanna Marchi eingespielt. Wüstengitarren schwirren über die Poebene, als hätte Sergio Leone Calexico zu einer Runde Mitternachtsspaghetti eingeladen. Daniela Peroni und Valentina Aulizio verleihen mit italienischem bzw. französischem Gesang noch etwas Nouvelle-Vague-Flair. Bravissimo!

Martin Wimmer

Dorantes, Identidad – Live in Concert. Flamenco Solo Piano (Flamenco Scultura)

Auch in dieser, seiner allerersten Sololiveaufnahme strahlt und betört der Pianist aus Lebrija. Sein Ausgangspunkt ist stets der mit Jazz gepaarte Flamenco, doch reicht sein gefühls- und ausdrucksstarkes Spiel weit darüber hinaus. Ebenso seine Kompositionen, die von großem Gestaltungswillen und viel Spiritualität zeugen. Man wäre gern dabei gewesen bei diesem in Sevilla aufgenommenen Konzert.

Katrin Wilke

Duo Kvaratskhelia, Retratos (Acoustic Music Records)

Das Duo Kvaratskhelia aus Georgien entlockt seinen klassischen Gitarren eine echte Sensation an Klangfarben. Die mit renommierten Preisen ausgezeichneten Brüder präsentieren ausschließlich lateinamerikanische Werke von Gnattali, Santórsola und Piazolla. Die mitreißende Interpretation und feinfühlige Interaktion des Duos lassen an die legendären Gebrüder Assad denken. Eine großartige Produktion!

Rolf Beydemüller

Elephant Sessions, For The Night (Eigenverlag)

Trotz Fiddle und Mandoline dominieren Bass, Drums und Synthesizer auch auf dem vierten Album des Quartetts aus den Highlands, das 2012 erstmals die Bühne betrat und nun weltweit unterwegs ist. Das Ergebnis: Meist energiegeladene Instrumentals, die zum Tanzen einladen. Weniger Highland Fling, eher flummymäßiges Auf- und Abhüpfen. Kann aber auch Spaß machen.

Mike Kamp

Eriksson/Myhr/Malmström, För Sola Skin’ På Tak (Heilo/Grappa)

Ein schwedisch-norwegisches Trio, federführend ist der Gitarrist Thomas Eriksson, der auch sämtliche Stücke komponiert hat, fußend auf den musikalischen Traditionen beider Länder. Auch andere Musikstile fließen ein, das titelgebende Stück könnte durchaus als musikalische Untermalung zu einem Goldgräberfilm dienen. Weitere Instrumente des Trios sind Hardingfele und Klarinette, aber immer dominiert das virtuose Gitarrenspiel.

Gabriele Haefs

Tom Fairnie & Klaus Adamaschek, Still Unbroken (Eigenverlag)

Zurückschauen, Bilanz ziehen, Erinnerungen teilen. Wenn zwei mehr oder weniger alte Herren zusammenkommen und Songs aufnehmen, mag dieser Ansatz naheliegen. Der 72-jährige Schotte und der 65 Jahre alte Deutsche haben jeweils sechs Stücke beigetragen – mit teils berührenden Texten. Musikalisch gibt’s keine Experimente, die beiden Stimmen und akustische Gitarren stehen im Zentrum. Klassisch.

Volker Dick

Philipp Fankhauser, Heebie Jeebies – The Early Songs of Johnny Copeland (Funk House Blues Productions)

Der eine war Bluesmusiker aus Houston, Texas. Der andere ist Bluesmusiker aus Thun, Kanton Bern. Welten könnten zwischen den beiden liegen. Doch der Schweizer Philipp Fankhauser und seine Band interpretieren die Songs von Johnny Copeland authentisch, üppig, mitreißend und voller Soul, ob in den Balladen oder den Up-Tempo-Nummern. Eine wahrhaft angemessene und offenbar tief empfundene Würdigung.

Volker Dick

Ian Fisher, Burnt Tongue (Eigenverlag)

Aus den USA stammend, hat sich Ian Fisher an verschiedenen Stellen in Europa niedergelasssen, bereits einen Berg an Platten veröffentlicht und sich in Wien einen Namen als Theatermusiker gemacht. Seine Songs bieten viel eigenes Flair, häufig jedoch drängt die Produktion in Richtung Pop. Durch die Pedal Steel oder das Banjo in den Arrangements bleibt ein deutliches Countryflair erhalten.

Michael Freerix

Henriette Flach, Skyklokke (Go’ Danish Folk Music)

Die bereits oft mit Preisen ausgezeichnete dänische Geigerin stellt auf diesem Album eigene Kompositionen vor, die sich an allerlei Traditionen anlehnen, gleich das erste Stück („Flickflach“) klingt sehr irisch, wird aber gegen Ende sehr schräg und ganz anders. Solche Überraschungen gibt es zuhauf, dazu schöne Anklänge an norwegische Hardangergeigenmusik oder frankokanadisches Gefiedel im Stil von Jean Carignan.

Gabriele Haefs

Robert Forster, The Candle And The Flame (Tapete Records)

Nach über vierzig Jahren im Musikgeschäft mit seiner Band The Go-Betweens und solo ist von Robert Forster wohl nichts absolut Überraschendes mehr zu erwarten. Neun solide geschriebene und produzierte Songs ohne Firlefanz über das Leben und das Älterwerden. Wo seine Musik früher von jugendlicher Begeisterung für das Leben geprägt war, ist heute Abgeklärtheit und Distanz eingetreten. Forster ist auch als literarischer Essayist bekannt geworden.

