Treffen der Generationen

Das sechste DeutschFolk-Festival / Diverse Spielorte, Jena und Umgebung, 21.-23.8.2026

6. Oktober 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Fünf Jahre ist es her, dass erstmals ein Festival unter dem Slogan „Deutschfolk“ an den Start ging. Das Wanderfestival, initiiert durch die gleichnamige Initiative von Profolk, fand 2021 erstmals und ebenfalls in Jena statt. Im Sinne von „Irish Folk“ oder „Svensk Folkmusik“ soll dieser Begriff die Auseinandersetzung mit den regionalen Traditionen Deutschlands zum Inhalt haben – Instrumentalmusik, Vokalformen und Tanz. Das Ganze hat also nichts mit nationaler Borniertheit zu tun, wie der Laie vielleicht denken könnte, sondern mit dem Bedürfnis, regional Eigenes zu finden, zu bearbeiten und zu benutzen.
Text: Ralf Gehler

Vier von diesen nunmehr sechs Festivals konnte ich besuchen. Dieses war ein besonderes. Zum einen brach das Potenzial der jungen Musikantinnen und Musikanten hervor, die – aufgewachsen in der Szene und ausgerüstet mit deren Erfahrungen – selbstbewusst aufspielten. Leicht, groovig und mit einer Vorstellung von Tänzen, die zu ihrer Musik getanzt werden sollte.

Eröffnung mit dem Leipziger Folk Orchester in der Kulturkirche in Löbstedt

Foto: Wolfgang Leyn

Zum anderen war es das Spektrum dreier Folkmusikgenerationen, von Musizierenden und Publikum, die in und um Jena zusammentrafen. Die Gruppe Folkländer aus Leipzig feiert in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Jubiläum, unter anderem mit einem Konzert auf dem DeutschFolk-Festival im Am-Vieh-Theater in Beulbar. Sie gehörten zu den ersten Bands der DDR, die deutsche Lieder in den Siebziger- und Achtzigerjahren entstaubten und einem neuen Publikum zu Ohren führten. Folkländer begleiteten die ersten Folktanzveranstaltungen, deren Inhalte und Methoden man sich Ende der Siebziger in der Tanzhausbewegung in Budapest aufschnappte. Ohne pathetisch werden zu wollen – es war der Boden auf dem fünfzig Jahre lang vieles gedieh.

Als dann die knorzige Stimme Jürgen Wolffs über den Platz schallte, wurde mir etwas warm ums Herz. Manch anderem auch, wie ich merkte, als ich mich im Publikum umschaute. Mit ihr war ich als Vertreter der zweiten Generation quasi aufgewachsen. Sie verkörpert bis heute ziemlich genau jenen Charakter unserer Musik, der für mich wichtig ist – herb, persönlich und unverwechselbar. Auf dem Cover der Folkländerplatte von 1982 ist zu lesen: „Für alle Gutgläubigen und die, die es gerne so hätten: So haben diese Lieder zu keiner Zeit geklungen. Es ist unsere ureigene Auffassung …“ Dieser Umgang mit den musikalischen und textlichen Quellen der Vergangenheit hat sich die Szene eigentlich bis heute bewahrt.

Folk My Life

Foto: Wolfgang Leyn

Seit einigen Jahren verkörpert sich diese Herangehensweise mehr im Umgang mit historischer traditioneller Tanzmusik. Die Entdeckung der Musiken in Tanzmusikhandschriften in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre durch die zweite Generation stellte den wohl entscheidenden Schritt zur Entstehung der jungen Szene dar. Mit diesem Material konnte man Instrumentalmusik schaffen, wie man sie aus Frankreich oder Schweden kannte. Man konnte aufschließen zu Ländern, in denen diese Entwicklung schon viel früher stattgefunden hatte. Man spielt heute die überlieferten Melodien in einer Form, die zum gewünschten Tanz funktioniert. Es wird experimentiert mit Rhythmen und Begleitstimmen, mit Breaks und Harmonien – so, wie es historisch eben nie geklungen hat.

