Seit mehr als sechzig Jahren ist der kleine Badeort Broadstairs an der südenglischen Küste im August Austragungsort der Folk Week, die 2026 unter besonderen Bedingungen stattfand. Beinahe täglich wurden neue Hitzerekorde gemeldet. Die drückende Luft verstimmte die Saiteninstrumente, die Akkordeonistin Trish Power wurde dehydriert ins Krankenhaus eingeliefert. Kurz vor dem Auftritt von Suntou Susso lärmten plötzlich sämtliche Smartphones – eine Behördenwarnung: Waldbrandgefahr! Sie erkenne ihr einst in prächtigem Grün prangendes England nicht mehr wieder, beklagte beklommen die aus den USA angereiste Singer-Songwriter-Legende Bridget St John.
Text und Fotos: Harald Keller.Os
Der Ortsname Broadstairs, der sich tatsächlich einer breiten Treppe verdankt, die einst Seeleuten den Aufstieg vom Strand zur Kapelle St Mary’s ermöglichte, lässt sich mit ein wenig Fantasie auf das Festivalprogramm anwenden. Breit war das Spektrum der Stilrichtungen, Workshops, Familienangebote, und man konnte alle Stufen musikalischer Entwicklung beobachten, vom Zehnjährigen, der auf der Promenade, auf einer Spielzeuggitarre klampfend, sehr erfolgreich sein Taschengeld aufbesserte, bis hin zu Größen der Sparte wie dem Ex-Jethro-Tull-Gitarristen Martin Barre, dem schelmischen Gerry Colvin oder den immer noch jugendlich frischen, extrem gut gelaunten The Men They Couldn’t Hang.
Besucherinnen und Besucher der Folk Week erleben neben Konzerten im großen Gemeindesaal der zentral gelegenen Baptist Church viele kostenlose Auftritte in Pubs, Biergärten, im Sailing Club, im Sarah Thorne Theatre, im Pavillon im Victoria Park, im Zelt auf dem Kunst- und Handwerkermarkt. Das siebzigseitige Programmheft umfasst eine Fülle an Kursen und Aktivitäten sowohl musikalischer als auch handwerklicher Natur für sämtliche Generationen. Man kann sich mit der Ukulele, mit der Mundharmonika, mit afrikanischem Gitarrenspiel bekannt machen, mit Spinnrad, Stricknadeln und Stemmeisen, es gibt Singalongs und Sessions, Workshops für Morris-, Americana- und mittelalterliche Tänze.
Die Kurse finden größtenteils im Bleak House statt, einem hoch auf der Klippe gelegenen Herrenhaus, in dem Charles Dickens zwischen 1839 und 1851 seine Sommerferien zu verbringen pflegte. Unübersehbar zehrt Broadstairs von den Besuchen des großen Schriftstellers. Es gibt einen „Dickens Walk“, einen Pub namens „Charles Dickens“, ein Dickens-Museum. An einer Autowerkstatt findet man eine Plakette mit dem Hinweis, dass Dickens hier einst seine Pferde einstellte. An anderer Stelle pariert ein humorvoller Hausbesitzer den Rummel mit dem Hinweis: „Charles Dickens never lived here.“
Das klassische Repertoire ist fester Bestandteil der Folk Week: überlieferte Folksongs aus keltischer Tradition, Publikumsfavoriten, Evergreens. Dennoch, die Organisierenden verharren nicht in Nostalgie. Weltmusik ist vertreten, junge Stilrichtungen, ungewöhnliche Klangkombinationen. Die Zuhörerschaft begegnet all dem mit offenen Ohren.
Rebecka Edlund zum Beispiel fand ein gebannt lauschendes Auditorium. Die Schwedin begann 2019 ein Musikstudium in London, veröffentlichte mit dem Quartett Oknytt das Album Något Om En Björk (grob übersetzt: „Einiges über eine Birke“). Seither hat sie sich weiterentwickelt, ihr kommendes Album Virgin Forest, so sagt sie im Gespräch, wird Zeugnis ablegen von diesem Prozess. Sie spielt zwölfsaitige Gitarre und Harmonium, ihr eigentliches Instrument aber ist ihre Stimme. Kristallklar und gefühlvoll hebt sie an, geht bei manchen Songs in jazzigen Scatgesang über und bewegt sich dann mühelos in einem Spektrum zwischen Agnetha Fältskog und Zarah Leander.