Michael Freerix

Laura Hagnäs, Hagnäs (Hey!blau Records)

Intensive, intime Songs aus dem hohen Norden. Die Finnin präsentiert auf ihrem ersten Album atmosphärische, minimalistische Songs über den Glauben an sich selbst in schwierigen Zeiten, die Hoffnung auf Heilung, die Liebe und das Heimweh. Denn die Sängerin und Gitarristin entdeckte ihre Leidenschaft für die Mischung aus Folk, Blues und Jazz erst in Berlin, wo sie lebt. Dennoch sind ihre melancholischen Stücke sehr von ihrer Heimat geprägt.

Erik Prochnow

Alfredo Hechavarría, Fusion Batá (Eigenverlag)

Der lange hierzulande lebende Bassist und, wie hier zu hören, Multiinstrumentalist aus Kuba operiert mit großer Musiker- und Sängercrew von Jazz, Ballade oder Timba aus mit den Batá. Die u. a. in der Santería gespielten heiligen Yoruba-Trommeln gehen schon lange reizvolle Populärmusikallianzen ein. Hier integriert man deren markanten Klang durchaus gelungen (nicht so neuartig, wie beworben) in neun eigene Kompositionen.

Katrin Wilke

Helsinki Yiddish Cabaret, Jac Weinstein’s Helsinki Yiddish Cabaret (Global Music Center)

Musikschaffende aus New York, Berlin und Helsinki spielen jiddische Revuelieder (Balladen und Couplets) des in Helsinki gebürtigen Jac Weinstein (1883-1976), die einen faszinierenden Einblick in die Geschichte der lokalen russisch-jüdischen Gemeinde bieten. Arrangiert von Michael Winograd (cl) mit Lorin Sklamberg und Sasha Lurje (beide voc), Rob Schwimmer (p), Ilkka Heinonen (b) und Antti Korhola (v).

Matti Goldschmidt

Martin Hermann, If Words Were Just A Melody (Eigenverlag)

Als die eine Hälfte des Meditationszentrums Tanisha’s Planet ist es nicht verwunderlich, dass die neun Kompositionen musikalische Reisen der Selbsterforschung sind. Exzellent arrangiert, hat der Singer/Songwriter textlich anspruchsvolle und musikalisch hypnotisierende Songperlen kreiert. Dabei erhält er namhafte Unterstützung etwa von Christina Lux beim Gesang oder Markus Segschneider an der Gitarre. Eine berührenden Klangmassage, die zur Selbstreflexion anregt.

Erik Prochnow

David Hope, … And The Sea (Tourbo Music)

Sein fünftes Studioalbum hat der Ire knapp vor der Pandemie wieder unter den Fittichen des legendären Produzenten und Schlagzeugers Christian Best im Monique Studio in Cork aufgenommen. In den zwölf akustischen, emotionalen Songs wirkt seine Stimme mal wie schlaftrunken, mal rau wie die von Tom Waits. Irische und Schweizer Musikschaffende begleiten ihn sehr stimmig. Vielfach setzt er Slidegitarren ein.

Imke Staats

Herr Horst, See You Später! (Eigenverlag)

Horst Liebscher alias Herr Horst aus Berlin traut sich was: Seine neue Produktion erscheint als Langspielplatte – oder Vinyl, wie man heute sagt. Eine Herausforderung! Was gibt es dafür auf die Ohren? Fröhlichen wortverspielten Rock ’n’ Roll, der sich gerne auf Teufel komm raus reimt. Vom „Kaugummi kaun in Downtown“ bekommt man „Gute Laune unterm Schuh“ und weil es gerade so schön war „Mehr davon“.

Rainer Katlewski

Sean Keel, A Dry Scary Blue (Icons Creating Evil Art Records)

Brüchig ist die Stimme von Sean Keel aus Austin, Texas, sie klingt, als hätte er viel Leid erfahren. Obendrauf legt er nicht allzu viel Wert auf komplexe Arrangements, sein sparsames Gitarrenspiel und besonders sein Gesang, der wie „im Verschwinden begriffen“ klingt, unterstreichen dies. Und das stellt eben die intime, anrührende Atmosphäre her, von der diese Musik, von der diese Songs reichlich haben.

Michael Freerix

Anders Jormin, Lena Willemark, Karin Nakagawa, John Fält, Pasado En Claro (ECM)

Weltmusik vom Feinsten. Das nur für dieses Projekt versammelte Quartett um die schwedische Sängerin und Violinistin Willemark führt den Hörer in völlig neue Welten. Die Kombination von Bass, Percussion und der 25-saitigen Koto eröffnet bei der Vertonung von skandinavischen, chinesischen und japanischen Gedichten sowie Willemark-Kompositionen eine tiefgehende Kreativität. Die vier Meister der Improvisation bewegen sich spielerisch zwischen archaischen und zeitgenössischen Klängen.