Workshop sächsische Volkslieder mit Unfolkkommen in der Kulturkirche in Löbstedt

Foto: Wolfgang Leyn

Bands wie Folk My Life oder Lottes Flausen standen auf dem diesjährigen Festival für diese Szene. Eindrucksvoll war jedoch auch die Teilnahme vieler Mitglieder des Jugendfolkorchesters, die zur Eröffnung musizierten, die Session bereicherten und, wo immer es ging, tanzten. Apropos Tanz! So sehr sich in den letzten Jahren traditionelle Tanzmusik aus historischen Handschriften durchsetzt, so sehr sind die Tänze dazu den typischen Balfolktänzen verhaftet. Zu jedem Sechsachtel wird entweder „Fröhlicher Kreis“ oder „Chappeloise“ getanzt. Na ja – das kann eben fast jeder. Um diesen Zustand zu ändern, gab es einen Workshop mit Thüringer Tänzen mit Nicole Näder und einen Lustig/Schleifer-Workshop mit Vivien Zeller – beide außerordentlich gut besucht.

Lieder wiesen auf dem diesjährigen Deutschfolkfestival ein großes Spektrum auf – von den Popmusikbearbeitungen von Janna über die die witzig-geistreichen Couplets on Unfolkkommen bis hin zu den oft fast minimalistischen Tanzliedern von Viertour.

Session im KuBus in Lobeda

Foto: Wolfgang Leyn

Können nun diese Generationen heute etwas miteinander anfangen? Die erste Generation möchte sich ungern für ihr Tun feiern lassen. Das kann ich gut verstehen und es macht sie sympathisch. Auch verstehen sie vielleicht nicht, wie man sich bis heute mit traditionellem Liedgut beschäftigen kann, denn für sie war es der erste Schritt ihrer Entwicklung hin zu anderen Themen. Die zweite Generation füllt eine Art Mittlerposition aus. In den Sessions des Festivals wurde es offenbar. Da erklangen Stücke aus Tanzmusikhandschriften ebenso wie zotige, sich manchmal unter der Gürtellinie bewegende Lieder der frühen Folkzeit. Manchmal sind heute auch die einst völlig „uncoolen“ Stücke der Vätergeneration zu hören, die verschmitzt provokativ angeboten werden.

Hier scheint bereits eine neue Ebene der Überlieferung – also der Tradition – zu bestehen. Vielleicht ist es diese neu gewachsene Tradition, die unsere Musik lebendig hält, und in ihr zeigt sich, was die neuen Generationen von der ersten unterscheidet. Sie finden etwas Neues darin. Die frisch entdeckte Tanzmusik findet in der dritten Generation begeisterte Musikantinnen und Musikanten. In der Session am Samstagabend am Feuer in Beulbar hatte ich dabei erstmals einen Gedanken: Wie ertragen diese jungen Leute unseren Umgang mit deutscher Folkmusik eigentlich? Ich hoffe mit einem Lächeln.

Folkländer im Am-Vieh-Theater in Beulbar

Foto: Patrick Schneider

Etwa siebenhundert Leute besuchten die Veranstaltungen in und um Jena. Also – weiter geht’s zum nächsten DeutschFolk-Festival! Zum Schluss noch ein schöner Satz meines Kollegen Ernst Poets: „Unsere Aufgabe als deutsche Folkmusikanten liegt meiner Meinung nach darin, die Tradition nicht nur zu bewahren, sondern ihr eine neue Kraft einzuhauchen. Die Melodik zu verfeinern, die Harmonik zu bereichern, neue Formen zu entwickeln, den Geist anderer Traditionen einfließen zu lassen, ohne das typische an unserer Musik dabei aus dem Blick zu verlieren.“ Genau!

www.deutschfolkinitiative.de/festival

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Aufmacher:
Viertour im Am-Vieh-Theater in Beulbar

Foto: Wolfgang Leyn

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