Rheinland Grapefruit

Mein Leben, Rainald Grebe

26. August 2022

Lesezeit: 2 Minute(n)

Es gibt nicht viele Gründe, schon mit fünfzig seine Autobiografie zu schreiben. Einer davon ist, eine Krankheit zu haben, von der man nicht weiß, wie lange sie einen noch leben lässt. Grebes Autoimmunerkrankung hat seit 2017 mehrere Schlaganfälle bei ihm ausgelöst. Aber der Musiker und Kabarettist wäre nicht er selbst, wenn er dem nicht mit Humor begegnen würde. So liest sich sein Buch wie ein Parforceritt durch sein Leben und durch die Jahrzehnte, seziert er sein eigenes Werden und zugleich das der Bundesrepublik Deutschland der Siebziger bis heute. Die Aufmachung mit Fotos aus dem Familienalbum, Zeitungsschnipseln und mehr hat etwas von einem privaten Tagebuch. Datumseinträge, Tagesabläufe, Ursachenforschung, Behandlungsansätze seines Rehaaufenthalts Anfang 2021 im brandenburgischen Teupitz bilden den Rahmen für die chronologisch angeordneten Erinnerungen. Die wiederum teils fantastischen bis bizarren Charakter haben und sich mit Traumähnlichem oder Eingebildetem vermischen. Wie in seinen Liedern ist das alles mit Ironie und Galgenhumor gespickt und nicht immer leicht zu erkennen, was ernst gemeint ist, was stimmt und was nicht. Dramaturgisch geschickt spiegelt es Grebes eigene Unsicherheit darüber, welchen Informationen seines Gehirns er noch trauen kann. Von daher ist es weniger eine Autobiografie als mehr eine Fantasie mit autobiografischen Elementen, die teils eigentherapeutischen Charakter besitzt, als diene ihm das Buch als Erinnerungsstütze, wo er alles wiederfindet, was ihm nicht mehr einfällt. So kommt im Laufe der Lektüre ein anderer Grebe zum Vorschein, nicht mehr der klamaukhafte Narr, der alles durch den Kakao zieht – der Ernst, das Damoklesschwert des Todes und die Angst davor werfen sich wie immerwährende Schatten über die Seiten und mengen jeder Aussage eine Schwere bei, die nachdenklich stimmt. Besonderes Extra: die kunst- und fantasievollen Zeichnungen des Illustrators Chrigel Farner, der die Gedankenflüge des Autors auf kongeniale Weise visualisiert.

Stefan Backes

RAINALD GREBE: Rheinland Grapefruit. Mein Leben / mit Zeichnungen v. Chrigel Farner. – Berlin [u.a.] : Voland & Quist, 2021. – 333 S. : mit zahlr. Abb. u. Fotos.

ISBN 978-3-86391-314-4 – 28,00 EUR

Bezug: voland-quist.de

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