Erik Prochnow

Thea Klar, Willkommen im Wartezimmer zu meiner Therapie (Unserallereins)

Die Leipzigerin sagt treffend zu ihrer EP: „Ich bin auf Jagd nach Hoffnung, inmitten der Zerrissenheit der Welt“. Einige der fünf Lieder, überwiegend durch Liebes- und Betroffenheitslyrik gekennzeichnet, fallen durch bombastische orchestrale Arrangements von Thea Klars Kollektiv Villa Kuntergrund auf. Im Titelsong und in „Es ist vorbei“ spielen auch politische Themen eine Rolle. Interessant die glasklare Stimme, daher vielleicht auch ihr Name?

Reinhard „Pfeffi“ Ständer

Kühnl Trombone Quartet, Lieder und Tänze (Beste Unterhaltung!)

Im mittelfränkischen Markt Erlbach gibt es die Firma Kühnl & Hoyer, Hersteller von hochwertigen Blechblasinstrumenten. Vier hervorragende Bläser präsentieren auf diesem Album, was man auf besagten Posaunen so alles spielen kann. Mal klingt es mehr nach Kurkonzert, dann nach Filmmusik oder ganz klassisch. Reine Instrumentalmusik, die manchmal sogar tanzbar ist.

Michael A. Schmiedel

Ian Lasserre, Meu Único Medo È Primavera (Ajabu! Records)

Lasseres Album ist eher Songwriting mit jazzigen Arrangements als brasilianische Musik. Er reiht sich damit ein in die neue Generation, deren gemeinsamer Bezugspunkt sparsames Arrangieren, ein ruhiger Gestus und die Suche nach neuen Sounds ist. Ihm geht es um einfache musikalische Elemente wie einen gedämpften Walking-Bass-Rhythmus oder das Singen über einen Grundakkord.

Hans-Jürgen Lenhart

Ledfoot, Coffin Nails (TBC Records)

Schon lange ist der US-amerikanische Gitarrist und Songschreiber Tim Scott als „Ledfoot“ unterwegs. Doch obwohl Bruce Springsteen mal einen Hit mit seinem Song „High Hopes“ hatte, blieb Scott ein ewiger Geheimtipp. Das mag an seinen düsteren, geradlinigen, bluesgeschwängerten Songs liegen, die sich mit den dunklen Seiten des Lebens beschäftigen. Obendrein ist dieses Album ganz pur und ohne Firlefanz produziert, was den rauen Charme von Scotts Stimme unterstreicht.

Michael Freerix

Su-A Lee, Dialogues (Sky Child Records)

Die in Südkorea geborene und klassisch ausgebildete schottische Cellistin ist seit Jahren aktiv, um ihrem Instrument den angestammten Platz in der traditionellen Musik zurückzuerobern. Auf ihrem ersten Soloalbum überzeugt sie mit fünfzehn Kollaborationen mit Kollegen wie Donald Shaw, Karine Polwart, Phil Cunningham, Duncan Chisholm oder Jenna Reid. Informatives Booklet. Außergewöhnlich gut.

Mike Kamp

George Leitenberger, Roadmovies (Silberblick Musik Berlin)

Bei dieser Scheibe wird gehöriges Fernweh mitgeliefert. George Leitenberger führt den Hörer auf die Straßen der Welt. Von Lissabon bis Tunis, von Ägypten bis Mexiko, Straßen und Wüsten, Menschen und Haltungen und die Reise zu sich selbst, Nähe und Distanz, alles dabei. Musikalisch hypnotisierend umgesetzt, die Gitarre im Vordergrund, lässig schleppende Reibeisenstimme, es grooved betörend.

Rainer Katlewski

Lia, Como Una Flor Sin Raíces (Anecdotiques)

Die französisch-argentinische Sängerin bietet eine besondere Mischung aus lateinamerikanischen Folkballaden und jazzigen Arrangements. Das Klangbild wird von für argentinische Musik ungewöhnlichen Instrumenten wie Stehbass, Clavichord oder Mandoline bestimmt. Sparsame Arrangements und relaxter Sound.

Hans-Jürgen Lenhart

Francesco Loccisano, Andrea Piccioni, Upgrade (Visage Music)

Francesco Loccisano spielt die Chitarra Battente (Schlaggitarre). Der Begriff wird verwendet, da das fünf- oder zehnsaitige Instrument den Takt der Tarantella und Pizzica angibt. Der Kalabrese verwendet diese im Barock entwickelte Gitarre auch als Melodieinstrument. Zusammen mit dem Percussionisten Andrea Piccioni schuf er ein interessantes, abwechslungsreiches Album.

Martin Steiner

Christian Lötters, Herein! (Eigenverlag)

Christian Lötters, seines Zeichens Urologe aus Greven bei Münster, hat sich mit der Liedermacherei zur Gitarre ein Hobby erkoren, bei dem er sich den Träumen einer besseren und friedlichen Welt hingeben kann. Raus aus den Alltagszwängen, aussteigen und loslassen und das Leben und den Augenblick einfach nur leben. Es ist eine leise, etwas romantische, manchmal etwas holprige Produktion geworden.