Nicht nur umschlängelt sie improvisierend ihre Melodien, sie imitiert Vogelgezwitscher, Wälderrauschen, brechendes Eis. Joni Mitchell und Badi Assad zählen zu ihren Einflüssen, gelegentlich klingt Björk an, doch solche Vergleiche lenken nur ab von einem eigenständigen schöpferischen Werk. In Broadstairs bestritt Edlund zunächst das Vorprogramm von Sean Cooney. Anderntags, um 12.30 Uhr bei ihrem Auftritt im intimen Sailing Club, gab es einen unerwarteten Andrang. Konzertbesucher des Vorabends wollten mehr von ihr hören und hatten früh am Morgen noch eilig Eintrittskarten gekauft.
Mit ihrer, wenn man so will, Einwanderungsbiografie stand Rebecka Edlund in Broadstairs nicht allein. Der in Burundi wurzelnde Muco spielt die burundische Zither und singt dazu hingebungsvoll mit warmer Stimme alt-, mittel- und neuenglische Texte, deren Herkunft und sprachliche Besonderheiten er zwischen den Songs erläutert. Das Publikum folgte ihm in andächtiger Stille und mit emotionalem Gewinn.
Für eine nicht minder originelle kulturelle Fügung steht der Gitarrist Ajay Srivistav, ein gebürtiger Brite mit indischen Vorfahren, der sich meist Ajay nennen lässt. Seine musikalische Vorliebe gehört dem Delta Blues. Er spielt ihn auf einer Resonatorgitarre in offener G-Stimmung mit Slide-Röhrchen, kann das Instrument stilecht nach verrauchtem Juke Joint, aber auch wie eine Sitar klingen lassen. Die indische Note wird betont durch Vinod Kerai an der Tabla. Ein so pikantes wie bekömmliches westöstliches Masala. Stimmlich erinnert Ajay an George Harrison und weckt damit unwillkürlich Erinnerungen an die Sechziger, als Harrison, Mickey Hart oder Brian Jones mit der Sitar zu experimentieren begannen.
Das Projekt „Rooted & Rising“ versammelt Musikerinnen und Musiker aus drei Kontinenten. Kommissioniert wurde es von der English Folk Dance and Song Society (EFDSS), die den brasilianischen Percussionisten Adriano Adewale als Orchesterleiter gewinnen konnte. Der beschrieb das Vorhaben im Vorfeld mit den Worten: „Wir haben Künstler eingeladen, etwas Zeitgenössisches einzubringen, das zugleich auf Traditionen zurückgreift und von diesen inspiriert wird.“
Überraschend, weil im Programm nicht angekündigt, gab es in diesem Rahmen ein Wiedersehen mit Jenn Butterworth. Auch die schottische Ausnahmegitarristin, deren Album Her By Design 2025 mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde, war in das Ensemble berufen worden. Nur eines von mehreren Projekten, an denen Butterworth neben ihrer Soloarbeit beteiligt ist. Unmittelbar nach dem Konzert in Broadstairs musste sie auch schon weiter nach Cambridge, zum nächsten Engagement.
Authentische African Beats brachten Edith WeUtonga, Bassistin mit eigener Band aus Zimbabwe, und Suntou Susso mit den erstmals in Großbritannien gastierenden Gambian Superstars nach Broadstairs. Sussos Album Jaliya Silokang – The Path Of A Griot gelangte Anfang 2026 in der Kategorie „Traditionelle ethnische Musik“ in die Quartalsbestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik. Mit Sussos Auftritt nahm die Konzertreihe der Hauptabendschiene am Freitag ein mitreißendes Ende. Es wurde gelacht und getanzt, Susso wanderte mit seiner Kora durch das Publikum, das ihn mit einer Standing Ovation verabschiedete.
Wenig später konnte man Susso und einige Bandmitglieder im Fish-&-Chips-Imbiss an der zentralen High Street treffen, der in diesen Tagen bis spät in die Nacht geöffnet hatte. An solchen Beobachtungen zeigt sich der besondere Charme dieses Festivals: Es ermöglicht zwanglose Begegnungen mit Musikerinnen und Musikern, die sich freuen, mit ihrem Publikum ins Gespräch zu kommen. Bei solchen Gelegenheiten erfährt man auch ein wenig über deren so gar nicht glamouröses Nomadenleben. Das Duo From The Workshop hat einen Song darüber geschrieben, über die Campingplätze, auf denen sie die Nächte verbringen, über die Seemöwen, deren Gekreische sie nicht schlafen lassen.
