Der folker hat sie schon länger im Blick, die Brüder Nicolò und Simone Bottasso. Sie stammen ursprünglich aus dem Piemont in Norditalien und sind heute in Rotterdam ansässig. Seit ihrem Debütalbum Crescendo, das 2015 erschien, haben sie nicht nur geografisch ihre künstlerische Heimat immens erweitert. Das Duo sucht stets nach neuen Wegen, die Traditionen, aus denen es kommt, weiterzuentwickeln. Ihr jüngstes Projekt heißt „Postcards from Italy“ – ein einzigartiges multimediales Programm.
Text: Petra Rieß; Fotos Frederico Castelli
Die Reise begann in den Niederlanden. Im Auftrag des Eye Filmmuseums in Amsterdam sollten die Bottasso-Brüder einen Soundtrack für fünfzehn Stummfilme komponieren, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Italien gedreht worden waren. Das war 2022, und für die beiden begann damit ein Prozess, der sie tief in die Geschichte ihrer Heimat und wieder zurück in die Gegenwart führen sollte. Das Duo beschloss, die Stationen dieser stummen Filmzeugnisse selbst mit dem Zug nachzuvollziehen, von Norditalien, dem Lago Maggiore aus über Ligurien, Neapel, Amalfi, Sizilien und an der Adriaküste entlang zurück, über Venedig und Turin. Im Gepäck waren neben Zahnbürste und Shampoo auch Mikrofone und Aufnahmegerät, um die Geräusche der Gegenwart einzufangen und den Stimmen der Menschen zu lauschen, die heute an jenen Orten leben.
„Uns wurde bewusst, wie sehr Italien sich verändert hat.“
„Nachhaltiges Reisen kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Deshalb haben wir meistens bei Freunden und Bekannten übernachtet, die wir beispielsweise nach einer Aufführung oder auf einem Festival kennengelernt hatten. Dieses Projekt hat uns sehr viel gegeben. Als wir uns das Filmmaterial ansahen, wurde uns bewusst, wie sehr Italien sich verändert hat, was uns dazu motivierte, nachhaltiger zu reisen. Als wir zum ersten Mal mit dem Zug nach Italien einreisten, fühlte sich das sofort richtig an“, erklärte Simone Bottasso im Dezember 2025 dem Journalisten Michael Oudman in einem Interview für das EYE Filmmuseum.
Nicht immer waren die Orte mit dem Zug zu erreichen, wie zum Beispiel das Valle Argentina in den Ligurischen Alpen. Im Gegensatz dazu ist es deutlich weniger aufwendig, die filmische Reise zu verfolgen, denn sie beginnt – ganz bequem – mit einem Dampfboot auf dem oberitalienischen Lago Maggiore im Jahr 1913. Fischerboote liegen am unbefestigten Ufer, Häuser stehen dicht an dicht, mit Wäscheleinen und Holzstapeln davor. Dann erscheinen Palazzi und Verkaufsstände, fein gewandete Damen und Herren flanieren dort entlang. Manchmal sind die Filmbilder beschädigt, dann rutscht die Vergangenheit mit ihren Menschen und Orten plötzlich hinter fleckige Blasen oder Streifen, doch sie verschwindet nie vollständig. Untermalt wird diese erste Etappe von einer Melodie, die unverhofft im Bild auf ein Gegenüber trifft. Ein Mann mit Strohhut und Akkordeon steht am Ufer, und das stumme Spiel aus der Vergangenheit bekommt in der Gegenwart eine Fortsetzung – mit einer Komposition von Simone und Nicolò Bottasso, die sie dem (Stumm-)Film natürlich nicht ablauschen konnten, stattdessen sind sie ihrer Fantasie, ihren Traditionen, ihrem Können und den Schätzen italienischer Musikarchive gefolgt. „Während wir uns die Filme immer wieder ansahen, hörten wir oft Musik von anderen Künstlern, um herauszufinden, was in welcher Weise zu den Bildern passt“, erzählt Nicolò im Eye-Interview. Und Simone ergänzt: „Schließlich begannen wir beim Anschauen zu improvisieren. Das haben wir dann mit traditioneller Volksmusik aus Archiven kombiniert, die wir auf unseren Reisen besucht haben.“
Simone Bottasso spielt diatonisches Akkordeon (auf Italienisch Organetto), Nicolò ist Geiger und liebt außerdem den dunklen Sound der Viola d’amore (große Bratsche). Dazu kommen Samples, Klangfragmente, Stimmen und Feldaufnahmen, die das Duo mit ihrem Folk und zeitgenössischer Improvisation mischt. Entstanden ist betörende Musik, die immer wieder neue Türen öffnet, hinter denen sich eine weitere Geschichte findet. So erzählt eine Frau vom Faschismus in ihrer italienischen Heimat; später, auf dem Domplatz in Florenz, mischt sich das Glockengeläut der berühmten Kirche mit den Gesprächen der Menschen auf dem Markt, und Niccolòs sprechende Geige gibt schräg und vorlaut ihren Kommentar dazu.
Es ist bewundernswert, welche Klänge die Bottassos ihren Instrumenten entlocken. Die 1912 fotografierten Marmore-Wasserfälle etwa sind kein idyllischer Ausflugsort – hier bestimmt die Macht des Elements die Umgebung, und dazu zieht Simone dunkle Akkorde aus seinem Instrument, einem unregelmäßig pulsierenden Morsealphabet folgend. In Neapel wiederum finden wir uns inmitten der „Festa dei Gigli di Nola“ in einer Menschenmenge wieder, und das Duo intensiviert die Stimmung mit wilden Samples aus Blech, klickenden Technosounds und Violavibrationen.
Und was tut man auf einer Reise? Man schreibt Postkarten nach Hause. Aus dem Soundtrack hat das Duo Bottasso insgesamt elf klingende Postkarten entwickelt – die Bildmotive sind Stills aus dem Film, dazu kommen die jeweils eigens komponierten Stücke, die mittlerweile auch als Album erhältlich sind. Die Orte stammen aus einer Zeit, die niemand, der heute auf der Welt ist, erlebt hat, dennoch sind sie Teil der Gegenwart. Nach und nach lernt man beim aufmerksamen Zuhören und Betrachten ein anderes Italien kennen. Nicht das pittoreske Land, wie es Touristen verkauft wird. Diese Postkarten erzählen von großer Armut und immensem Reichtum, Faschismus und Partisanentum, von Bergen und Meer, vom Leben und Überleben.
„Die Leute sind oft sehr überrascht, dass ein Film über ihr kleines Dorf offenbar in einem niederländischen Museum aufbewahrt wird. In Sizilien trafen wir jemanden, der beim Anblick des Films sehr emotional wurde“, erinnert sich Simone Bottasso im Gespräch mit Oudman.
Drei Jahre lang hat das Duo Bottasso an diesem Projekt gearbeitet und etwas Einmaliges geschaffen. Geschichte wurde aus den Archiven befreit und mit einer neuen Sprache versehen, die Vergangenheit und Gegenwart auf magische Weise zusammenbringt. Solche Postkarten möchte man öfter bekommen.
Aufmacher:
Aktuelles Album:
Postcards From Italy (Eigenverlag, 2026)











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