Rainer Katlewski

Masha The Rich Man, Sheyne Ziere (RAR)

Lange stand sie nur im Hintergrund und schrieb Songs für andere. 2017 brachte ihr das den German Songwriting Award ein. Nun startet die jüdische ukrainischstämmige Singer/Songwriterin ihr eigenes Musikprojekt mit intensiven Kompositionen über Scham, mentale Gesundheit oder Geschlechtergerechtigkeit. Mit ihrer engelhaften Stimme und ihrer Mischung aus Pop, Polka sowie russischer Folklore lässt sie beim Hören sofort emotionale innere Filme entstehen.

Erik Prochnow

Mata Atlântica, Retiro E Ritmo (Unsung Records)

Ein Soundscape-Album internationaler Musikschaffender mit Feldaufnahmen aus dem brasilianischen Regenwald, Stammesrhythmen und Improvisationsmusik zwischen Jazz, Ambient und gelegentlichen RnB-getönten Vocals mit Spoken Word. Akustische wie elektronische Rhythmik treiben manchmal die Dynamik an, dann erinnern die Stücke an frühen Fusionjazz à la Jon Hassell. Federführend war der Deutsche Mathias Derer.

Hans-Jürgen Lenhart

John McCusker, The Best Of (Under One Sky Records)

Doppelalbum zum dreißigjährigen Bühnenjubiläum des Fiddlers, der im Alter von siebzehn Jahren in die Battlefield Band eintrat und seitdem in zahlreichen Projekten und Zusammenhängen erfolgreich tätig ist, nicht zuletzt als Produzent. 30 Tracks in 140 Minuten, 38 illustre Instrumentalisten und 8 ebensolche Sänger und Sängerinnen, das kann man opulent nennen! Nur seine Zusammenarbeit mit Mark Knopfler ist nicht dokumentiert.

Mike Kamp

Me & Ms Jacobs, On The Run (Flowfish Records)

Die einprägsame, charismatische Stimme der Sängerin Lina Jacobs zelebriert ihre originellen, Geschichten erzählenden Songs („Another Motherfucking Lovesong“), die sich an der Musik der Sechziger und Siebziger orientieren und stilistisch zwischen Soul, Blues, Rock und Gypsyelementen nicht wirklich festzunageln sind. In textdienlichen, funkelnden Arrangements großartig aufspielende Band.

Ulrich Joosten

Júníus Meyvant, Guru (Record Records)

Seinen Stil bezeichnet Unnar Gisli Sigurmundsson als Freaky Folk Pop. Unter seinem Pseudonym knüpft der Isländer auf Guru nahtlos an seine international gefeierten ersten beiden Alben an. Seine Mischung aus Indie, Soul und Folk ist mitreißend und charttauglich. Die akustisch instrumentierten Songs über Erlebnisse seiner Jugend und die raue Natur Islands sowie seine warme Stimme bergen viele Überraschungen, die man gerne immer wieder hört. Tipp: der Song „No Man’s Land“.

Erik Prochnow

Moka Efti Orchestra, Telegramm (Motor Entertainment)

Mit der Serie Babylon Berlin fing mal alles an. Einschmeichelnder Jazz, Filmmusik für verrauchte Klubs, Kaffeehaus oder Bars am Abend. Jetzt macht das Moka Efti Orchestra unabhängig weiter, die drei Gründungsmitglieder und Gäste mit süffigen Songs, die die Atmosphäre vergangener Zeiten einfangen. Der „Surabaya Johnny“ oder die jiddische Ballade mit Karsten Troyke seien hier als Beispiele genannt.

Rainer Katlewski

David Munyon, Hong Kong Bob’s – Echo, Alabama (Mobile Home Records)

Fünfeinhalb Jahre vergingen von den ersten Aufnahmen in Günter Paulers Studio bis zur Veröffentlichung von Munyons 26. Studioalbum. Auf dem Weg stieß Ian Melrose als Arrangeur dazu, gesanglich unterstützen Katja Werker und Kerstin Blodig. Herausgekommen ist ein intimes, stilles Album mit der leicht brüchigen Stimme des Singer/Songwriters im Vordergrund, atmosphärisch und packend.

Volker Dick

Aurélia Nardini, Nen​ĭ​a Iră (Vlad Productions)

Die in Marseille beheimatete Nardini präsentiert in ihrem Soloprojekt acht Stücke zwischen imaginärem Folk, Pop und dezenter Elektronik. Sie hat ihre Stücke selbst arrangiert, bedient die Technik sowie das Schlagwerk und eine Shrutibox. Nardini singt auf Französisch, und zwar häufig auf mehreren Tonspuren gleichzeitig. Insgesamt gibt es acht Gastauftritte eines Musikers und zweier Musikerinnen, darunter Sakia Waledisch am Cello.

Ines Körver

Cynthia Nickschas & Friends, Is’ halt so! (Kick The Flame)

So, so, die Revolution soll es mal wieder richten, die Menschen aus ihrer Knechtschaft und dem Elend zu befreien. Zumindest in den Liedern der ehemaligen Straßenmusikerin Cynthia Nickschas hört sich das mit ihrer rauen Stimme, den kantigen Texten aus Gedankensplittern, Fragen, Zweifeln und Appellen und der fetzigen Musik ihrer Band irgendwie sympathisch und richtig schön rebellisch und authentisch an.

