Imarhan

Melancholie und Rhythmus

24. März 2026

Lesezeit: 3 Minute(n)

Nachdem der deutschstämmige Filmkomponist Hans Zimmer den Auftrag erhalten hatte, die Musik zur Neuverfilmung des Fantasyepos Dune zu schreiben, zog er sich für eine Woche in die Wüste Utahs zurück, um die Stimmung und vor allem die Klänge dieser besonderen Landschaft in sich aufzunehmen. Wie wohl wäre die Filmmusik ausgefallen, hätte Regisseur Denis Villeneuve Musikerinnen und Musiker mit der Aufgabe betraut, denen die Wüste von Jugend an vertraut ist?

Text: Harald Keller

Zum Beispiel die Band Imarhan. Die Musiker leben und arbeiten im südalgerischen Tamanrasset. Als Oase einst Zwischenstation passierender Karawanen, heute Provinzhauptstadt mit rund 93.000 Menschen, einem Flughafen, einer Universität, viel Militär. Und einem Tonstudio mit dem Namen Aboogi. Wer hier aufnimmt, sitzt auf Teppichen, unter einer geflochtenen Decke. Eine folkloristisch anmutende Umgebung, ausgestattet mit neuester Technik.

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Eingerichtet wurde das Studio von der 2006 gegründeten Band. Iyad Moussa Ben Abderahmane alias Sadam (Gitarre, Leadgesang), Tahar Khaldi (Bass), Haiballah Akhamouk (Percussion), Hicham Bouhasse (Percussion, Gitarre) und Abdelkader Ourzig (Gitarre) sind Angehörige der Kel Tamashek, auf Kolonialdeutsch „Tuareg“, eine der ursprünglich nomadischen indigenen Ethnien der nordwestafrikanischen Länder. Seit Jahrhunderten erfahren diese Verdrängung und Verfolgung, verfügen bis heute über keinen eigenen Staat. Und wieder sind Karawanen auf der Transsahararoute unterwegs und passieren Tamanrasset – Vertriebene auf dem Weg nach Norden.

Auf Essam, ihrem neuen, dem vierten Album, greifen Imarhan die Weltlage auf, mal in poetisch verbrämten, mal in eindeutigen Texten: „Ich fuhr durch Tin Arayth. / Ich verbrachte die Nacht in Tin Achachan. / Ich sah Männer bei der Arbeit. / Es waren Sudanesen, Nigerianer, Tschader. / Einige hatten ihr Ziel erreicht, andere hielten Ausschau, / Einige suchten, andere waren verloren.“

Das Klangbild entspricht der elektrifizierten Saharafolklore Assouf, ein Begriff mit ähnlicher Bedeutung wie Blues oder Saudade. Die Tonalität des Gesangs, Lead wie Chorus, changiert zwischen wehmütig, hoffnungsvoll und fordernd.

Enge Verbindungen bestehen zu dem älteren, der Rebellenbewegung entstammenden Musikerkollektiv Tinariwen. Dessen Multiinstrumentalist Eyadou Ag Leche ist Sadams Vetter und als Komponist des Tracks „Adounia Touchal“ auf Essam vertreten.

Mit ein wenig Fantasie kann man die sinnlichen Eindrücke eines Lebens in der Wüste heraushören. Oder hineininterpretieren. Die schwirrenden, auf und ab schwellenden Gitarren, das Keyboard in „Tamiditin“ lassen sich als akustische Übersetzungen des Wüstenwinds auffassen, der Beat in manchen Titeln als die durch den Sand gebremsten Schritte einer Karawane. In „Okcheur“ scheint die Rhythmussektion gemächliches Hufgetrappel nachzuahmen. Das Album lädt zu solchen Assoziationen ein und vermittelt zugleich die Gefühlswelt der Musizierenden.

Schon Tinariwen hatten sich von „westlicher“ Rockmusik inspirieren lassen, einheimische Saiteninstrumente durch elektrische Gitarren ersetzt. Imarhan verfolgen diesen Weg weiter und gingen bei der Produktion von Essam ihrerseits neue Wege. Als Produzenten buchten sie ihren langjährigen Tontechniker Maxime Kosinetz und den Multiinstrumentalisten Emile Papandreou, der mit seiner Partnerin Neysa unter dem Projekttitel UTO sowohl den Dancefloor bedient als auch epische Elektronik komponiert. Der Bogen zum Thema Filmmusik: Dune und Imarhan plus UTO – das würde passen.

Termine:

13.04.26 Hamburg, Knust

15.04.26 Berlin, Gretchen

19.04.26 Köln, Gebäude 9

21.04.26 München, Hansa39

Aufmacher:
Imarhan

Foto: Marie Planeille

Aktuelles Album:

Essam (City Slang, 2026)

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