Gabrielle „Gabi“ Falquero, Alicia Adams und Madi Antonini von Fae as Folk – die eigentlich ein Quartett sind, in Broadstairs fehlte Emily „Nem“ Jupitus – teilen diese Erfahrungen. „Normalerweise stellt uns ein Festival einen Campingplatz zur Verfügung, aber wir können von Glück reden, wenn die Gage gerade einmal unsere Reisekosten deckt. Zu diesen Kosten gehören in der Regel Benzin für mindestens zwei Autos und einfache Campingmahlzeiten, die wir vor dem Zelt zu uns nehmen. Die Vorstellung, in einem Hotel übernachten zu können, bleibt ein ferner Traum!“
Fae as Folk verehren die deutsche Band Faun und beobachten die hiesige Szene aus der Ferne. Sie verfolgen eine ähnliche Richtung, kleiden sich fantasievoll, beziehen Inspiration aus alten Mythen und Legenden, aber mit feministischer Note. Ihr erstes Album trägt den Titel Coven, „Hexenzirkel“, ein zweites ist in Arbeit. Sie bezeichnen sich selbst als „düstere Folkbardinnen“, doch bei ihren Konzerten geht es ganz und gar nicht schaurig zu. Mühelos brachten sie das anfangs stirnrunzelnd äugende Pubklientel mit ihren schwungvollen Liedern, einnehmenden Moderationen und griffigen Refrains im Nu auf ihre Seite.
Zu viele Namen müssen leider unerwähnt bleiben. Noch ein paar Stichworte: Die bereits seit längerem aktive Folkrockband Green Diesel bewegt sich in den Fußstapfen von Steeleye Span und der Albion Band. In der Formation South Shore from the Medway haben sich mit Rachel Lowrie, Stuart Turner, Nick Rice und Rob Grigg vier erfahrene Musikerinnen und Musiker zusammengefunden, die Folk und Pop zu einer ansprechenden Mischung verschmelzen. Die Studioeinspielungen sind eine Spur zu steril geraten, live aber kommen ihre Qualitäten voll zur Geltung.
Enormen Anklang fand Django Chutney, eine Balkan- und Gypsy-Truppe mit ansteckendem Temperament. Aufmerksamkeit verdienen zudem die einfallsreichen Kompositionen und Texte des kanadischen Americana-Duos Roswell Road. Die schottischen Elephant Sessions könnten traditionsbewusste Folkfans verstören – das Quartett paart überlieferte mit groovigen elektronischen Klängen und füllte mit dieser animierenden Mischung die Tanzfläche im Pavilion.
Dort brachten im Rahmen der Spätschiene „Later at the Pav“ außerdem Folkrocker wie Common Culture, Shanghai Treason, 3 Daft Monkeys, die zünftigen The Trawlermen und die ungebärdigen Tankus das Publikum in Bewegung. Leider überschnitten sich diese Konzerte mit den Auftritten teils prominenter Bands in der Baptist Church, was bei einigen Besuchern deutlichen Unmut hervorrief.
Auf der Außenterrasse des Pavilion spielten am Wochenende feurige Partybands vor einem entsprechend aufgekratzten Publikum. Man konnte Folkfans beobachten, die sich irritiert umsahen und den Schauplatz kopfschüttelnd verließen, in Unkenntnis darüber, dass sich im Inneren des Komplexes ein eleganter Ballsaal befindet, der den Folk-Week-Veranstaltungen vorbehalten war.
Als unerfreulich für Musizierende und interessiertes Publikum erwiesen sich einige Konzerte auf den Terrassen der an der Promenade gelegenen Pubs – dort traten zuweilen Bands in benachbarten Lokalen gleichzeitig unter freiem Himmel auf und gerieten einander akustisch ins Gehege. Das aber waren nur kleinere Eintrübungen des Gesamteindrucks – langjährige Folk-Week-Gäste, einige waren vom Kontinent angereist, wussten zu berichten, dass die seit zwei Jahren amtierende Festivalleiterin Kai Hoffman – die einst an der Kölner Hochschule für Musik Waldhorn studierte, sich aber für eine Karriere als Sängerin und Komponistin entschied – frischen Wind in die Veranstaltung gebracht habe. Und das empfanden alle Befragten als willkommenen Fortschritt.


















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