Das viertägige Open Ohr Festival an Pfingsten auf der Mainzer Zitadelle ist mehr als ein lärmendes Musikfest. 1975 von den Waldeck-Veteranen Martin Degenhardt, Reinhard Hippen und Tom Schroeder als Gegenkulturfestival ins Leben gerufen, war es das erste politische Jugendkulturfestival unter jährlich wechselndem Motto, das von einer jungen, sich erneuernden Projektgruppe gestaltet wird. Während bei den frühen Festivals Themen aus der Arbeitswelt überwogen, traten seit den Achtzigern Faschismus und Fremdenfeindlichkeit in den Mittelpunkt. Die jüngsten Festivals beschäftigten sich mit der psychischen Gesundheit in Zeiten virtueller Überforderung, den neuen Medien, der Geschlechterdiversität oder der Flüchtlingspolitik. Waren die Mitwirkenden anfangs meist männlich, verschaffte die Projektgruppe Frauen mehr Gehör: Mit Nina Hagen, Dota, Marie Boine, Inga Rumpf, Barbara Thalheim und den Lassie Singers waren namhafte Musikerinnen am Start. Von Anfang an hatte man auch die regionale Szene im Blick: die Die Crackers, Jürgen Schöntges, die Tom Bombadil Folkband und Lars Reichow waren gern gesehene Gäste und arbeiteten noch dazu am Festival mit. Das Budget für Künstlerinnen und Referenten beträgt ein Fünftel der Gesamtausgaben, dennoch standen auch Hochkaräter wie Fairport Convention, Clannad, Bots oder Rio Reiser auf dem Programm. Versuche der Politik, das provokant linksdrehende Festival an die Kandare zu nehmen, gab es einige. Heute steht es unter „Sonstige Jugendarbeit“ mit geplantem Nullsummenspiel fest im Mainzer Haushalt, Angriffe bleiben aufgrund der wachsenden Beliebtheit und Akzeptanz des Festivals aus. Was macht das Open Ohr aus? In persönlichen Erinnerungen, Interviews, Fotos und Rekonstruktionen verdeutlicht es das Buch und zeigt die anheimelnden Auftrittsorte, die kleinen intimen Bühnen auf der Mauer, das offene Ohr für alle Musikrichtungen, das tolle Kinderprogramm, die Kabarett- und Kleinkunstnächte im Zelt, der bis auf den letzten Platz besetzte Filmkeller, die Gesprächsforen, die Workshops, die Essens- Getränke- und Flohmarktstände und die Spaziergänge an der bewaldeten Burgmauer entlang.
Fred Balz
Open Ohr Verein e. V. [Hrsg.]:
Wer jetzt nicht tanzt : 50 Jahre Open Ohr Festival. – Mainz : Ventil-Verl., 2024. – 1976 S. : mit zahlr. Farb- u. s/w-Fotos
ISBN 978-3-95575-228-6 – 20,00 EUR





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