Rainer Katlewski

Inger Nordvik, Hibernation (Asta Records)

Nach ihrem gefeierten kammermusikalischen Jazztrio-Debüt“ zeigt die norwegische Singer/Songwriterin, dass sie auch mit einer aufwendigeren Produktion glänzen kann. Ihre an Kate Bush erinnernde kraftvolle Stimme wird diesmal von E-Bass, Hammondorgel, Gitarren, Blechblasinstrumenten, Retro-Synths und Streichern begleitet. Das verbindende Thema ihrer Kompositionen ist der Winterschlaf ( Hibernation ), der für die in Berlin lebenden Pianistin „die Reflexion in einer Zeit der Einsamkeit inmitten einer überstimulierten Gesellschaft“ bedeutet.

Erik Prochnow

Pierre Omer’S Swing Revue, Swing Cremona(Voodoo Rhythm)

Der verschrobene Swing (eigentlich müsste man „Zwing“ schreiben!) des Schweizers Pierre Omer passt nicht in unsere Zeit, aber in welche Zeit könnte sie schon passen? Seit seinen Anfängen bei den Dead Brothers lebt Omer in einem Paralleluniversum, in dem er uralte Kompositionen aus der Jazzgeschichte aufraut und neu interpretiert, sodass sie wie Originalstücke von ihm klingen. Seine Musik ist von einer rauen Schönheit, die ihresgleichen sucht.

Michael Freerix

The Overall Brigade, Freibier und Pastete (Eigenverlag)

Auf ihrer EP hat sich das Köln-Berliner Trio kämpferische Arbeiterlieder aus den USA vorgenommen und Songs von Joe Hill ins Deutsche übertragen. Dazu gibt es ein Cover des Dead-Kennedys-Klassikers „Holiday In Cambodia“, das hier zu „Urlaub in Afghanistan“ wird. Die Musik wandert zwischen Bluegrass und Polka. Das funktioniert, obwohl es mehr Ecken und Kanten sein dürften.

Volker Dick

Josefina Paulson, Reflektioner (Kråktjärn)

Josefina Paulson lässt uns teilhaben an der Entstehung ihrer Musik. Alle Stücke auf dem Album heißen „Präludium“, wir hören gewissermaßen, wie sich die Kompositionen durch Improvisieren entwickeln, um irgendwann zu den vollendeten Werken zu werden, die für die schwedische Nyckelharpaspielerin typisch sind. Vieles hier fußt auf schwedischen Traditionen, Polska und Schottisch sind vertreten. Hörgenuss für besinnliche Stunden.

Gabriele Haefs

Sebastian Peszko, Journey (Eigenverlag)

Der warme Klang der Violine des Berliners hat eine hypnotische Magie. Das Instrumentalalbum ist eine musikalische Reise: von irischem Folk über Gypsy Swing à la Django Reinhardt bis hin zum „Norwegischen Tanz“ des Klassikers Edvard Grieg. Stets steht die Violine im Zentrum eines hervorragenden Ensembles. Das Besondere: Die eigenen Kompositionen des Violinisten bewegen sich zwischen allen stilistischen Stühlen.

Udo Hinz

Eddi Reader, Light Is In The Horizon (Vertical Records)

Readers Album besteht aus Outtakes ihrer letzten beiden Werke und beinhaltet eine Mischung aus dem Great American Songbook und keltisch geprägten Folksongs. Dank entspannter Atmosphäre und wehmütigem Gesang sowie den betörenden Melodien wirkt es dennoch einheitlich. Einige Kleinode sind dabei, wie das beschwingte „Mary Skeffington“ von Gerry Rafferty.

Hans-Jürgen Lenhart

Phileas, Present (Armadillo Records)

Kritisch und detailversessen hat der Wahlberliner mit der Halskrause an seinem Debüt gefeilt, jedes ursprünglich klassische Songwriting vielfach überarbeitet – textlich (mit Mathias Neyrand) und musikalisch. Das Ergebnis offenbart in seinen vielschichtigen Arrangements glamouröse Referenzen an die Siebziger bis zu Bachs „Wohltemperiertem Klavier“. Pathos and Pomp at its best .

Imke Staats

Radicanto, Alle Radici Del Canto (Visage Music)

„Gesänge, die im Dialog mit Leuten am Rande der Gesellschaft entstanden sind.“ Die Gruppe aus Bari spielte im 26. Jahr ihres Bestehens zwölf Lieder aus Apulien, Kalabrien und Sizilien ein. Die Sängerin Maria Giaquinto prägt das Album mit ihrer prägnanten Stimme. Es überzeugt mit einer sanften bis rauen Mischung aus Folk mit Jazz- und Rockanleihen. Leider fehlen jegliche Infos und Liedtexte.

Martin Steiner

Lulo Reinhardt, 20 Jahre Latin Swing Project (DMG Records)

Ein ungemein schönes Live-Doppelalbum zum zwanzigjährigen Bestehen des Latin-Swing-Projekts, auch wenn die Aufnahme schon von 2019 stammt. Der sympathische Gitarrist aus Koblenz hat hier seine „Getreuen“ um sich versammelt und gibt gewissermaßen ein Best-of seines reichen kompositorischen Schaffens. Die großartige Spiellaune überträgt sich locker auch per Tonträger. Glückwunsch!

