Für die neapolitanische Sängerin Flo müsste man das Etikett „Folkperformerin“ erfinden. Voller Inbrunst, Rasanz und Zärtlichkeit präsentiert sie ihre Lieder. Da gibt es Katzengeschrei, ein gepfiffenes Zitat aus einem Fellini-Film, plötzlich rappt sie, reißt das Publikum von den Sitzen, aber erzählt auch von den traurigen Schicksalen fast vergessener südamerikanischer Sängerinnen, deren Lieder sie singt.
Text: Hans-Jürgen Lenhart
Man ist verführt, Flo eine Urgewalt zu nennen. Kein Wunder, sie kommt aus Neapel, wo Musik oft besonders ausdrucksvoll dargeboten wird. Da leidet man nicht, sondern schluchzt. Statt sich zu freuen, wird gejauchzt. Und wenn ein Tanzrhythmus kommt, müssen alle mitmachen. Flo ist zudem ausgebildete Opernsängerin und Theaterschauspielerin, hat mit dem Großmeister der dramatischen Musikperformance, dem neapolitanischen Sänger Peppe Barra zusammengearbeitet.
Gerade von diesem höchst witzigen Künstler scheint sie inspiriert zu sein. „Ich war Gast bei Peppe Barras Konzert zum 2.500-jährigen Jubiläum der Stadt Neapel. Ich glaube, er ist ein bedeutender Bewahrer einer unsichtbaren, aber dennoch existierenden Tradition. Obwohl ich Singer/Songwriterin bin und mich nicht so intensiv mit Tradition auseinandersetze, hat mich seine Fähigkeit beeinflusst, Klänge, Tierstimmen, verschiedene Register und Elemente des Barock, der Oper und der Tradition in einem ausgewogenen Verhältnis einzusetzen. Mir ging es nie darum, modern zu sein, sondern intensiv zu sein.“
„Oft wird Frauen eine schöne Stimme zugeschrieben, doch vielen fällt es schwer, auch ihr Handeln zu würdigen.“
Floriana Cangiano alias Flo ist dennoch nicht die typische Rampensau. Sie hat keine Rockband hinter sich, beschränkt sich in der Begleitung meist auf den akustischen Gitarristen Cristiano Califano und den Percussionisten Michele Maione.
Und bei ihrem letzten Album Brave Ragazze, welches ihre derzeitigen Konzerte bestimmt, geht es entsprechend um „mutige Frauen“. Hier singt sie teils spanischsprachige Lieder etwa der argentinischen Musiksammlerin und Folksängerin Leda Valladares, die Musik als politisches Instrument des Widerstands verstand. Oder der Chilenin Violeta Parra, die mit ihren Liedsammlungen die Basis für das Nueva Canción Chilena schuf und von der das ikonische Stück „Gracias A La Vida“ stammt. Flo erzählt zudem von Gilda Mignonette, die einst im fernen Amerika neapolitanische Gassenhauer bekannt machte, oder von Gabriella Ferri, der frühverstorbenen italienischen Folkpopsängerin.
Musikalisch wirkt bei Flo dennoch nichts nach verstaubten Protestsongs früherer Jahre, sondern eher nach kunstvollem Folkpop mit manchmal jazzigem Einschlag und italienischen Rhythmen. Während neapolitanische Musik gern als lebhaft und tanzbar empfunden wird, stehen die Lieder der von ihr ausgewählten Komponistinnen im Kontrast dazu, wenn man bedenkt, dass viele von ihnen durch Selbstmord, Depression oder wie La Lupe, dem ausgebooteten Salsa-Star, als Obdachlose ein tragisches Ende fanden. Live versucht Flo, ihr Publikum zu berühren, wenn sie etwa von Leda Valladares erzählt, die in den Vierzigerjahren mit ihrem Aufnahmegerät alte Lieder aufnahm und sie somit dem Vergessen entriss, während sie selbst ihr Leben dem Vergessen opfern und ihre Tage in einer Alzheimerklinik beenden musste. „Oft wird Frauen eine schöne Stimme zugeschrieben“, sagt Flo, „doch vielen fällt es schwer, auch ihr Handeln zu würdigen und sie auf dieselbe Stufe wie die großen Männer der Musikgeschichte zu stellen. Deshalb wollte ich von ihrem Leben erzählen.“
Die Konzentration auf lateinamerikanische Musikerinnen mag für eine Italienerin überraschen, doch Flo orientiert sich nicht an geografischen Eigenheiten. „Ich denke vielmehr an eine Geografie der Empfindungen, Gefühle, Affinitäten, Ähnlichkeiten“, betont sie. „Und diese Frauen ähneln mir; ihr Leben berührt mich.“
Flo schlüpft regelrecht in Gesangsrollen. So erzählt sie im eigenen Song „Maddalena“ die Geschichte einer weiblichen Seele, die im Körper eines Mannes zur Welt kam, und daran leidet. Ihr Lied „Boccamara“ handelt von einer Frau, die, geschunden vom Leben, zu einer giftigen Schlange wird. Die Anregung zum Album Brave Ragazze bezog die Neapolitanerin aus dem 1952 erschienenen Buch Le Donne Muoiono („Frauen sterben“) von Anna Banti, eine futuristische Geschichte, in der Männer wegen ihres „zweiten Gedächtnisses“ weiterleben, während Frauen dazu verdammt sind, nur ein Leben zu haben und dabei ihr Gedächtnis verlieren.
Flo ist ein weiteres Juwel aus der scheinbar unerschöpflichen neapolitanischen Musikszene, deren Qualität beeindruckt und die weit entfernt vom Italopop ihre eigenen Stars kreiert. Um dazu eine ansatzweise Übersicht zu bekommen, sei der Dokumentarfilm Passione des US-amerikanischen Schauspielers John Turturro aus dem Jahr 2010 empfohlen. Hier werden die erotische Schmirgelpapierstimme Pietra Montecorvinos, der schon erwähnte „Meister des bezirzenden Kehldramoletts“ Peppe Barra, die Gruppe Avion Travel oder der Teeniestar der Sechziger, Massimo Ranieri („O Sole Mio“) vorgestellt. Auch das Trio Suonno d’Ajere wäre zu erwähnen, das sich an der traditionellen Musik orientiert, oder Maria Nazionale, die sowohl Folk als auch modernen Pop auf Neapolitanisch singt und eine der ergreifendsten Stimmen Italiens hat. Doch laut Flo ist diese Szene so vielfältig, dass es schwerfällt, generell von einer neapolitanischen Musik zu sprechen. Außerdem sei die Szene bedroht, sagt sie. „Dieses künstlerische Erbe wird nicht gefördert. In den letzten zehn Jahren haben fast alle Clubs für Livemusik in Neapel geschlossen, um Platz für Imbissstände für Touristen zu machen. Wenn es so weitergeht, wird es hier bald keine Livemusik mehr geben.“
Neapolitanisch singt Flo allerdings nur teilweise. „Dies ist eine eigene Sprache mit eigener Grammatik und Literatur. Es gibt so viele Wörter, die es im Italienischen nicht gibt und umgekehrt. Ich benutze sie, wenn ich tief in meine Gefühle eintauchen und den einfachsten, kindlichsten, nostalgischsten Teil von mir zum Ausdruck bringen möchte.“
Die barfüßig auftretende Sängerin ist in Italien schon länger ein Star, erhielt unter anderem den einzigen Weltmusikpreis Italiens, den Andrea-Parodi-Preis. Es dürfte nicht ihr letzter gewesen sein.
Aufmacher:
Aktuelles Album:
Brave Ragazze (Soundfly, 2022)











0 Kommentare