Fünf Jahrzehnte deutsches Folkrevival (1)

Aktive und Quellen – Die Suche nach demokratischen Liedern

28. April 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Schon seit einiger Zeit häufen sich die fünfzigjährigen Jubiläen im Rahmen des Deutschfolkrevivals der 1970er-Jahre – Musikschaffende, Festivals, Clubs, Plattenlabel, Tonstudios … Und weil die Erinnerung an die damalige Zeit zu verblassen droht, gerade auch im Hinblick auf die wieder zunehmend folkaktive Jugend, hat die folker-Redaktion beschlossen, in einer mehrteiligen Serie diverse Aspekte dieses Revivals ein wenig genauer vorzustellen. Zum Auftakt: Aktive und Quellen der damaligen Zeit.

Bereits erschienene weitere Artikel der Serie:

Der Vertraute der Folkszene – Zu Besuch bei Günter Pauler in Northeim

Gibt es eine demokratische Musiktradition in Deutschland? Diese Frage stellten sich Anfang der Siebzigerjahre einige Musikschaffende. Sie begannen, nach aufklärerischem Liedgut zu suchen und es wiederzubeleben. Der Deutschfolk war geboren.
Text: Udo Hinz

„Ich spielte bereits drei Jahre Folkmusik – von American Songs bis Irish Folk“, berichtet Wolfgang Beisert, der 1976 in Göttingen die Deutschfolkband Lilienthal mitgründete, um deutsche Songs, Instrumentaltitel und Volkstanzmelodien wiederzuentdecken. „Wir suchten in Liederbüchern, zum Teil älteren Tanzmusikheftchen. Zudem recherchierten wir in der Bibliothek des Göttinger Volkskundearchivs. Wichtig war natürlich der ‚Steinitz‘, die berühmte Liedersammlung mit ihren deutschen Volksliedern demokratischen Charakters. Zugleich schauten wir auch, was bestehende Bands wie Ougenweide oder Singspiel machten und beobachteten Festivals in Nachbarländern.“ Rückblickend meint Beisert: „Das Deutschfolkrevival machte Spaß und zeigte, dass es auch andere Lieder und junge Menschen gab, die ein zeitgemäßes und vorzeigbares Bild des demokratischen Deutschland repräsentierten. Deshalb wurde Lilienthal gern von der Stadt Göttingen in Partnerstädte gesandt – wie zum Beispiel ins polnische Toruń.“

___STEADY_PAYWALL___

Viele Gruppen begannen damals mit keltischem oder amerikanischem Folk, entdeckten ihre eigne deutsche Tradition, es folgten Platten und Tourneen. Dabei bauten die Bands auf das erste Erwachen demokratischen deutschen Liedgutes in den Sechzigern auf: den Festivals auf Burg Waldeck, dem Repertoire Hein und Oss Kröhers oder dem Peter Rohlands. Aus diesen ersten Anfängen entwickelte sich eine vielfältige Szene. Aus allen Regionen der Bundesrepublik kamen Bands: von Liederjan und Helmut Debus aus Norddeutschland über Frank Baier aus dem Ruhrgebiet und Günter Gall vom Niederrhein bis hin zu Zupfgeigenhansel und Linnenzworch aus Schwaben sowie der Biermösl Blosn und der Fraunhofer Saitenmusik aus Bayern. Hannes Wader veröffentlichte die Alben Plattdeutsche Lieder und Volkssänger und gab der Bewegung noch mehr Popularität. Parallel dazu vertonte die Hamburger Band Ougenweide mittelalterliche Texte und schuf einem visionären Folkrock.

„Ein Kaleidoskop regionaler Musiken und Traditionen aus den Archiven vor Ort.“

Manfred Jaspers, Mitgründer von Moin, erzählt: „Ich schloss mich 1969 einer Musikgruppe in Kiel an, die irische und schottische Folkmusik spielte. In den Semesterferien ‚tourten‘ wir durch Irland und trafen auf Koryphäen wie Planxty. Ich studierte ein Jahr in Schottland und fand mich in der Hochzeit der Neubelebung der schottischen Folkmusik wieder. Ich war angefixt und fragte mich, wo denn im deutsch- oder plattsprachigen Raum ähnliches Liedgut zu finden wäre. Im Archiv der führenden Persönlichkeit der Jugendmusikbewegung, Fritz Jöde, fand ich plattdeutsche Volkslieder. Das Projekt Moin war geboren, und im März 1974 fand in Kiel die erste Aufführung statt.“ Für Jaspers waren diese Jahre „eine berauschende Zeit“ mit dem Ansinnen, verloren geglaubte Volkslieder wieder hör- und erlebbar zu machen in Kneipen und Jugendzentren, auf Festivals, in Radiosendern und im TV.