Rolf Beydemüller

Susanne Riemer Duo, Unverpackt (DMG Records)

Die Jazztrompeterin und Sängerin (plus Flügelhorn und Euphonium) sowie ihr musikalischer Partner und Arrangeur Wilhelm Geschwind an Gitarren-Bass-Hybrid und Fußpercussion haben (bis auf ein Stück) das komplette Album live und ohne Overdubs eingespielt. Originelle deutsche Texte (teils im Kölner Dialekt), sparsam und textdienlich arrangiert, musikalisch überzeugend zwischen Jazz, Pop und Liedermachertradition. Außergewöhnlich.

Ulrich Joosten

Andreas Risan, Moln (Gammalthea)

Andreas Risan ist Schwede, und nach eigener Aussage hat er schon als Knabe seine Liebe zur schwedischen Volksmusik in ihrer ganzen Vielfalt entdeckt. Später hat er ein Jahr in Norwegen verbracht, um Hardingfele zu studieren. Ganz nebenbei macht er Theater und unterrichtet junge Talente im Spiel von Geigen und Nyckelharpa. Nun legt das Multitalent sein erstes Album vor: unbedingt hörenswert.

Gabriele Haefs

Robespierre, Sandclocks Of Eternity (At Mango’s)

Seit 1980 ist der Allgäuer Franz Mang musikalisch als Robespierre unterwegs. Auf diesem Album widmet er sich in recht düsteren Songs Legenden der Vergangenheit. An der Gitarre Florian Opahle, der mit Jethro Tull unterwegs war. Dementsprechend neigt der Sound der fünfköpfigen Band dem klassischen Rock britischer Prägung zu.

Almut Kückelhaus

Hans Rohe, Niemand spielt Klavier (Oberdeich Records)

Der Wahlberliner Hans Rohe, der seit Jahren Musik in verschiedenen Formationen macht, hat in seinen Geschichtenliedern den Blues. Die – oft vergebliche – Suche nach dem Glück, Einsamkeit, Neuanfänge, Trennungen, Erwartungen, Hoffnungen und Zweifel werden von ihm in flotten Songs durchdekliniert. Da schlängelt sich halt einer durchs Leben, nicht happy, ohne Illusionen, aber auch ohne Depressionen.

Rainer Katlewski

Mitch Ryder, Georgia Drift (Buschfunk)

Mit gebrochener Stimme croont sich der 78-jährige Detroiter durch die erste Nummer seines 32. Albums. Es folgen Blues, Southern Soul, Rock, nicht mehr so wild wie früher, aber immer noch mit viel Ironie. Dass es diesmal rückschauend um die ganz großen Themen geht, verraten auch die Liedtitel, die alle aus einem Wort bestehen, darunter „Love“, „Lord“, „Naked“ und – wie könnte es anders sein – auch „Mask“.

Martin Wimmer

Yago Santos, Homenaje A Claude Debussy (Karonte)

Flamencogitarrist Yago Santos erweist mit seinem neuen Album dem großen französischen Impressionisten Claude Debussy die Ehre. „Clair de Lune“, „La Fille Aux Cheveux De Lin“ oder das geheimnisvolle „Syrinx“, ursprünglich für Querflöte solo, nun also für einzelne Gitarre. Santos meistert die technischen Klippen der erstaunlichen Bearbeitungen bravourös und tritt den Beweis an, dass die Gitarre ein Orchester en miniature ist. Die einzige Fremdkomposition stammt von Manuel de Falla.

Rolf Beydemüller

Manuel Sattler & Band, Toptourist (Sarre Side Music)

Zusammen mit fünf weiteren Bandmitgliedern singt Manuel Sattler Lieder auf Saarbrigger Platt, aber auch eines auf Standarddeutsch und hört sich bei ersteren ein wenig an wie Wolfgang Niedecken, auch wenn dieser auf Kölsch singt. Es geht viel um Sexualität und Liebe, aber auch um Klimawandel, Wachstumswahn und die Zerstörung von Erde und Mars. Die Musik klingt dabei meist fröhlich und gut gelaunt.

Michael A. Schmiedel

Schwarze Grütze, Lieblingslieder (Buschfunk)

Ein Best-of der Potsdamer Musikkabarettisten Dirk Pursche und Stefan Klucke aus 25 Jahren Bühne. Feinster schwarzer, mitunter makabrer Humor über einen Hochhaus-Selbstmörder mit Medienrummel, gehätschelte Teenager, die heute eher den Stubenarrest als die frische Luft bevorzugen oder die Kompliziertheit der Welt, die vom Neandertal ins Digital mutiert. Witzige Wortspielereien und Schüttelreime in Liedform.

Reinhard „Pfeffi“ Ständer

João Selva, Passarinho (Underdog Records)

Bei João Selvas Album meint man, eine brasilianische Wiederveröffentlichung aus den Siebzigern zu hören: Etliche Songs haben Arrangements mit Orchester, oder es gibt Discorhythmik und Funkstücke, die direkt aus der großen Zeit des Samba-Funk-Movements kommen könnten. Gegen eine Hommage an diese Periode ist nichts zu sagen, überzeugender wirkt Selva jedoch in den weniger aufwendigen Arrangements.

