Ingo Nordhofen

* 19.5.1953 Arnsberg
† 3.6.2026 Witten

26. August 2026

Lesezeit: 3 Minute(n)

Wir sind uns sicher, Ingo hätte sich aufs Energischste gegen diesen Nachruf gewehrt … – „um am Ende dann doch heimlich gerührt zu sein“, wie ein Fotografenkollege in Rudolstadt wohl zutreffend bemerkte. Seine Verbundenheit mit dieser Zeitschrift war einfach zu eng und zu lang, um sein Ableben zu ignorieren.

Seine musikalische Sozialisation hat Ingo einmal selbst wie folgt beschrieben: „Gelernter Beruf Dipl.-Sozialpädagoge, wird schon im Kindesalter ‚infiziert‘ durch die deutsche Version von ‚Sag mir, wo die Blumen sind‘, als Jugendlicher dann endgültig verdorben durch Pete Seeger, Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader, Hanns Dieter Hüsch, später auch Floh de Cologne, Die 3 Tornados, Witthüser & Westrup sowie Jacques Brel, Bob Dylan, Phil Ochs, Tom Paxton, Leonard Cohen und ähnliche – eine bunte Mischung guter Texte und Musiken.“

Wann genau Ingo als Fotograf zum folker-Vorläufer Folk-Michel stieß, ist etwas vage. Erste im Heft verwendete Fotos von ihm stammen aus den späten Achtzigern, das (heutige) Rudolstadt-Festival dokumentierte er erstmals 1992. Definitiv fest steht, dass Ingo ab der Ausgabe 5/1994 als offizieller Bildredakteur im Impressum des Folk-Michel auftaucht, ein Job, den er ab 1998 im nahtlosen Übergang auch beim folker übernahm, und zwar durchgehend bis Ende 2020. Hauptsächlich die coronabedingten Änderungen der Zeitschriftenorganisation (Verlagswechsel, Neuaufstellung der Redaktion), aber auch seine sich zunehmend verschlechternde Gesundheit beendeten bedauerlicherweise seine Beziehung zu Heft und Redaktion.

Ingo war Fotograf mit Leib und Seele. Das konnte man nirgendwo besser beobachten als beim Rudolstadt-Festival, wo er sich engagiert mit seinen Kollegen absprach, wer wann welche Bühne übernehmen sollte – ein mehrtägiger Knochenjob, der traditionell mit einem Fotografenbierchen nach dem Abschlusskonzert zu Ende ging. Aber auch bei den jährlichen Liederfesten der Liederbestenliste (Ingo war seit 2000 Mitglied der Jury) sowie beim Lahnsteiner Bluesfestival war sein Platz kamerabewaffnet vor und (für die bessere Perspektive auch schon mal) auf der Bühne. Dabei entstand ein riesiger Fundus an professionellen Fotos in seinem eigenen Stil, und es lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass Ingo ab den Neunzigern fast drei Jahrzehnte lang die optische Dokumentation der deutschen Folk- und Liedszene entscheidend mitprägte.

Über die Jahre entwickelte sich innerhalb der Redaktion ein freundschaftliches Verhältnis untereinander – unvergessen bleiben lange Frühstücke in Tübingen und Rudolstadt mit ausgesprochen interessanten Gesprächen oder ausgedehnte gemeinsame (End-)Redaktionssitzungen an verschiedenen Standorten. Er war immer für einen Scherz zu haben, brachte sich mit konstruktiven redaktionellen Vorschlägen ein und griff auch mal selbst zur Feder, wenn es erforderlich war – bevorzugt im Bereich seines heimlichen Lieblingsgenres, des Blues. Ingo war zudem seiner Zeit voraus, indem er als Einziger in der Redaktion hin und wieder für einen gutaussehenden Coverboy plädierte, und war sich nicht zu schade, auch mal die Rolle des redaktionsinternen Festfotografen bei Hochzeiten oder runden Geburtstagen einzunehmen. Ab Mitte der Nullerjahre wurde er zum Hüter des umfangreichen folker-Fotoarchivs.

Gleichzeitig war Ingo kein immer leichter Charakter – so konnte er durchaus nachtragend sein oder seine Überzeugungen mit fast dogmatischer Vehemenz verteidigen. Von einmal für sich gewonnenen Erkenntnissen ließ er sich selten abbringen – auch nicht von triftigen Gegenargumenten oder versöhnlichen Angeboten.

Was nichts daran ändert, dass es wehtut, einen langjährigen treuen Weggefährten sowie einen die Optik von Folk-Michel und folker so lange mitprägenden Menschen für immer verabschieden zu müssen. Lieber Ingo, wo immer du dich nun aufhalten magst, wir gehen einmal optimistisch davon aus, dass du dort die perfekte Perspektive für grandiose fotografische Arbeiten hast. Mach’s gut, lieber Freund!

Die eine Hälfte der Redaktion

Zu Ingos Gedenken planen wir im Rahmen der Veröffentlichung der Rudolstadt-Fotogalerien 2026 eine Sondergalerie mit einem Best-of seiner eigenen Fotos der Rudolstadt-Ausgaben 2008 bis 2018. Der Link dorthin folgt demnächst.

Ingo Nordhofen

Foto: Heiko Stoll

1 Kommentar

  1. Wenngleich er kameradschaftliche Umarmungen eher ablehnte, klopfe ich mal sinnbildlich zum Abschied auf seine beiden breiten Schultern. Er hat mich als Ergänzung seiner eigenen, beachtlichen Fotografentätigkeit bereits früh in die Arbeit des folk-Michel und anschließend des folker in dessen Redaktion eingeführt, so dass ich seit über drei Jahrzehnten beim TFF bzw. Rudolstadt-Festival und in Nürnberg beim Bardentreffen als Fotograf in Erscheinung trete. Daneben schnupperte ich auch bei weiteren Konzerten spannende Presseluft und durfte die ein oder andere illustre Folkikone ablichten oder sogar interviewen, ohne Ingos freundschaftlichen Weitblick bei der Fotografenauswahl fürs Folkerteam sicher undenkbar. Mit Bedauern haben wir Fotokollegen in den letzten Jahren miterlebt, wie Ingos physische Kräfte nachließen und sich dabei zuweilen auch eine nachvollziehbare psychische Frustration in sein Leben einschlich. Liebgewonnenes loslassen zu müssen, ist nicht einfach. Das wissen wir alle und sind deshalb auch traurig über Ingos Tod. Wir halten Dir deshalb einen angemessenen Platz mit guter Bühnensicht im inneren Pressegraben unserer Fotografenherzen frei, lieber Ingo!

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