TV-Auftritt 1978 von Moin mit Mense Schwitters, Jutta Schmeck und Manfred Jaspers

Foto: Archiv Manfred Jaspers

In der DDR gründeten sich Bands wie Folkländer, Wacholder, Liedehrlich oder das plattdeutsche Duo Piatkowski & Riek. Jürgen B. Wolff von den Folkländern erinnert sich: „Wir begannen 1976 in Leipzig mit irischen Folksongs – was unter DDR-Verhältnissen freilich einen brisanteren Beigeschmack hatte als in der BRD. Im Sommer/Herbst 1976 kam Deutschfolk als Aufforderung zum Tanz aus dem Westen. Natürlich kannte auch die DDR Volkslieder. FDJ-Singegruppen streuten welche in ihre Agitprop-Programme ein, Chöre sangen artig arrangierte vierstimmige Sätze, und auch Weltstars wie Peter Schreier machten sich daran zu schaffen. Was alldem fehlte, war der Kick. Als wir in Leipzig eine Werkstatt für die erste Generation von Ostfolkies organisierten, hörten wir neben irischen auch deutsche Lieder von der Erfurter Folkloregruppe, die später Brummtopf hieß. Was kaum verwunderte: Erfurt hatte guten Westempfang, und der Hessische Rundfunk beamte regelmäßig Folk durch den Drahtzaun. Bald kursierten Kassetten mit Zupfgeigenhansel, Fiedel Michel, Liederjan oder Kannmacher & Schöntges. Da wir Ossis waren und seitens des Systems in unseren individuellen Willensbekundungen amputiert, brauchten wir eine Art Entschließung, mit der wir uns die Aneignung deutschen Volksliedgutes sozusagen selber auferlegten. Sieh her, liebes Kulturministerium, uns ist an der Aufarbeitung des progressiven deutschen Volksmusikerbes gelegen, und wir hätten dafür gerne eine Genehmigung. Das hört sich aus heutiger Sicht unterwürfig an, war seinerzeit aber der einzige Weg, unser Ding machen zu können, ohne im Knast zu landen. Kultur in der DDR war streng in Module eingeteilt: Es gab Singeklubs, Chöre, Trachtengruppen und Herbert Roth, aber es gab keine Folkbands und keine Vorstellung davon, was dies sein könnte. Die während der Werkstatt 1976 fixierten Forderungen sollte, so der Plan, ein Genosse aus der Runde, der sich später als Stasioberst entpuppte, beim Kulturminister vortragen. Will sagen: Wir waren Anfang zwanzig und hatten ein gewisses Grundvertrauen in die DDR-eigene Lesart des Demokratiespielens.“

Rückblickend hat es den Deutschfolk als landesweite „deutsche“ Musik eher nicht gegeben. Entstanden war etwas viel Interessanteres: ein Kaleidoskop regionaler Musiken und Traditionen, geschöpft aus den Archiven vor Ort. Deutschfolk der Siebziger war eine Musik der Vielfalt und Offenheit – noch heute wegweisend.

Buchtipps:

Florian Steinbiß, Deutsch-Folk: Auf der Suche nach der verlorenen Tradition (Fischer Taschenbuch, 1984)

Bernhard Hanneken, Deutschfolk – Das Volksliedrevival in der BRDDR (No Ethno, 2021)

3
Aufmacher:
Gegründet vor fünfzig Jahren: Lilienthal, 1976; v. l. Rainer Schobeß, Anette Schwagmeier, Herwig Steymans († 2003), Manfred Bartmann, Wolfgang Beisert, Hans-Jörg Maucksch

Foto: Archiv Wolfgang Beisert

In Heft #2.26 beschäftigen wir uns im Rahmen der Serie anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums des Nürnberger Bardentreffens insbesondere mit den damals fast flächendeckend veranstalteten Folkfestivals.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung

L