Abdullah Ibrahim

* 9.10.1934 Kapstadt, Südafrika
† 15.6.2026 Prien am Chiemsee

26. Juni 2026

Lesezeit: 2 Minute(n)

Es ist noch nicht mal ein Jahr her, Anfang Juli 2025, da sitzt Abdullah Ibrahim in Rudolstadt auf der Bühne im Innenhof der Heidecksburg, alleine am großen Steinway-Flügel, und begeistert das Publikum durch sein unnachahmliches Klavierspiel. Die Finger des großen, hageren Musikers in der etwas zu großen blauen Jacke entlocken dem Piano Töne, denen er versonnen lauscht, um sich im nächsten Moment, so scheint es, wieder an den Klang zu erinnern. Bisweilen bewegt sich sein Mund, begleitet das Gespielte mit einer Mimik so, als wolle er singen, lächelt manchmal, als genieße er die Erinnerung an die Töne.

Nun ist Abdullah Ibrahim, der in den Sechzigern als Dollar Brand bekannt wurde, in seiner Wahlheimat im süddeutschen Chiemgau gestorben. Die andachtsvolle Aufmerksamkeit während seiner Auftritte beschrieb er selbst so: „Das Universum fließt dann durch einen. Tiere spüren lange vorher, dass ein Erdbeben kommt. Wir haben diese Gabe längst verloren, aber die Musik gibt sie uns hin und wieder zurück.“

Am 9. Oktober 1934 unter dem Namen Adolph Johannes Brand in Kapstadt geboren, war Musik von Anfang an in der Familie präsent. Seine Großmutter spielte Klavier, seine Mutter leitete den Chor in der African Methodist Episcopal Church im Kapstädter Viertel Kensington. So begann er schon im Alter von sechs Jahren mit dem Klavierspiel und komponierte früh eigene Stücke. Mit fünfzehn Jahren wurde er Profimusiker. 1962 verließ er Südafrika Richtung Europa. Der Kontakt mit Duke Ellington und anderen amerikanischen Jazzgrößen führte 1965 zur Übersiedlung nach New York, wo er 1968 zum Islam konvertierte und den Namen Abdullah Ibrahim annahm.

1974 entstand während einer Pause im Aufnahmestudio in Kapstadt ein Stück, das zur Hymne der Anti-Apartheid-Bewegung werden sollte: „Mannenberg“, das nach einem der ersten Townships für zwangsumgesiedelte Schwarze benannt ist. Von allen Stücken auf seinen mehr als siebzig aufgenommenen Alben war es der erfolgreichste Titel.

Ibrahim, der sich selbst nie als Jazzmusiker empfand, beschrieb seine Musik als zutiefst „menschlich“, denn sie reagiere auf Gegebenheiten, anstatt einen Ablauf möglichst fehlerlos zu reproduzieren. Über Musik äußerte sich Abdullah Ibrahim wie ein indischer Mystiker: „Melodie ist Individualität, Harmonie ist Gemeinschaft, und Rhythmus ist das tägliche Ritual.“

Christoph Schumacher

Foto: Frank Szafinski

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