Hans-Jürgen Lenhart

Selsølåter, Regnvejrsdanser (Go’ Danish Folk Music)

Eigene Kompositionen von Svend-Erik Pedersen und Per Fjord, die sich auf skandinavische und dabei vor allem dänische Musiktraditionen berufen. Der Untertitel „Lieder vom Selsøfjord“ braucht nicht allzu wörtlich genommen zu werden, viele Melodien sind durchaus nicht ortsgebunden. Wir hören auch den Chorgesang, der noch heute auf den Färöern gepflegt wird, Sprechgesang im Stil der Liedermacher der Siebziger und vieles mehr.

Gabriele Haefs

Anna Setton, O Futuro É Mais Bonito (Galileo-MC)

Der sinnliche Gesang und die eingängigen Songs der Brasilianerin Anna Setton erinnern an Bebel Gilberto, obwohl weniger aufwendig produziert wurde. Sphärische Klänge, Rhythmuswechsel, dezente Arrangements und leichtfüßige Grooves bestimmen die Musik. Hier klingt nichts allzu modisch, aber auch nichts zu hausbacken. Gefühl ist Trumpf.

Hans-Jürgen Lenhart

Siger, Rodeland (Trad Records)

Ward und Hartwin Dhoore sind Brüder und zwei Drittel des Trio Dhoore. Als neues Duo nennen sie sich Siger. Ward Dhoore spielt Mandola und Gitarre, Hartwin Dhoore das Akkordeon. Das Album Rodeland ist ein Gruß an ihre Heimatregion in Ostflandern. Auf dem dahinplätschernden Werk fallen die Tracks „Flamsk Fika“ und „Barbaren“ positiv auf.

Christian Rath

Luisa Sobral, Dansando (O-tone Music)

Die Portugiesin schrieb das Lied „Amar Pelos Dois“, mit dem ihr Bruder Salvador Sobral 2017 den Eurovision Song Contest gewann. Dansando ist ein Album über das Glück der Liebe. Es wurde in São Paulo und Lissabon aufgenommen und verbindet die Leichtigkeit und Melancholie der Musik der beiden Länder. Das Resultat: Ein Werk mit leichter Popmusik und lockeren, zuweilen opulenten Arrangements.

Martin Steiner

Soveles, Soveles (Klangue Records)

Die beiden in Wien gebürtigen Musikerinnen Isabel Frey und Esther Wratschko steigen mit diesem ersten gemeinsamen Album in die archivierte Welt des rein vokalisierten (also instrumental nahezu unbegleiteten) traditionellen jiddischen Gesangs ein. Jiddische Arbeits-, Liebes- und Wiegenlieder über Frauen- und Menschenrechte in einer von Männern regierten Welt, oft gespickt mit einer Portion Sozialkritik.

Matti Goldschmidt

Spellbound, Anam Cara (Continental Song City)

Die Sängerin, Künstlerin und Songschreiberin Julie Scott hat eine jener magischen Stimmen, die einem unter die Haut kriechen und sich tagelang im Gehörgang einnisten. Mit dreizehn Songs, musikalisch im Spannungsfeld zwischen Cool Jazz, Folksong und Blues/Americana verbreitet dieses im Coronawinter Ende 2020 von acht Musikschaffenden komplett auf Distanz eingespieltes Album einen ganz eigenen Reiz. Sehr hörenswert.

Ulrich Joosten

Spirit & Pleasure – Christoph Mayer & Johanna Seitz, Good Taste (Aeolus)

Die beiden Genannten und Monika Nielen haben Musik in München, Salzburg und Köln studiert und spielen auf Geige, Harfe und Oboe Stücke von den Britischen Inseln vorwiegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Man taucht ein in die barocke Zeit des aufsteigenden Empire, sieht Dreispitze, rote Uniformen und Segelschiffe vor dem geistigen Auge. Zugleich hört man hier eine Quelle der heutigen Folkmusik.

Michael A. Schmiedel

John Steam Jr., Windshift (Eigenverlag)

Obwohl nur vier Stücke zur Verfügung stehen, zeigen diese bereits die Energie und Spielfreude von Bandleader John Steam jr. Nach zwei Vorgängeralben nahm er sich diesmal das Thema „Veränderung“ vor. Das betrifft auch den Bandsound: Den soliden Rock spielte er mit einer neuen Kapelle binnen zwei Tagen in der Nürnberger Eventlocation „Ranch“ ein, auf deren Dach ein Wetterhahn sitzt, der zu Artwork und Albumtitel inspirierte.

Imke Staats

Swing Gitan, Sur La Corde (Intertune Records)

Das Trio Swing Gitan aus Grafing bei München macht schon im Namen deutlich, welche Musik es spielt. Michaela Knappik singt auf Französisch, Martin Knappik spielt Gitarre und Robert Winkler Bass. Die Songs auf ihrem ansprechenden Debütalbum hat das nicht ganz junge Trio selbst geschrieben.

Christian Rath

Tip Jar, Songs About Love And Life On The Hippie Side Of Country (Shine A Light Records)

Sonniger Siebziger-Country-Folk-Pop, der perfekt den Westcoast-Sound Kaliforniens einfängt. Kommt aber aus den Niederlanden. Bart de Win und Arianne Knegt teilen sich abwechslungsreich den Gesang bei Liedern über Gartenfeste, auf denen Gäste fernab aller persönlichen oder Weltkrisen unbeschwert über Rasensprenger laufen: „So much love, so much care, pouring out from everywhere.“ Beneidenswert.

Martin Wimmer

Toasaves, Zwerver (Muziekpublique)

Das erste Album des belgischen Ensembles präsentiert Kompositionen von Wannes van de Velde (1937 bis 2008) sowie Stücke aus einem von diesem zusammengestellten großen Liederbuch, das auch Melodien aus Südosteuropa und dem Nahen Osten beinhaltet. Ihnen hat der Oud- und Latvaspieler Tristan Driessens neues Leben eingehaucht. Die Tracks kombinieren Mittelalter- und orientalische Musik.

Ines Körver

Ukes Of Tomorrow, Seconds Of Our Lives (Viking Wreckchords)

Punkrock, New Wave und Grunge werden zu wildem Folk: Kent Nielsen und Thorsten Scharfenberg ersetzen verzerrte Gitarren durch Ukulelen und Mandolinen und singen Songs von Band wie The Jam, Big Country oder The Damned. Das Duo ist eine Partyband und feiert die vierzehn in Lübeck aufgenommenen Akustikversionen als draufgängerische Americanasongs ab. Das Resultat: Folk so wild und gut wie Punk.

Udo Hinz

Mahsa Vahdat & Skruk, Braids Of Innocence (Kirkelig Kulturverksted)

Prophetischer hätte Vahdat im Sommer 2022 ihren Albumtitel kaum ersinnen können. Mit dem Politikum „Kopfbehaarung“ hat die Iranerin schon als Neunjährige ein prägendes Erlebnis gehabt. Das Album enthält neun intime, getragene und nicht allzu orientalische Stücke für Sologesang, Chor und Harfe. Die Texte handeln mehrheitlich von weiblichem Freiheitsdrang.

Ines Körver

Torgeir Vassvik, A Place Behind The Gardens Of The Houses. BÁIKI. (OK World/Jazzland Recordings)

Torgeir Vassvik bezeichnet sich selbst als „arktischen Klangmagier“, und sein neues Album bestätigt diese Eigensicht. Sehr viel Joik, tiefer Kehlkopfgesang, als ob ein Drache singt, vielerlei Inspirationen aus der Musik der Völker am nördlichen Rand Europas. Alle Stücke dieser Klangwelt hat er selbst komponiert und scheint deutsche Titel zu lieben – „Rosenrot“ und „Ein Lied“ – ohne dass der Bezug zu den Stücken klar würde.

Gabriele Haefs

Suzie Vinnick, Fall Back Home (Eigenverlag)

Die Kanadierin Suzie Vinnick zaubert den elektrischen Blues praktisch aus dem kleinen Finger ihrer linken Hand, wobei sich bei ihr alles in Richtung Soul und Gospel öffnet. Ihre Stimme steht dem in Nichts nach. Die kraftvolle Sängerin singt über Liebe und Verzweiflung, zwei Themen, die im Blues weit verbreitete sind. Trotzdem klingt bei ihr alles frisch, wenn auch mit einer ordentlichen Retro-Patina.

Michael Freerix

Viorel, Flandrians (Trad Records)

Im Duo Viorel spielen Akkordeonist Hartwin Dhoore (Trio Dhoore) und Gitarrist Jeroen Geerinck (Snaarmaarwaar) zusammen. Ihr Repertoire besteht aus selbst geschriebener Bal-Folk-Musik, angenehm zu hören, aber sie bleibt nicht im Ohr.

Christian Rath

Dieter van der Westen Band, Honesty Of The Hopeful (Eigenverlag)

Allerfeinste Americanamusik, von der beseelten Ballade („Still Crazy“). folkigem Fingerpicking („Bittersweet“) bis zur Upbeat-Nummer mit Banjo- und Gitarrenlicks („Homeward Bound“). Kompetent eingespielt von sechs hochkarätigen Musikschaffenden auf E- und A-Gitarren, Dobro, Banjo, Violine und Drums. Mit seinen Songs und seiner ausdrucksstarken Stimme kann van der Westen locker mit der oberen Singer/Songwriter-Liga mithalten.

Ulrich Joosten

Wildes Holz, Grobe Schnitzer (Holzrecords)

Gegen den Strich: Das Trio um den Blockflötenvirtuosen Tobias Reisige belebt einen Punkklassiker der Ramones als Akustikfetzer, zersägt Vivaldis Flötenkonzert mit verzerrter Gitarre und zelebriert Grönemeyers „Mensch“ als Mandolinen-Flöten-Hymne. Die Coverversionen vereint: Bekanntes strahlt neu im warmen Klang von Blockflöte, akustischer Gitarre und Kontrabass – stets lustvoll mitreißend!

Udo Hinz

Lainey Wilson, Bell Bottom Country (Broken Bow Records)

Schlammspritzer, Kuhfladen und Gülle, so war das mal auf dem Bauernhof. Superstar Lainey Wilson macht modischen Schlaghosen-Country für Städter mit chromblitzenden SUVs, imprägnierten Stiefeln und zartem Liebeskummer, der sich nach dem Wochenende wieder verflüchtigt hat. Selbst im Cover von „What’s up“ (4 Non Blondes) aber immer eine Spur authentischer als die Konkurrenz.

Martin Wimmer

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